Heiko Mell

Laufbahn in der Sackgasse

Frage/1:
Nach meinem durchschnittlichen Abitur fing ich mit einem FH-Maschinenbaustudium an.

Zuerst nahm ich das Studium nicht sehr ernst. Erst mit der Ankündigung, dass mein Bafög gestrichen wurde, hat sich das schlagartig geändert. Eine 180°-Wendung meiner Einstellung hat dazu geführt, dass ich von verlorenen zwei Jahren eines bis Studienende wieder eingeholt hatte. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich mit ITJobs. Wegen meiner weitreichenden entsprechenden Kenntnisse waren diese gut bezahlt.

Dieses „Tanzen auf zwei Hochzeiten“ hat dann aber zu einem nur befriedigenden Studienabschluss geführt. Das war vor vier Jahren, damals war ich 27 Jahre. Die Diplomarbeit hatte ich bei einem großen deutschen Automobilbauer angefertigt, der dann leider Einstellstopp hatte.

Frage/2:
Nun war das Studium zu Ende und ich hatte trotz intensiver Suche noch keine Arbeit. Dann bot ein Projektleiter eines gemeinnützigen Trägers mir die Erstellung einer Machbarkeitsstudie an. Ich nahm an und war dort für etwa zwei Jahre beschäftigt.

Die Tätigkeit war absolut fachfremd. Anschließende Versuche, eine fachlich passende Stelle zu bekommen, scheiterten.

Ich bewarb mich erfolgreich bei einem ITSystemhaus (eingedenk dessen, was ich wirklich kann) und habe es nun mit Abrechnungssystemen für Freiberufler zu tun. Ich fahre im Außendienst zu den Kunden und arbeit als Service-Techniker.

Über die Konditionen kann ich nicht klagen, stehe allerdings vor dem Dilemma, dass das Tagesgeschäft sehr, sehr fordernd ist.

Daran scheiterte bisher jeder Versuch einer systematischen Weiterbildung; mein Vorgesetzter lehnt sogar meine Bitte ab, für eine solche Maßnahme ein- bis zweimal pro Woche pünktlich Feierabend machen zu dürfen.Auf Bewerbungen um Ingenieur-Stellen mit mittlerem Schwierigkeitsgrad bekomme ich nur Absagen. Mich beschleicht der Verdacht, dass ich mich auf einer Straße ohne Wiederkehr befinde. Inzwischen bin ich 31 Jahre alt.

Frage/3:Ich habe mir zwei mögliche Szenarien zurechtgelegt:

1. „Auf eigene Faust“ ein dreisemestriges Wirtschaftsmasterstudium in Vollzeit absolvieren und meinem Chef anbieten, in Teilzeit für ihn weiterzuarbeiten. Das könnte ich auch durchstehen, wenn ich den Job ganz verliere.

2. Ich bleibe bei der Firma und versuche, ein kostenpflichtiges Masterstudium nebenberuflich zu realisieren. Ich wurde jedoch gewarnt, diese Variante sei sehr hart.

Je länger ich warte, desto aussichtsloser erscheint es mir, je wieder eine Anstellung in einem theorielastigen Bereich zu bekommen.

Antwort:

Antwort/1:
Arbeiten wir das bis dahin auf, sonst wird die Geschichte zu lang.

Sie haben mir einen Haufen Dokumente, nicht jedoch Ihr Examenszeugnis mitgeschickt. Also gehe ich von der wahrscheinlichsten Möglichkeit aus:

Sie waren sicher so klug, bei diesem großen Namen der deutschen Industrie alles zu geben, was Sie hatten – Einstellstopp hin oder her. Also waren Sie so vorsichtig, die beim FH-Studium nahezu obligatorische „sehr gute“ Diplomarbeit abzuliefern (falls nicht, wäre die Katastrophe noch größer). Nun schlägt aber im FH-Bereich immer oder überwiegend (niemand lernt das nach Bundesländern getrennt auswendig) die Diplomarbeitsnote mit mehrfacher Gewichtung durch. Wenn dann trotz sehr guter (mindestens guter) Diplomarbeit nur ein befriedigendes Ergebnis dabei herauskommt – müssen die Einzelnoten vielfach bis überwiegend „saumäßig“ ausgesehen haben. Kein Wunder, dass Sie dieses Dokument nicht mitgeliefert haben.

Bitte vergegenwärtigen Sie sich aber, dass die Praxis eine „ausreichende“ Note schlicht mit „keine Ahnung in dem Fach“ übersetzt. Sie hatten also einen FH-Abschluss mit diversen vernichtend schwachen Einzelnoten nach 10 Semestern zu bieten. Was darauf folgte, darf nicht verwundern.

Als Randbemerkung: Die Geschichte mit Bafög-Wegfall und plötzlichem Arbeitseifer verstehe ich nicht ganz, aber es ist auch nur ein Detail am Rande. Auch nur am Rande: Der allseits gesuchte Ideal- Mitarbeiter engagiert sich stets und überall da, wo das Leben ihn hinstellt.

Wer mit 70 % seines Leistungsvermögens arbeitet, ist ebenso unverkäuflich wie ein Automotor, der mit 2,8 Litern Hubraum magere 100 PS (ich weiß, ich weiß) leistet und 12 Liter Kraftstoff verbraucht.

Antwort/2:
Sie haben – auf der Basis eines langen Studiums mit mäßigem Examen – jetzt vier Jahre nicht im Ingenieurberuf gearbeitet. Damit ist diese Ursprungsqualifikation im Hinblick auf Ihren weiteren Berufsweg „tot“. Mit Stellenangeboten aus Ihrem ursprünglichen Fachgebiet ist nicht mehr zu rechnen – schon gar nicht in der Krise.Noch ein Wort zum Thema „Ingenieurmangel“. Die Sache ist ganz einfach: Natürlich werden auch weiterhin Ingenieure gesucht. Um es kurz zu machen: Aber doch nicht solche mit diesen Lebenslaufdetails.

Man darf sich nicht täuschen: Immer wenn die Wirtschaft einen „Ingenieur“ sucht, meint sie nicht „jeden, der diesen Titel tragen darf“, sondern sie erwartet „einen Kandidaten im Sinne unserer Vorstellung“ – was ein Unterschied sein kann.

Ein Ingenieur hat danach

  • nicht nur eine Urkunde, nach der er sich so nennen darf, sondern ein Examen mit guten Noten,
  • nicht nur überhaupt dieses Fach studiert, sondern auch noch schnell,
  • nach dem Examen nicht nur überhaupt gearbeitet, sondern auch noch fachbezogen, zur jetzt angestrebten Stelle passend,
  • nicht nur darauf geachtet, einen „roten Faden“ im Lebenslauf zu haben, bei interessanten Arbeitgebern gewesen zu sein und gute Zeugnisse zu haben, sondern auch hinreichend lange Dienstzeiten pro Arbeitgeber vorzeigen zu können, wobei der Berufsweg dann auch noch Fortschritte ausweisen sollte.

Mit diesen Attributen wird aus dem „nackten“ Ingenieur (der nie so richtig begehrt war) ein „gesuchter“ Ingenieur.Dieses Wissen liegt auf der Straße, es ist vielfach veröffentlicht worden – nicht zuletzt von mir in dieser Serie.

Antwort/3:
Ihre Schlussfolgerung ist grundsätzlich richtig: Ihr Erststudium ist „verbraucht“, hat keinen Marktwert mehr. Fazit: Sie brauchen ein zweites. Das könnte auch ein Dipl.-Wirtschaftsingenieur im Aufbaustudium sein oder – Ihrer besonderen Begabung entsprechend – ein Dipl.-Informatiker oder Wirtschaftsinformatiker. Was immer Sie tun: Fangen Sie bald an, werden Sie schnell fertig und kämpfen Sie um gute Noten. Wählen Sie diejenige Variante, die das am wahrscheinlichsten gewährleistet.

Auch danach wird es nicht leicht: Sie sind dann in dem neuen Beruf ein ziemlich alter Berufsanfänger mit äußerst „buntem“ Vorleben. Aber wenn Sie mit den Studienresultaten zeigen, dass etwas in Ihnen steckt, haben Sie eine Chance – jetzt haben Sie keine.Noch zwei Anmerkungen:

a) Man spricht nicht von „theorielastigen“ Tätigkeitsbereichen, sondern z. B. von solchen, die einer im Studium erworbenen Qualifikation entsprechen.

b) Über Bewerbungen entscheiden Führungskräfte. Diese müssen gut finden, was sie sehen. Dafür haben sie Maßstäbe. Deren wichtigster sind sie selbst. Diese Chefs haben normalerweise keinen Bart wie Sie. Stehen Sie einfach zur fehlenden Haarpracht oben und verzichten Sie auf den Versuch eines Ausgleichs unten.

Nach erfolgter Anstellung zählt nur noch Leistung – und Ihr Bart bekommt eine neue Chance.

Frage-Nr.: 2309
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-04-22

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