Heiko Mell

Wechsel in höherem Alter

Ich bin mit über 50 Jahren als Quereinsteiger in meinen derzeitigen Beruf gekommen, wo ich seit sechs Jahren sehr erfolgreich in einem technischen Dienstleistungsbüro arbeite. Nun, mit 57 (und demzufolge mit mindestens weiteren acht Jahren bis zur Rente) habe ich das Gefühl, dass das noch nicht alles gewesen sein kann.

Konkret: Ich sehe mich gezielt nach Stellenangeboten um, von denen ich mir substanzielle berufliche Weiterentwicklungschancen verspreche. Die sporadischen Bewerbungen, die ich abschicke, führen mit einer bemerkenswert hohen Quote von 60 % zu Vorstellungsgesprächen – was mir zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Vorgestern hatte ich wiederum ein sehr angenehm verlaufenes Gespräch, bei dem ich den Eindruck gewonnen hatte, in die allerengste Auswahl vorgestoßen zu sein. Umso größer war meine Enttäuschung, als ich gestern die Stelle erneut frisch eingestellt auf der entsprechenden Website offeriert fand.

Ich bin in Versuchung, einer zu erwartenden Absage zuvorzukommen und meine Bewerbung zurückzuziehen. Nicht aus persönlicher Kränkung, sondern weil ich nicht als „zweite Wahl“ dort anfangen möchte, falls es, wie auch immer, doch zu einer Anstellung kommen sollte. Und aus Gründen der Selbstachtung! Wie ist Ihre Meinung dazu?

Antwort:

Als altgedienter Berater nehme ich keine Rücksicht mehr darauf, was die Fragesteller als ihr Problem empfinden (für das sie eine Lösung erwarten), sondern ich erlaube mir gelegentlich, erst einmal das Problem aus meiner Sicht zu definieren – und dann (vorzugsweise) darauf eine Antwort zu geben.

Ich glaube also, um die Enttäuschung über die so spontan erneut geschaltete Anzeige geht es nur am Rande. Eigentlich bewegt Sie mehr:

Sie bewerben sich, werden in 60 % der Fälle (eine sehr hohe Quote) eingeladen, bekommen aber nur Absagen – obwohl Sie oft, wie auch jetzt wieder, ein sehr gutes Gefühl nach den Gesprächen hatten.

Damit wir den Kleinkram vom Tisch bekommen, haken wir erst einmal die Argumente ab, die man bei diesem Problem routinemäßig sehen muss:

1. Quereinsteiger mit über 50 heißt, dass Sie alt an Jahren, aber dafür extrem jung an Erfahrung im neuen Metier sind (über das wir nichts wissen). Ein Standard-Mitarbeiter Ihres Alters im heutigen Umfeld ist dort seit etwa dreißig Jahren tätig, ist in seiner beruflichen Jugend davon geprägt worden (als er noch formbar war) und hat heute zu vielen Gegebenheiten eine ganz andere Einstellung als Sie. Ein gewagtes Beispiel: Schauen Sie sich so manche Bewohner der neuen Bundesländer an – auch sie hatten eine ganz andere Prägung in ihren jungen Jahren bekommen und waren sechs bis sieben Jahre nach der Wiedervereinigung noch nicht so in das neue System integriert wie die „geborenen Westler“.

Es kann also durchaus sein, dass Sie über vieles „anders“ denken und urteilen – und dann auch anders handeln als diejenigen, die den Maßstab bilden. Langjährig metiergeprägte Menschen von 57 würden vermutlich ihr Gefühl, dies könne noch nicht alles gewesen sein, mit Mitte 40 abgearbeitet haben und geben jetzt Ruhe, so kurz vor dem 60. Geburtstag. Damit handeln Sie ungewöhnlich, fallen auf, verblüffen vielleicht die Bewerbungsempfänger so, dass die diesen „weißen Raben“ spontan einladen, um mal „zu schauen“, was dahinter steckt.

Und dann, das ist möglich, merken sie, dass da ein Bewerber auftritt, der nun mal 57 ist; ihnen fällt ein, dass sie eigentlich niemanden dieses Alters einstellen – Sie bekommen Ihre Absage. Konkret: Irgendwie gelingt es Ihnen, im schriftlichen Bereich Hoffnungen zu erwecken, die Sie vielleicht im mündlichen nicht halten können: Oder: Der „Apparat“ wird am besten mit Standard-Menschen fertig, Sie sind kein solcher Typ, der Apparat scheut das Risiko und zieht sich zurück. Ursache Ihrer Akzeptanzprobleme dürfte demnach derselbe Ausnahmestatus sein, der Sie überhaupt auf die „verrückte“ Idee gebracht hat, mit 57 ohne Not Bewerbungen zu schreiben.

2. Wer oft eingeladen wird, aber keine Vertragsangebote erhält, könnte im Vorstellungsgespräch eklatante Fehler machen oder der eigenen Zielsetzung abträgliche Auffälligkeiten zeigen. Beispiel: Ältere Menschen „plaudern“ gern, erzählen viele „alte Geschichten“, trennen nicht mehr so scharf zwischen „hier und jetzt wichtig“ und „stört hier eher“.

Vor allem: Ihre Gesprächspartner haben gar keine Routine im Umgang mit 57-jährigen Bewerbern – die sehen ja nie solche! Schon deshalb nicht, weil es kaum welche gibt – und man sie im Normalfall nicht einlädt. Nun kommt dann einer ins Gespräch, ist vielleicht der vitalste Mensch dieser Altersgruppe – aber er ist eben 57. Und es bewerben sich 37-jährige parallel. Und die haben mehr Praxis im Metier. Und dann entscheidet man sich gegen Sie.

Dies als Vorrede. Nun zur Titanic. Wir kennen die wichtigsten Details: Untergang nach Kollision mit einem Eisberg 1912, etwa 1.500 Menschen starben. Es gibt Ungereimtheiten dabei, wilde Theorien, Spekulationen usw. Irgendetwas bleibt tatsächlich mysteriös. Ich habe eine Vorliebe für „große“ Theorien in solchen Fällen. Nicht: „Irgendjemand hat die Ferngläser der Ausguckleute auf dem Schiff versteckt“ oder „Der Kapitän war zu ehrgeizig“ – dazu „riecht“ die ganze Geschichte viel zu sehr. Mir imponiert die mit Abstand gewagteste Version; sie ist nicht bewiesen, aber sie hat etwas. Die Vermutung: Die Titanic ist gar nicht untergegangen! Geben Sie es zu, das klingt schon besser (es gab zwei nahezu baugleiche Schiffe, das andere hieß Olympic, war vom Pech verfolgt, ständig in Unfälle verwickelt und langsam schrottreif. Man vertauschte die Namen, jagte die marode Kiste in die Eisberge und inszenierte einen gigantischen Versicherungsbetrug. Die vielen Toten waren einfach „Pech“, irgendetwas ist gegenüber dem Plan schiefgelaufen. Die Idee ist nicht etwa von mir, es gibt ein Buch darüber – und die zwei Schwesternschiffe sind Tatsache. Demnach wäre die vermeintlich „untergegangene“ wertvolle Titanic noch viele Jahre lang zur Freude ihrer Eigner über die Meere gefahren). Es kommt hier nicht darauf an, ob die Theorie stimmt (eher nicht), ich will nur die Bereitschaft fördern, bei Unklarheiten in „großen“ Dimensionen oder einfach das Undenkbare zu denken.

Zurück zu Ihnen. Ich wage also hier den „großen Denkansatz“: Viele, die Sie eingeladen haben, hatten Ihre Bewerbung gar nicht sorgfältig gelesen, hatten vielleicht Ihr Alter überhaupt nicht ausgerechnet – und standen dann erst im Gespräch plötzlich vor der Erkenntnis, was sie da angerichtet hatten. Die Bausteine meiner Theorie:

a) Sehr viele(!) Bewerber haben, wenn sie anrufen oder ihre Zuschrift formulieren, die Anzeige beweisbar nicht(!) gelesen. Das bestätigt Ihnen jeder Fachmann. Warum sollten auf der anderen Seite bessere Menschen sitzen?

b) Ich berate auch Führungs- und Fachkräfte in ihren individuellen Karrierefragen. Diese Gespräche sind offener als Vorstellungskontakte. Und dabei „beschweren“ sich sehr oft Kandidaten über unerklärliche Absagen nach scheinbar sehr harmonischen Vorstellungen. Mitunter schüttele ich mein weises Haupt dabei – nicht wegen des Ausgangs der Angelegenheit, die war unausweichlich bei den gegebenen Fakten. Nein, für mich waren die Zusammenhänge bereits aus den Unterlagen völlig klar, ich hätte schon die Einladung zur Vorstellung für falsch bis merkwürdig gehalten; die Absage war zwingend.

Aus dem Gesprächsbericht der Kandidaten ergibt sich dann, dass es einen Punkt gab, an dem „drüben“ das Visier heruntergeklappt wurde und das Interesse der Arbeitgebervertreter deutlich nachließ.

Wer sorgfältig Bewerbungen liest, konnte den „Knackpunkt“ glasklar in den Unterlagen sehen – die Gesprächspartner waren jedoch erst im persönlichen Kontakt darauf gestoßen.

c) Wenn ein Bewerber 57 und in sein heutiges Metier erst extrem spät eingestiegen ist, sich mit dem, was er tut, nicht mehr ausgelastet fühlt und also irgendwie „mehr“ will als bisher – dann würde man ihn in der Regel gar nicht einladen. Wer ihn dennoch einlädt, dürfte tatsächlich nicht alles analysiert, durchdacht oder auch nur gelesen haben. Und das ist möglich und leider keinesfalls unwahrscheinlich!

Zu Ihrer Kernfrage (Rücknahme der Bewerbung wegen neuer Ausschreibung): Nein, tun Sie es nicht. Da kann die rechte Hand nicht gewusst haben, was die linke schon getan hatte, und man soll im Leben die Chancen ergreifen, wie sie sich ergeben. Viele Karrieren basieren auf dem Tod des Vorgängers, auf der Absage des Spitzenkandidaten oder auf Überlegungen, die dem eingestellten oder beförderten Mitarbeiter die Scham- oder Zornesröte ins Gesicht triebe, würde er sie denn kennen. Also bloß nicht empfindlich sein.

Ich habe hier schon oft gesagt, dass wer Karriere machen will, einen Teil seiner Seele verkaufen muss – er darf lediglich wählen, wie viel das sein soll. Und wer die Fahne der Selbstachtung zu hoch hält, läuft – wie alles, was aus der Masse hervorsticht – Gefahr, das „feindliche Feuer“ auf sich zu ziehen.

Mein Rat: Stellen Sie Ihre Bewerbungen, die nicht aus der Existenznot resultieren, lieber ein. Sie sind heute ein bisschen weniger glücklich als ganz glücklich. Sie könnten ziemlich unglücklich werden in einem neuen Job (der außerhalb üblicher Gepflogenheiten besetzt werden würde). Aber dann hätten Sie keine Chance mehr, noch einmal über Bewerbungen wieder in Amt und Brot zu kommen. Unter diesen Umständen bleibt man, wo man ist.

Kurzantwort:

Querseinsteiger sind Sonderfälle mit der Betonung auf „quer“. Sie liegen schon deshalb außerhalb des Standards, weil Lebens- und Dienstalter im Metier unverhältnismäßig stark auseinanderklaffen. Es ist denkbar, dass sie auch sonst „erfrischend unkonventionell“ denken.

Frage-Nr.: 2322
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-06-10

Top Stellenangebote

PERO AG-Firmenlogo
PERO AG Vertriebsingenieur (m/w/d) International Königsbrunn
Stadt GÖTTINGEN-Firmenlogo
Stadt GÖTTINGEN Stadträtin / Stadtrat Göttingen
KEOLIS Deutschland GmbH & Co. KG-Firmenlogo
KEOLIS Deutschland GmbH & Co. KG Referent Betriebsplanung (m/w/d) Hamm
DYWIDAG-Systems International GmbH-Firmenlogo
DYWIDAG-Systems International GmbH Ingenieur (m/w/d) für den Vertrieb von geotechnischen Systemen Königsbrunn
Dr. Schmidt & Partner Group-Firmenlogo
Dr. Schmidt & Partner Group Kalkulator (m/w/d) Infrastrukturprojekte Stuttgart,München, Großraum Nürnberg
über Dr. Schmidt & Partner Group-Firmenlogo
über Dr. Schmidt & Partner Group Bau- / Projektleiter (m/w/d) Infrastrukturprojekte Stuttgart, Großraum Nürnberg
DeguDent GmbH-Firmenlogo
DeguDent GmbH Keramikingenieure (m/w/divers) Entwicklung Strukturwerkstoffe Hanau
MSA Technologies and Enterprise Services GmbH-Firmenlogo
MSA Technologies and Enterprise Services GmbH New Product Development Project Manager / Tender Manager Operations (w/m/d) Berlin
Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste Nordrhein-Westfalen-Firmenlogo
Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste Nordrhein-Westfalen Technischer Sachbearbeiter mit taktischen Anteilen (m/w/d) Duisburg
Stuttgarter Straßenbahnen AG-Firmenlogo
Stuttgarter Straßenbahnen AG Elektroingenieur / Ingenieur als Planer von Elektroanlagen (m/w/d) Stuttgart

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…