Heiko Mell

Wechseln in der Krise

Ich arbeite seit 1,5 Jahren in meiner ersten Anstellung bei einem mittelständischen Automobilzulieferer in der Entwicklung. Aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Situation wurde meine Arbeitszeit um 2,5 h/Woche gekürzt. Kurz darauf hat die Geschäftsleitung Kurzarbeit auf unbestimmte Zeit angeordnet. Derzeit arbeite ich weniger als 50 % meiner früheren Arbeitszeit.

Neben erheblichen finanziellen Einbußen kommt hinzu, dass erste Kündigungen ausgesprochen wurden. Auch unsere Abteilung war betroffen. Mein Abteilungsleiter hat mir jedoch gesagt, dass mein Arbeitsplatz derzeit nicht in Gefahr ist.

Nun las ich eine Stellenanzeige eines großen Konzerns (total andere Branche, anderer Tätigkeitsbereich), welche mich sehr interessiert. Ich habe aus zwei Gründen Bedenken, mich um diese oder andere Stellen zu bewerben:

1. Die recht kurze Betriebszugehörigkeit bei meinem derzeitigen Arbeitgeber.

2. Sollte die Wirtschaftskrise die neu gewählte Branche treffen, so wäre ich als neuer Mitarbeiter in einer sehr ungünstigen Position, wenn es um Kündigungen geht.

Wie bewerten Sie meine Bedenken und was würden Sie mir als weiteres Vorgehen raten? Wo sehen Sie weitere „Stolpersteine“?

Antwort:

Hier mischt sich Allgemeingültiges mit Individuellem. Ich liste auf, und jeder interessierte Leser gewichtet die einzelnen Aspekte im Rahmen seiner Gegebenheiten:

1. Wie immer gilt bei Wirtschaftskrisen: „Nichts Genaues weiß man nicht.“ Die berühmten Fachleute sehen z. T. Schlimmeres als in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts voraus – wir als Berater haben aber auch Industriekunden, die sich ungerührt als „nicht betroffen“ bezeichnen. In einigen vom Personalbedarf der Industrie abhängigen Geschäftsbereichen erzielen wir derzeit Rekordumsätze, in anderen sieht es deutlich kritischer aus. Ihre heutige Branche hat es fast durchgängig „erwischt“, aber „die Wirtschaft“ ist derzeit nicht pauschal so getroffen, wie es befürchtet wurde.

Wie fast immer „danach“, so wird auch Ihre Branche eines Tages wieder aufblühen. Ich kenne niemanden, der kein Auto mehr haben oder kaufen will. Die Kaufentscheidungen sind nur aufgeschoben, sie werden kommen – es weiß nur niemand, wann der Trend umschlägt. Und: Natürlich könnten viele Unternehmen dann bereits insolvent sein.

Aber wundern Sie sich nicht, wenn Sie bei Bewerbungsaktionen auf Unternehmen stoßen, die „wie im tiefsten Frieden“ operieren und in denen niemand nur noch zu 50 % arbeitet.

2. Anzeichen wie die von Ihnen bei Ihrem Arbeitgeber beschriebenen dürfen Sie nicht ignorieren. Noch ist keine Panik angesagt, aber Sie als Angestellter müssen damit rechnen, dort ggf. Ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Was Ihr Abteilungsleiter sagt, ist gut gemeint – aber der hat selbst Angst um seinen Job und weiß auch nicht, wie es weitergeht.

Sie müssen(!) also in dieser Situation etwas tun:- Als Minimalkonzept müssen Sie zumindest Alternativlösungen zur heutigen Anstellung vorbereiten. Dazu gehört die konsequente, regelmäßige Analyse des Arbeitsmarktes (das Lesen aller irgendwo greifbaren Stellenanzeigen in Printmedien, in Internet-Stellenbörsen und auf Firmen-Homepages). Dazu gehört grundsätzlich auch das Einstellen der eigenen Daten in die Datenbanken, wie sie z. B. von den VDI nachrichten und von Internet-Stellenbörsen unterhalten werden sowie das Aufgeben von Stellengesuch-Anzeigen z. B. in entsprechenden Zeitungen.

Es ist durchaus ratsam, in dieser Situation konkrete Bewerbungen zu schreiben. Intern haben Sie keine Sicherheit mehr und extern würde man Ihnen Vorwürfe machen, ließen Sie sich eines Tages von individueller Kündigung oder Insolvenz „kalt erwischen“ und in die Arbeitslosigkeit treiben. Sie hatten doch gewusst, dass diese Gefahr bestand, wird man Ihnen vorhalten.

Bei diesen Bewerbungen üben Sie und gewinnen wertvolle Erfahrungen. Ob Sie eines der externen Angebote akzeptieren, entscheiden Sie dann – auch auf der Grundlage der jeweils neuesten Entwicklungen beim heutigen Arbeitgeber.

3. Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage nach meiner Verantwortung für den Fortbestand der deutschen Wirtschaft und nach jenem Maß an Loyalität, das ein Mitarbeiter seinem Unternehmen schuldet:

a) Wenn nun alle Arbeitnehmer in Deutschland, deren Unternehmen Probleme haben oder kurzarbeiten, wie ein Mann aufstehen, sich bewerben und gehen, dann sind diese Firmen tot – könnte man mir vorwerfen. Nun, beruhigen Sie sich: längst nicht alle Arbeitnehmer lesen diese Beiträge – und von denen, die es tun, folgen nicht einmal andeutungsweise alle spontan meinen Vorschlägen. Niemand weiß das besser als ich im 25. Jahr der Serie. Nun ja, und so außerordentlich ist der Rat, sich in solch einer Situation vorsorglich umzusehen, ohnehin nicht.

b) Ein Arbeitnehmer heißt so, weil er Arbeit nimmt. Die Geschäftsgrundlage eines Arbeitsvertrages lautet: Der Arbeitnehmer kann sich darauf verlassen, dass man ihm ausreichend Arbeit zuweist und ihn pünktlich bezahlt. Hapert es daran, darf sich der Arbeitgeber nicht wundern, wenn der Mitarbeiter sich diverse „Gedanken macht“. Außerdem hat der Arbeitnehmer keinen Vertrag „bis dass der Tod euch scheidet“, sondern einen, der praktisch jederzeit kündbar ist. Und „in guten wie in schlechten Zeiten“ ist es das geschäftsübliche Verfahren, dass sich der Arbeitnehmer heimlich hinter dem Rücken des Arbeitgebers extern bewirbt und nach Abschluss des neuen Vertrages den alten kündigt (ein paar Tage lang hat er sogar zwei gültige Verträge gleichzeitig in der Tasche – den alten noch, den neuen schon).

Ob der Arbeitgeber nun individuelle Schuld an der Misere trägt oder nicht, ist ebenso unerheblich wie im umgekehrten Fall (der Arbeitnehmer kann seine Aufgaben krankheitsbedingt nicht mehr wahrnehmen; auch dann fängt ab einer gewissen Dauer der Vertragspartner an, nach „anderen Lösungen“ zu suchen).

4. Die heutige kurze Betriebszugehörigkeit: Wenn man nur wüsste, was Ihnen in Zukunft widerfährt … Bleiben Sie beim nächsten Arbeitgeber fünf oder zehn Jahre, werden Sie dort noch befördert und gehen Sie eines fernen Tages mit glänzendem Zeugnis ab, dann ist dieses Problem keines. Werden Sie hingegen im neuen Job noch in der Probezeit gekündigt, haben Sie ein extremes Problem. Und dann wissen Sie immer noch nicht, was beim dritten Arbeitgeber geschieht.

Andererseits: Zwei Jahre beim ersten(!) Arbeitgeber akzeptiert der Markt durchaus (erwartet dann aber steigende Tendenz danach). Es handelt sich hier um eines der typischen Risiken des (Berufs-)Lebens, mit denen man Sie alleinlässt. Und eine absolute Sicherheit in Bezug auf den neuen Arbeitgeber gibt es nicht.

5. Es ist richtig: Im neuen Unternehmen sind Sie besonderen Risiken ausgesetzt; erst stecken Sie noch in der Probezeit (Arbeitgeberkündigung problemlos möglich), danach haben Sie die kürzeste Dienstzeit von allen. Und über die wirtschaftliche Situation dort erfahren Sie im Bewerbungsprozess meist nicht so viel, wie Sie im heutigen Unternehmen konkret wissen. Dieses Risiko ist „systemimmanent“.

6. Nicht gefallen will mir, dass Sie eine externe Zielposition ansteuern, bei der Branche und Tätigkeit ziemlich deutlich „anders“ sind. Geht dort in den ersten zwei Jahren etwas schief, fehlt Ihnen auch noch der „rote Faden“ im Werdegang – im alten Metier wollten Sie nicht bleiben, im neuen konnten Sie nicht Fuß fassen, würde man denken. Wenn schon die Branche anders ist, sollte die Tätigkeit besser wie eine Fortführung der bisherigen aussehen.

7. Insbesondere wegen des unabwendbaren Risikos gemäß 5. sollten Sie eine Kernregel des kapitalistischen Systems beachten, so gut es jeweils eben geht: Wenn schon das Risiko erheblich ist, sollte Ihnen wenigstens zum Ausgleich ein „gutes Geschäft“ winken. Konkret: Der neue Job sollte handfeste Vorteile gegenüber dem alten haben. Diese könnten grundsätzlich so aussehen:

– Aufstieg in die nächste Hierarchieebene (dafür ist es bei Ihnen noch viel zu früh);

– höheres Einkommen;

– Austausch einer als kritisch erkannten bisherigen Branche gegen eine besser aussehende neue bei Fortführung des roten Fadens von Aufgaben, Tätigkeiten, Positionsbezeichnung o. Ä.;

– Austausch einer belastenden, durch große Unsicherheiten und z. B. Einkommensverluste geprägten Anstellung A durch eine andere (B), in der diese Nachteile mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gegeben sind (eine Sicherheit gibt es nicht!).

Und dann müssen Sie abwägen und eine typische Entscheidung treffen (die mit deutlichen Unsicherheiten behaftet ist – sonst wäre es im Sprachgebrauch des Managers, der „so etwas“ täglich tun muss, keine solche).

Mein Rat: Keine Panik, keine Hektik. Warten Sie, was geschieht und treffen Sie Vorsorge gemäß Punkt 2. Etwa drei bis vier Dienstjahre beim ersten Arbeitgeber wären ein gutes „Polster“ für zukünftige Risiken – und viel beruhigender als 1,5. Eines ist gewiss: Ewig wird die Kurzarbeit nicht andauern.

Frage-Nr.: 2291
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-02-11

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