Heiko Mell

Erst am Grabe wird gelobt

Frage/1: Ich arbeite seit wenigen Monaten bei einem weltweit tätigen Hersteller (B) von Roh- und Zusatzstoffen für die Produktion bestimmter Konsumgüter. Ich habe immer noch das Gefühl, dass der Wechsel nicht richtig war und ich eventuell doch zu meinem früheren Arbeitgeber (A) zurückgehen sollte. Das war ein Anlagenbetreiber, bei dem ich gut 80 % meines verfahrenstechnischen Studiums anwenden konnte. Ich war dort eine Art Technologie-Spezialist und drei Jahre dort tätig.

Als ich mich beim heutigen Arbeitgeber bewarb, war von Wirtschaftskrise keine Rede, es gab jede Menge Angebote. Ich wollte mich auf dem Markt ein wenig umschauen. Ziel war es, meinen Marktwert auszuloten und ein wenig Erfahrungen in Vorstellungsgesprächen zu sammeln. Hinzu kam, dass ich mir bei A ziellos und alleingelassen vorkam; ich war irgendwie Mädchen für alles, die Prioritäten des Geschäftsführers änderten sich fast täglich, mein Vorgesetzter wirkte lustlos.

In dieser Stimmung hatte ich mich bei B beworben. Ich sah in dem Angebot einen vergleichbaren Job auf etwas anderem Gebiet. Aber B ist ein amerikanisches Unternehmen, bei dem sehr viel Englisch gesprochen wird und das Produktionsstätten überall auf der Welt hat (mit der Möglichkeit, dort Auslandserfahrungen zu sammeln).

Nach meiner Kündigung sagte man mir bei A, dass man sich gerade dazu entschlossen hätte, mich internationaler einzusetzen – was immer mein Ziel gewesen war. Man könnte sich auch vorstellen, mir in zwei bis drei Jahren Führungsaufgaben zu übertragen. Es war das erste Mal bei A, dass man mit mir direkt über meine Zukunft sprach, was ich vorher sehr vermisst hatte. Mir wurde vom Geschäftsführer und vom Personalleiter gesagt, dass ich jederzeit wiederkommen könnte. Ich merkte, dass ich mir doch einiges an Ansehen bei A erworben habe.

Frage/2: Nun bin ich hier bei B wesentlich mehr in das Tagesgeschäft eingebunden. Mein jetziger Vorgesetzter, der bisher meine Position ausgeübt hatte, ist kein Ingenieur. Ich finde auch, dass ein Industriemeister diese Position besser ausfüllen könnte.

Frage/3: Für mich gibt es jetzt zwei Möglichkeiten:

1. Ich bleibe noch etwa fünf Jahre bei B. Man hat dort ein sehr gutes Mitarbeiterförderungsprogramm. Ich versuche, mich so weit wie möglich zu entwickeln. Danach bewerbe ich mich extern.

2. Ich gehe zurück zu A und hoffe, dass ich dort glücklicher werde. Im Lebenslauf hätte ich eine Auffälligkeit, die ich eventuell mit „jugendlichem Leichtsinn“ erklären könnte. Ich wäre aber dort erst einmal gebunden. Dort wird sich auch einiges verändert haben und ich weiß nicht, ob wirklich alles in Erfüllung geht, was mir beim Ausscheiden zugesagt wurde.

Zu einer dritten Firma zu wechseln, kommt für mich nicht infrage, da ich bei B nicht so unglücklich bin, dass ich mir durch einen erneuten Wechsel (nach wenigen Monaten) meinen Lebenslauf absichtlich verhunze.

Antwort:

Antwort/1: Arbeiten wir das erst einmal auf. Ich muss meine Aussage dazu teilen:

a) für Arbeitgeber:

Was glauben Sie, wie man Leute führt, insbesondere junge in der ersten Position nach dem Studium? Verkürzt gesagt: so nicht. Es ist doch weitverbreitetes Wissen, dass solche Akademiker in den ersten zwei Jahren nicht nur den berüchtigten Praxisschock erleben, sondern auch sonst mit vielen Enttäuschungen konfrontiert werden. Weil die Welt da „draußen“, auf die sie kaum richtig vorbereitet wurden, so ganz anders ist als in ihren studentischen Träumen. Nicht ohne Grund verlassen so viele Anfänger ihren ersten Arbeitgeber nach zwei Jahren. Auch bei diesem jungen Ingenieur begannen die Frustrationen etwa zu diesem Zeitpunkt.

Im vorliegenden Fall taten die Arbeitgebervertreter erst gar nichts, wurden dann durch die Kündigung aufgeschreckt – und hielten dem Arbeitsverhältnis mit diesem hoffnungsvollen Mitarbeiter dann eine flammende Grabrede (als es tot war), in die sie all jene positiven, lobenden und aufbauenden Elemente packten, die dem „Toten“ zu Lebzeiten so gut getan hätten. Und da es ja um die Befriedigung von Mitarbeiterinteressen gar nicht geht, formuliere ich es anders: Die genannten Elemente der Rede am Grab des Anstellungsvertrages hätten, rechtzeitig und zu „Lebzeiten“ vorgebracht, die Investition in die Einarbeitung des Berufsanfängers sichern können – so aber war dieselbe futsch. Pro Dienstjahr des Anfängers eine Stunde Führungsgespräch mit Lob, Tadel und Perspektivbetrachtung wirkt Wunder.

PS: Natürlich sind die Erwartungen der jungen Leute oft überzogen, meist unrealistisch und nicht immer praxiskonform. Aber so ist das nun mal, man muss bei Nichtbeachten mit Extremreaktionen (Kündigung) rechnen.

b) für junge Arbeitnehmer in den ersten Berufsjahren:

Was hier geschildert wird, ist typisch. Im anstrengenden Tagesgeschäft wird die aktive Mitarbeiterführung, deren gerade der Anfänger so dringend bedarf, oft schlicht vergessen. Das ist kaum jemals böser Wille – und es gilt auch nicht die eigentlich logische Vermutung: Wer mich nicht lobt, schätzt mich nicht; wer mich nicht fördert, will das nicht; wer meine Kündigung riskiert, tut das „sehenden Auges“. Alles nicht wahr, oft fällt ein bisschen „Kümmern“ in der Hektik des Alltagsgeschäfts einfach unter den Tisch.

Ein „Aufwachen“ des Arbeitgebers erst nach bereits erfolgter Kündigung guter, wertvoller, geschätzter Mitarbeiter ist sehr oft zu beobachten. Leider.

Heißt für betroffene Mitarbeiter: Rechnen Sie lieber nicht mit einer Lösung „von allein“, planen Sie Fälle wie diesen vorsichtshalber ein. Was wiederum bedeutet: Leiden Sie nicht einfach still und stellen dann die Arbeitgeber mit einem Paukenschlag (Kündigung) vor vollendete Tatsachen, sondern melden Sie Ihre Wünsche und Ansprüche rechtzeitig in angemessener Form an. Bitten Sie also etwa nach zwölf oder achtzehn Monaten um ein Gespräch, fragen Sie danach, wie man Sie einschätzt, wo Sie etwas ändern sollten und – sofern Sie daran interessiert sind – welche eventuellen Perspektiven man „mittelfristig“ für Sie sieht. Sagen Sie dabei z. B. auch, dass Sie gern ins Ausland gehen möchten (eleganter ist, dass Sie gern bereit seien, auf Wunsch des Unternehmens auch Auslandseinsätze wahrzunehmen). Fordern Sie nichts, drohen Sie mit nichts, fragen Sie, hören Sie aufmerksam zu, akzeptieren Sie die Antworten (oder tun Sie so als ob).

Bleiben Sie realistisch: Beförderungen nach einem Jahr Praxis sind ausgeschlossen, lang- oder auch nur mittelfristige Perspektiven verbindlich kaum möglich. Aber wenn die Aussagen Sie überhaupt nicht zufrieden stellen, können Sie sich zum richtigen Zeitpunkt extern bewerben, ohne anschließend intern die „Überraschung Ihres Lebens“ befürchten zu müssen.Sie, geehrter Einsender, haben einen Doppelfehler begangen: Erstens haben Sie, wie sich herausstellt, übereilt gewechselt und vorher nicht versucht, Ihren Arbeitgeber auf Ihre Probleme hin anzusprechen. Es gibt ja auch Tricks, auf die man zurückgreifen kann: Man hat den neuen Arbeitsvertrag in der Hand, unterschreibt aber noch nicht. Dann vertraut man sich seinem Arbeitgeber an und erzählt ihm von einem interessanten Angebot, das man bekommen hätte. Aber man würde natürlich lieber hier bleiben. Nur gäbe es bei der anderen Firma die attraktive Chance z. B. zu Auslandseinsätzen. Ob man Ihnen in dieser schwierigen Phase und Frage wohl einen Rat geben könne …

Dann hat der eigene Arbeitgeber zwei bis drei Tage Zeit zu reagieren. Kommt nichts, kann man immer noch unterschreiben und kündigen.

Aber Achtung, dieses Vorgehen birgt Risiken und erfordert Fingerspitzengefühl: Es geht zu Lasten des potenziellen neuen Arbeitgebers, der ausgenutzt wird und es kann vom bisherigen Arbeitgeber leicht als „Erpressung“ ausgelegt werden. Aber heute ist Ihre Situation noch schlechter, als sie bei Befolgung dieses Ratschlages gewesen wäre.

Und zweitens haben Sie gewechselt, ohne dass die neue Position ein wirklicher Fortschritt gewesen wäre („Ich sah in dem Angebot einen vergleichbaren Job …“). Dafür lohnt ein so gravierender, unauslöschbar in den Lebenslauf „eingemeißelter“ Schritt wie ein Arbeitgeberwechsel nicht. Man wechselt nicht, um ein paar nicht dramatische Nachteile bei sonst gleichen Bedingungen loszuwerden. Denn der neue Job hat selbstverständlich auch Nachteile, nur eben andere. Sie haben es erlebt.

Wenn nicht Arbeitsplatzverlust droht, lohnt nur ein Wechsel, mit dem ein echter Fortschritt im Job selbst verbunden ist. Dann kann man sich später sagen: „Na ja, auch die hier kochen nur mit Wasser, aber ich bin jetzt Teamleiter (oder ich habe den lange angestrebten Branchenwechsel geschafft oder ich konnte endlich Auslandserfahrungen sammeln).“

Antwort/2: In der Technik vermeidet man die Unterstellung von Dipl.-Ingenieuren unter Meister, oft sogar die von Dr.-Ingenieuren unter FH-Ingenieure, sofern es irgend geht.

Das aber ist ebenfalls Ihr Fehler! Sie hatten das gute Recht, im Vorstellungsgespräch zu fragen, wer Ihren künftigen Job bisher ausgeübt hat. Sie hätten erfahren: Ihr künftiger Chef. Das allein ist schon nicht so toll – denn dieser Mann weiß alles, was Ihren Job betrifft. Und er weiß es besser. Und dann hätten Sie durchaus fragen dürfen, welche Ausbildung dieser Mann hat. Ich sage nicht, Sie hätten daraufhin das Angebot ablehnen sollen. Aber hinterher überrascht gewesen wären Sie nicht.

Antwort/3: Sie haben ein sehr gutes Zeugnis von A, die mündliche Rückkehrzusage ist glaubhaft (galt aber natürlich nur unter den damaligen Umständen, zum damaligen Zeitpunkt).

Ich würde gern die von Ihnen ausgeschlossene dritte Möglichkeit (Wechsel zu C) ins Gespräch bringen. Sie birgt eine besondere Chance (unter Einschluss eines besonderen Risikos): Ob Sie ein C jetzt nimmt, ist nicht das Problem – Sie merken es ja. Gibt es kein C, bleiben Sie eben bei B. Aber die Cs dieser Welt werden misstrauisch sein, was Ihre Aussage zu den Gründen angeht. „Ich habe mich geirrt“, taugt nichts – Sie könnten sich ja wieder irren. Akzeptabel wäre: „Ich sitze auf einer Position, die bisher ein Meister ausgeübt hat, der jetzt mein Chef ist. Damit habe ich zwar kein grundsätzliches Problem, aber ich fühle mich als Verfahrenstechniker nicht genug gefordert. Es war mein Fehler – ich habe versäumt, nach der Qualifikation meines Vorgängers und Chefs zu fragen und mich nur auf die formale Stellenbeschreibung verlassen.“

Wenn Sie auf dieser Basis einen guten Job finden und wenn der – inklusive einer Beförderung – so sechs bis acht Jahre hält, dann sind Sie ab Dienstantritt glücklich, und der Makel des viel zu schnellen Wechsels ist fürs Leben überdeckt und vergessen.

Es sind nur ein wenig viele „Wenns“ darin – und wir haben Wirtschaftskrise, Sie fangen mit neuer Probezeit an etc. Aber „wenn“ es denn klappt, haben Sie Ihr Gesamtproblem auf einen Schlag gelöst.

Zur Variante „Bleiben bei B“: Das ist die vernünftigste Lösung. Sie ist „normal“, bedarf keiner weiteren Erklärung, fällt später nicht auf, hinterlässt keine merkwürdigen Spuren im Lebenslauf (und Sie wissen nicht, was der noch bringt in den nächsten dreißig Jahren). Sie haben Entwicklungschancen, Auslandseinsätze sind möglich. Sie müssen nur mit den Details, die Sie im Augenblick stören, Ihren Frieden machen. Aber später erfährt niemand von den negativen Begleiterscheinungen. So etwa vier Jahre sollten Sie dort mindestens einplanen. Achtung: Sie müssen es schaffen, im Hause B das Bild eines engagierten, optimistischen Mitarbeiters zu vermitteln, der gern dort arbeitet!

Und zurück zu A? Man soll es generell nicht tun. Nach vorne ist der Blick zu richten, nicht zurück. Vor weiteren drei oder mehr Jahren könnten Sie auch dort nicht wieder weggehen. Hinzu kommt: Die Firma hat ihre Chance gehabt – und nicht genutzt. In Ihren alten Job dürfen Sie nicht so einfach zurückgehen, Sie müssten nachdrücklich verhandeln mit Blick auf all die schönen Details, die man Ihnen beim Abschied in Aussicht gestellt hatte – die müssten jetzt vertraglich fixiert werden. Das wiederum dürfte schwierig werden, führt vielleicht sogar zur Klimavergiftung (oder später einmal zum Vorwurf der Erpressung). Heute haben Sie ein bisschen Heimweh nach A – vermuten aber schon selbst, dass es das „alte A“ vielleicht auch nicht mehr gibt. Vergessen Sie nicht: Das war die Firma, bei der Sie so unglücklich waren, dass Sie dort gekündigt hatten.

Nun müssen Sie sich entscheiden, niemand nimmt Ihnen das ab. Viel Glück dabei.

Kurzantwort:

1. In den ersten zwei Berufsjahren nach dem Studium drohen Enttäuschungen. Das ist normal, also bloß keine überhasteten Aktionen wie Arbeitgeberwechsel ohne tieferen Grund.

2. Vor Vertragsunterschrift sollten Sie wissen, welche Qualifikation Ihr Vorgänger und Ihr Chef haben.

3. Nach Dienstantritt beim neuen ist eine Rückkehr zum alten Arbeitgeber wie ein Gebrauchtwagen, der nach Totalschaden wieder repariert wurde (er fährt, ist aber im Wert reduziert).

Frage-Nr.: 2310
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-04-29

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