Heiko Mell

Quo vadis, Automobilindustrie?

Ich arbeite derzeit in der Automobilindustrie. Nun frage ich mich, wie es mit dieser Branche wohl weitergehen wird. Damit möchte ich nicht ungedingt die aktuelle Krise ansprechen (die wird wohl irgendwann vorbei sein), sondern die Trends darüber hinaus: Umwelt, CO2 , Endlichkeit der Ressourcen.Persönlich bin ich zwar davon überzeugt, dass uns das Auto in der bestehenden Form (z. B. mit Verbrennungsmotor) noch Jahrzehnte erhalten bleiben wird. Nehmen wir aber einmal das Schlimmste an und gehen davon aus, dass die gesamte Automobilindustrie innerhalb weniger Jahre am Boden liegen wird, etwa wegen sich verschärfenden Klimawandels. Dass davon sicherlich auch andere Branchen erheblich betroffen wären, soll hier außen vor bleiben.

Was würden Sie raten? Drei Möglichkeiten habe ich mir selbst ausgedacht:

1. Weitermachen wie bisher und versuchen, so bald wie möglich eine verantwortungsvolle Position zu erreichen, in er man eher leitende Tätigkeiten wahrnimmt (z. B. Gruppen- oder Projektleiter). Gute Leute werden überall eingestellt).

2. Innerhalb der Firma eine Stelle mit einer Tätigkeit suchen, die nicht nur innerhalb der Automobilindustrie gebraucht wird. So könnte ich mir vorstellen, dass z. B. ein Konstrukteur eher außerhalb eine neue Anstellung findet als etwa jemand, der Fahrwerke abstimmt. So käme man zwar aus der Autobranche, könnte aber innerhalb kurzer Zeit anstatt Zylinderköpfe … sagen wir mal Gestelle für Ständerbohrmaschinen konstruieren.

3. Versuchen, radikal und sofort die Branche zu wechseln.

Antwort:

Im Augenblick scheint ein Wettrennen in der Öffentlichkeit stattzufinden: Wer die düsterste Prognose hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung (allgemein oder branchenbezogen) abgibt, hat gewonnen. Das kommt gut an in Deutschland, wir mögen hier irgendwie Untergangsszenarien. Zum Ausgleich dafür schaffen wir dann aber trotzdem irgendwie die Überwindung auch dieser Krise, wie die Vergangenheit lehrt.

Das hier angerissene Thema ist ein heißes Eisen, betrifft es doch eine Schlüsselbranche unserer Volkswirtschaft. Eine solche Institution kaputtzureden, ist ungleich einfacher als Lösungen anzubieten. Wer sich an der öffentlichen Diskussion beteiligt, übernimmt – ob er nun will oder nicht – Verantwortung für die weitere Entwicklung. Einleitend stelle ich vorsichtshalber noch einmal fest, dass dies hier nach bestem Wissen und Gewissen formulierte Meinungsäußerungen eines Gastschreibers in dieser Zeitung sind und weder Aussagen der VDI nachrichten noch etwa des VDI. Angebracht ist sicher auch ein Hinweis zur Unsicherheit jeder Art von Prognosen. Derart weiträumig abgesichert, kann ich mich Ihren Fragen widmen:

Ich gehe nicht vom totalen Niedergang der Automobilbranche aus. Diese steht für die Erfüllung des Menschheitstraums von der nahezu totalen individuellen Mobilität. Es ist nichts in Sicht, was dem Auto diesen Platz streitig machen könnte. Jeder will sich in sein Fahrzeug setzen und zu der von ihm gewählten Zeit sein spezielles Ziel anfahren.

Ich sehe natürlich auch, dass derzeit weltweit weniger Fahrzeuge abgesetzt werden. Andererseits kenne ich niemanden und habe auch von niemandem gehört, der sein Auto abschaffen will. Auch der Boom, den die eigentlich eher geringwertige Abwrackprämie ausgelöst hat, zeigt in diese Richtung: Das Auto wird sich in zunächst ähnlicher Art wie jetzt halten, Fahrzeuge in deutlich größerer Zahl als derzeit werden wieder gekauft werden. Es gilt für die Anbieter einschließlich der Zulieferer nur, noch existent zu sein, wenn die Branchenkrise abflaut. Das werden nicht alle schaffen, es wird Umwälzungen und Bereinigungen bei Zulieferern (sicher) und bei Herstellern (vermutlich) geben.

Zwei Meldungen aus diesen Tagen unterstützen das: Ein vermögender Investor (der genug Geld hat, um sich jedes denkbare Gutachten, jede mögliche Prognose erstellen zu lassen) investiert Milliarden in einen deutschen Hersteller. Und in einem bevölkerungsreichen Wachstumsland Asiens kommt jetzt ein „Volksauto“ auf den Markt, das in Millionenstückzahlen produziert werden und als Keimzelle der Markterschließung in den dortigen Regionen dienen soll. Beides stützt meine Zuversicht für die absehbare nächste Periode von vielleicht 25 Jahren: Es wird Autos geben, es wird deutsche Marken geben, es wird eine Automobilindustrie in Deutschland geben.

Daraus folgt zunächst einmal: Zum fluchtartigen Verlassen einer ganzen Branche besteht überhaupt kein Anlass (welche anderen Branchen sollten denn auch die Automobil-Beschäftigten aufnehmen, käme es zu einer Massenflucht?).

Aber es wird Umwälzungen, Strukturveränderungen, einzelne Insolvenzen und vermutlich diverse Fusionen geben. Viele Arbeitsplätze werden irgendwie betroffen sein, von Mitarbeitern werden Flexibilität, Mobilität und die Bereitschaft, auch Neues anzufangen und sich dafür zusätzlich aus- und weiterbilden zu lassen, erwartet.

Technisch dürfte der Verbrennungsmotor langsam(!) an Bedeutung verlieren. Der Versuch, den Verbrauch weiter zu senken, findet irgendwann ein Ende, die Ölreserven müssen als begrenzt angesehen werden – und was wir einsparen, verbrauchen Millionen zusätzlicher Autos in Ländern, deren Bewohner verständlicherweise ebenfalls einmal teilhaben möchten an individueller Mobilität.

Neue Antriebstechniken werden kommen und allmählich an Boden gewinnen, zumindest im Pkw-Bereich. Aber auch diese Fahrzeuge werden Karosserien mit Innenausstattungen, werden Fahrwerke, Bremsen und komplexe elektronische Systeme haben.

Dass, wie Sie schreiben, „die gesamte Automobilindustrie innerhalb weniger Jahre am Boden liegen“ wird, sehe ich also absolut nicht. Seien Sie „getröstet“: Geschähe dies jetzt und schnell, würde unser gesamtes Wirtschaftssystem zusammenbrechen. Dann nützte auch kein Branchenwechsel mehr. Sie können diese Konsequenz nicht „außen vor“ lassen. Man stützt ja auch Banken, weil die als unverzichtbar gelten. Dann beschließt man eben noch mehr „Autokaufprämien“.

Für Sie heißt das: Sehen Sie zu, dass Sie nach Möglichkeit stets auf dem Arbeitsmarkt begehrt sind und bleiben oder werden. Die von Ihnen unter 1. genannten herausgehobenen Positionen sind durchaus eine empfehlenswerte Basis für die mögliche Absicherung des Marktwertes unter in- oder externem Blickwinkel. Denn „gute Leute“ werden gesucht, wenn überhaupt gesucht wird. Und wie wollen Sie als ausführender Sachbearbeiter mit achtzehn Dienstjahren Ihre überdurchschnittliche Qualifikation beweisen?

Wenn die jüngste Beförderung erst ein paar Jahre zurückliegt, ist das einfacher. Auch heute schon lassen sich beispielsweise Bewerber in kritischen Altersbereichen leichter „vermarkten“, wenn sie Managerqualifikation haben und entsprechende Erfahrungen vorweisen können.

Zu 2: Also bei Ihrem Beispiel sträuben sich mir, der ich nun keineswegs Konstruktionsfachmann bin, die Nackenhaare. Aber das nur am Rande, das Prinzip muss deshalb nicht falsch sein. Es gilt immer, nicht nur im Automobilbereich. Ein Mensch, der im Gewürzeinkauf tätig ist und am Geruch hochkarätiges Gewächs von Billigware unterscheidet, ist dort ein gesuchter Spezialist, aber sonst kaum sinnvoll und begabungsgerecht einsetzbar. Aber ein Buchhalter, der bisher Gewürzbestandteile verbucht hat, macht das problemlos mit Sand, Schrauben oder Ziehharmonikas.

Die Automobilbranche ist in weiten Bereichen sehr speziell. Da ist die totale Vernetzung des Zulieferers mit dem Hersteller, da ist der hochspezielle Vertriebsapparat und da sind manche Bauteile, die es in der Form anderswo kaum gibt. Aber Erfahrungen in Konstruktion oder Fertigung von Metall- oder Kunststoffteilen in großen Stückzahlen bei höchsten Qualifikationsanforderungen und unter äußerstem Kostendruck lassen sich weitgehend auch anderswo erfolgreich vermarkten.

Ein Tipp am Rande: Wenn Sie sich fragen, was beim Wechsel „geht“ – dann fragen Sie sich zur Kontrolle, ob Ihre Idee umgekehrt denn auch ginge. Hätte denn der bisherige Konstrukteur von Ständerbohrmaschinen eine Chance, von der Automobilindustrie als künftiger Konstrukteur von Zylinderköpfen eingestellt zu werden? So wie ich diese Branche kenne, hätte sie über eine solche Bewerbung nicht einmal gelacht … Das gleiche „Recht“ gilt umgekehrt.

Und Ihre Idee zu 3 ist weder pauschal erforderlich noch bei der Größe Ihrer Branche überhaupt möglich. In der derzeitigen schwierigen und schwer überschaubaren Situation bleibt dem einzelnen Mitarbeiter nur sein ganz persönlicher Weg. Mit den Konsequenzen seiner Entscheidung muss er leben, er trägt das Risiko und streicht ebenso eventuelle Gewinne ein.

Es kann jedoch keinesfalls schaden, sich öfter einmal folgende Fragen zu beantworten (gilt ebenso auch für Mitarbeiter anderer Branchen):

– Ist eine Total-Schließung meines Arbeitgebers wahrscheinlich oder jederzeit möglich – muss ich also damit rechnen, kurzfristig und ohne Ansehen von Person oder Leistung arbeitslos zu werden?

– Gilt zwar mein Arbeitgeber als ziemlich stabil, ist aber damit zu rechnen, dass einzelne Bereiche, zu denen ich gehöre, geschlossen oder verkauft werden?

– Trage ich ein individuell besonders hohes Risiko, eventuell besonders schnell entlassen zu werden (Punkte bei der Sozialauswahl, Ärger mit Vorgesetzten)?

– Gibt es „draußen“ einen Markt für Mitarbeiter meiner Gesamt-Qualifikation, gibt es viele Arbeitsplätze bei anderen Firmen, die vergleichbar sind (Branche, Tätigkeit, Hierarchieeinstufung, Bezahlung)?

– Sehe ich beruhigend oft Stellenausschreibungen, bei denen die wesentlichen Anforderungskriterien auf mich zutreffen (Achtung: „Anforderungen“ sind nicht nur solche unter dieser Überschrift; darunter fällt automatisch auch „Der Bewerber sollte das, was er hier tun soll, bereits gemacht haben“)?

– Trage ich unabhängig von pauschalen Problemen, die in den vorstehend genannten Punkten angesprochen wurden, besondere Belastungen mit mir herum (Alter, fehlender roter Faden im Werdegang, Wechselhäufigkeit, Zeugnisse, Abweichung von immer wieder gelesenen Qualifikations-Anforderungen)?

– Habe ich im letzten Quartal wenigstens einmal die Stellenanzeigen für mein Tätigkeits-/Fachgebiet sorgfältig gelesen (Zeitungen/Zeitschriften, Internetstellenbörsen, Homepages vergleichbarer Unternehmen – es reicht nicht, sich irgendwo eintragen zu lassen und auf Angebote zu warten, Sie müssen wissen, was auf dem Markt vorgeht, was genau gesucht wird, wo der Trend hingeht, welche Aus- und Weiterbildung verlangt, welche Sprachkenntnisse erwartet werden)?

So, und aus den Antworten ergibt sich, was Sie tun sollten und überwiegend auch, was Sie tun könnten. Im Grunde gilt für Sie, was auch für Unternehmen gilt: Seien Sie für alles Wahrscheinliche gerüstet, eine totale Absicherung gibt es nicht, sie würde auch jede Arbeits- und Lebensfreude töten.

Noch ein Schlusswort: Niemand weiß genau, was die Zukunft bringt (Philosophen sagen, das sei ein großer Glücksfall). Sie können zu vielem, was gerade heute hier steht, eine andere Meinung vertreten, beweisen lässt sich dann in fünf oder zehn Jahren, wer richtiger lag. Aber darum geht es gar nicht. Entscheidend ist, dass Sie über das Thema nachdenken, sich informieren, Szenarien durchspielen, sich ggf. vorbereiten. Und dass Sie bei allem akzeptieren, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Ein Restrisiko bleibt.

Kurzantwort:

Die zentrale Empfehlung für die (Branchen-)Krise: Erkennen Sie pauschale und individuelle Risiken, analysieren Sie Ihren Markt, seien Sie vorbereitet, spielen Sie verschiedene Varianten durch. Und akzeptieren Sie, dass Sie nicht alles richtig machen können (was das gewesen wäre, wissen Sie fünf Jahre später).

Frage-Nr.: 2305
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-04-08

Top Stellenangebote

Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Hardwareentwickler für Embedded Systeme in Lithographie Optiken (m/w/x) Oberkochen
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Technical Sales Manager für Bremssteuerung und Automated Driving (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Technical Sales Koordinator ADAS/HAD und Projektleiter (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Stadtwerke Augsburg Holding GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Augsburg Holding GmbH Abteilungsleiter Wärme- und Stromerzeugung (m/w/d) Augsburg
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG-Firmenlogo
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG Projektingenieur (m/w/d) Systeme Wolfertschwenden Raum Memmingen
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Senior Experte für Batteriespeicherung (m/w/d) Stuttgart
Kath. Siedlungswerk München GmbH-Firmenlogo
Kath. Siedlungswerk München GmbH Ingenieur (m/w/d) Bau / Architektur München
Landkreis Stade-Firmenlogo
Landkreis Stade Ingenieur (m/w) im Naturschutzamt Stade
Bundesbau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Bundesbau Baden-Württemberg Ingenieur / Techniker / Meister (m/w/d) der Fachrichtung Versorgungstechnik und Elektrotechnik Heidelberg, Mosbach
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH-Firmenlogo
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH Bauingenieur, Architekt, Projektsteuerer als Senior Baumanger (w/m/d) Berlin

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…