Heiko Mell

Ich wollte immer schon etwas anderes machen

Frage (1. Teil): Ich bin Mitte 30, Dipl.-Ing. (FH); Lehre als Industriemechaniker, Studium Verfahrenstechnik (9 Semester, befriedigend); danach zeitlich befristete Tätigkeit bei einer Konzerntochter; seit fünf Jahren Tätigkeit bei einem großen technischen Dienstleister, meine Vorgesetzten sind grundsätzlich zufrieden.

Ich hatte immer schon das Ziel vor Augen, Lehrer an einer berufsbildenden Schule zu werden. Das Ziel habe ich bisher nicht in Angriff nehmen können, weil mir das Geld gefehlt hat. Jetzt hätte ich so gerade eben die finanziellen Mittel.

Eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft oder beim technischen Dienstleister befriedigt mich nicht wirklich. Würden Sie einen solchen Schritt in meinem Alter noch einmal wagen? Ich habe bereits in einer Berufsschule ein einwöchiges Praktikum absolviert, was mich ein Stück weit ermutigt hat. Zurzeit kümmere ich mich im Rahmen eines Schülerpatenprojekts um einen 16-jährigen Hauptschüler, dem ich helfe, in der freien Wirtschaft Fuß zu fassen. Ich glaube, ich habe an solchen pädagogischen Tätigkeiten einfach mehr Freude.

Frage (2. Teil, derselbe Einsender): Ich bin eigentlich längst in dem Alter, in dem man eine Familie gründen sollte. Die Frauen, die ich bisher hatte, habe ich alle wieder weggeschickt, weil ich mit mir nie zufrieden war. Mittlerweile weiß ich auch, dass ich zu depressiven Verstimmungen neige, zu akuter Lustlosigkeit etc. Ich habe lange Jahre unter meiner Schüchternheit gelitten, hatte Kontaktprobleme, obwohl andere sagen, dass ich die gar nicht nötig gehabt hätte. Das hat sich weitgehend gelegt, ich bin ein offener Mensch geworden, der auch mit anpacken kann. Würden Sie mir raten, den Weg über ein Lehramtsstudium zu wählen oder sollte ich einfach versuchen, zufrieden zu sein?

Antwort:

Antwort (1. Teil): Berufsschullehrer ist zweifelsfrei ein Beruf, der ebenso wichtig ist wie viele andere. Schön, ich würde hinsichtlich der Motivation jugendlicher Auszubildender, engagiert in der Berufsschule mitzuarbeiten, vielleicht keine Illusionen haben – das könnte ja aber auch an dem fehlenden Engagement der Lehrer liegen; ein mit neuen Ideen einsteigender Junglehrer kann vielleicht etwas bewegen. Und wir brauchen gut ausgebildete, zu selbstständigen Persönlichkeiten geformte Facharbeiter, Bürokräfte, Handwerker etc. Wir brauchen sie dringend. Bemühungen in dieser Hinsicht sind des Schweißes der Edlen wert.

Wenn also ein junger Mensch nach der Schule überlegt, ob er Steuerberater, Berufsschullehrer oder Kriminalbeamter werden will, spricht gegen einen dieser oder andere Berufe überhaupt nichts. Vorausgesetzt, das Interesse ist da, die Begabung entspricht den Anforderungen und Jobs gibt es später auch.

Aber nach acht Jahren in einem seinen Mann ernährenden Beruf ein neues (Lehramts-)Studium aufzunehmen und irgendwie mit Anfang 40 auf neuem Feld als Neuling anfangen? Es gibt, seien Sie sich darüber im Klaren, kaum ein Zurück – was Sie jetzt neu beginnen, muss klappen! Ich weiß nicht, wie man Berufsschullehrer wird, ob das – außer dem Lebensunterhalt – etwas kostet (mehr als andere Studien?) und wie die Einstellvoraussetzungen sind. Aber darauf kommt es hier nicht an. Nur: Sie wollen mitten im (beruflichen) Rennen die Pferde wechseln – Leute wie ich raten davon eher ab.

Stellen Sie sich vor, Sie bestehen das Examen nicht: Sie säßen zwischen allen Stühlen. Ihrer Neigung zum Ausbilden können Sie auch anderswo ebenso anspruchsvoll nachgehen: als hauptamtlicher Mitarbeiter in den Auszubildenden-Ausbildungsabteilungen (ich kann nichts für das Wortungetüm) größerer Unternehmen, nebenberuflich in der Erwachsenenbildung (z. B. Kursleiter an der Volkshochschule) oder Sie verstärken Ihr ehrenamtliches Schülerpatenprojektengagement (stellen Sie sich vor, um wie viele Kinder mit Migrantenhintergrund man sich kümmern könnte).

Meine Alternativ-Empfehlung geht in Richtung Stellenwechsel im Hauptberuf: Wie viele höchst unterschiedliche Herausforderungen (Tätigkeiten) für FH-Verfahrenstechniker mag es im Lande geben? Hundert, tausend? Jede Firma ist anders, selbst wenn die Jobbezeichnung identisch ist. Probieren Sie dort Neues aus, Sie bleiben auf solidem Boden, dieses Experiment wäre weniger gefährlich. Und leben Sie Ihren Traum z. B. als Hobby oder im Ehrenamt aus.

Antwort (2. Teil): Ich habe die Einsendung bewusst aufgetrennt, um mit Teil 1 einen für viele Leser interessanten Fall zu bekommen – entsprechende Gedanken sind weit verbreitet. Nach Kenntnis dieses 2. Teils kann ich speziell Ihnen nur dringend vom Experiment des Neuanfangs abraten. Zwar habe ich das mit den Frauen nicht ganz verstanden, aber sicher ist: Die hauptberufliche Beschäftigung mit Jugendlichen verlangt persönlich gefestigte, nervenstarke und frustrationstolerante Menschen. Meine Befürwortung Ihres Planes bekommen Sie daher keinesfalls.

Frage-Nr.: 2283
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-01-14

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