Heiko Mell

Verlierer auf der ganzen Linie?

Ich bin 37 und stamme aus einer Kleinstadt in der ehemaligen DDR. Dort besuchte ich die Polytechnische Oberschule (Abschluss 10. Klasse), absolvierte eine Lehre zum Werkzeugmacher („gut“) und arbeitete eine Zeit lang weiter. Dann ging ich als CNC-Programmierer nach München. Die Arbeit machte Spaß, ich fand aber in der Großstadt keine Freunde: Rückkehr in die Heimatstadt, Ablegung des technischen Fachabiturs (2,4).

Auf Anraten einer Mitarbeiterin des ortsansässigen Arbeitsamtes studierte ich dann Wirtschaftsingenieurwesen. Ich studierte an einer ostdeutschen FH wohnortnah. Während des Studiums bekam ich große Schwierigkeiten in den Wirtschaftsfächern. Aber auch die technischen Fächer bereiteten mir nicht gerade keine Probleme. Ich erhielt mein Diplom nach fast elf Semestern (3,0).

Nach vier Monaten fand ich eine auf zwei Jahre befristete Anstellung als Logistikingenieur am Wohnort. Die Firma wurde verkauft, die Anstellung nicht verlängert, das Zeugnis ist mäßig und lieblos. Mein alter Lehrbetrieb stellte mich ein. Nach zwei Monaten wurde ich intern versetzt, nach fünf Monaten beurlaubt und nach sechs Monaten entlassen. Das Zeugnis jedoch ist tadellos.

Danach war ich fast ein Jahr arbeitslos. Ich bewarb mich deutschlandweit, erhielt jedoch regelmäßig nach dem Vorstellungsgespräch eine Absage. Es folgte bei einer ostdeutschen Arbeitnehmerüberlassung eine auf drei Monate befristete Anstellung ohne Verlängerung.

Nach zwei Monaten fand ich meine heutige Anstellung bei einer westdeutschen Arbeitnehmerüberlassung. Hier bin ich jetzt ca. ein dreiviertel Jahr, habe vier kurze Projekte von jeweils einigen Wochen gemacht, ansonsten warte ich auf mögliche Aufträge. Ich habe mich schon eigeninitiativ für bestimmte Stellen, auf denen ich eingesetzt werden könnte, ins Gespräch gebracht. Jedoch sehen mich die zuständigen Vorgesetzten nicht als geeignet für diese Stellen. Mir scheint es, dass mein Arbeitgeber allmählich unruhig wird und ich mir allmählich Sorgen machen muss, was meine weitere Verwendung dort betrifft.

Was würden Sie unter diesen Umständen raten? Wie sehen Sie eine Änderung und Verbesserung der Situation? Soll ich mich schon wieder um eine neue Stelle kümmern? Oder besser ausharren und warten, was passiert?

Antwort:

Und die einzig richtige Frage sparen Sie aus, umkreisen sie wie der Teufel das Weihwasser. Ich will mir die Formulierung sparen, ich komme gleich zur Antwort darauf:Sie machen etwas falsch, die Ursache liegt allein bei Ihnen, Sie müssen sich ändern – das ist Ihre einzige Chance.

Und nun arbeiten wir die Geschichte erst einmal auf:

Ostdeutsche Kleinstadt mit Schule und Lehre – alles tadellos. Oft hängt entsprechend geprägten Menschen eine gewisse Passivität an, sie warten, bis man ihnen etwas sagt – und Ratschläge von „Behörden“ (Arbeitsamt) sind wie Gesetze.

Schön, Sie haben sich aus der engen Heimatumgebung gelöst. München war natürlich ein Dimensionssprung. Die Arbeit als CNC-Programmierer hat sogar Spaß gemacht. Der erste Fehler war, „vor lauter Schreck“ wieder in die Heimat zurückzuflüchten. Eine mittlere Stadt im Westen hätte es vermutlich auch getan. Dass nicht jeder in Metropolen glücklich wird, ist schließlich bekannt.

Na gut, bis zur Fachhochschulreife (so heißt es wohl korrekt, „Fachabitur“ ist eine Erfindung der Betroffenen) lief es ja dann. Nun aber hätten Sie studieren müssen, was Ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Das FH-Studium brachte Sie an Ihre intellektuellen Grenzen, die – tatsächlich leichten – Wirtschaftsfächer haben Sie überfordert. So etwas merkt man spätestens im Hauptstudium, da wäre noch Zeit für einen Fachrichtungswechsel gewesen. Das Besondere am Wirtschaftsingenieur ist die „Wirtschaft“ – und genau das liegt Ihnen nicht. Dort aber sind die späteren Einsatzschwerpunkte, für eine Tätigkeit in der Konstruktion reicht es technisch nicht.

Dann Ihr erster Job als Ingenieur. Im Original Ihres Briefes heißt es dazu: „Ich war dort mehr im operativen Tagesgeschäft der Produktion und im Lager eingesetzt und fragte mich in dieser Zeit öfter, warum ich überhaupt studiert hatte.“

Das war nun ein Kardinalfehler allererster Güte: Sie waren ein „schlechter“ (von der Ausbildung her: 11 Semester und 3,0) Wirtschaftsingenieur, bekamen dennoch einen Job und hätten jetzt die Ärmel aufkrempeln sowie der Umwelt zeigen müssen, was in Ihnen steckt. Firma: egal. Tätigkeit: egal. Chef: egal. „Hier stehe ich und arbeite die alle in Grund und Boden.“ Aber: Sie maulen herum, bemäkeln dieses und jenes, stellen philosophische Überlegungen an. Selbstverständlich kommt nichts dabei heraus, selbstverständlich merkt der Arbeitgeber das und selbstverständlich verlängert er den Vertrag mit Ihnen nicht. Und – ersparen Sie mir eine erneute Wiederholung von „selbstverständlich“ – es gibt ein schlechtes Zeugnis. Von nun an war Ihr Weg bergab vorgezeichnet.

Dann kommt Ihre letzte ernsthafte Chance: Sie bewerben sich bundesweit, werden offenbar auch eingeladen – wer Sie kennenlernt, will Sie nicht haben. Es gibt keine Aussage von Ihnen zu den Ursachen, wieder keine Frage, die Sie sich dazu stellen. Hier aber liegt der Schlüssel zu dem ganzen Problem: Wie treten Sie auf, welche Ausstrahlung haben Sie, was erzählen Sie dort? Wenn Sie diese Fragen nicht überzeugend beantworten, kommen Sie nie zu einer Lösung.Und heute? So ganz habe ich nicht verstanden, ob Ihr Arbeitnehmerüberlasser Sie irgendwo eingesetzt hat oder ob die „zuständigen Vorgesetzten“ zu Ihrem Arbeitgeber gehören. Aber von Bedeutung ist das eigentlich nicht. Und dass irgendwann zwischendurch Ihr alter Lehrbetrieb Sie in der Probezeit wieder gefeuert hatte, habe ich noch gar nicht erwähnt. Ich weiß nicht, wie man Ihnen helfen kann. Ich weiß aber nach 39 Beraterjahren immerhin so viel:

1. Es will eigentlich niemand beraten werden. Was die Leute wollen, ist eher eine Bestätigung, dass sie so weitermachen können wie bisher. Damit kann ich in Ihrem Fall nicht dienen.

2. Wer von einer Beratung etwas haben will, muss das Undenkbare denken und dann auch noch tun: Er muss sich ändern, sein Verhalten neu ausrichten. Das ist verteufelt unbequem! Und wird absolut nicht „gern genommen“!

In Ihrem Fall muss das sein, es gibt keinen anderen Ausweg. Es gilt, was Ihre Situation angeht, etwa folgendes:

– Ein sehr guter Wirtschaftsingenieur darf Ansprüche stellen; der aber waren Sie nie.

– Ein guter Wirtschaftsingenieur darf sich Hoffnungen machen, eine ihn rundum befriedigende Aufgabe mit späteren Perspektiven zu erhalten; der waren Sie auch nie.

– Ein durchschnittlicher Wirtschaftsingenieur darf einen durchschnittlichen Job erwarten und hoffen, auch in Zukunft immer wieder einen durchschnittlichen Job irgendwo zu erhalten. Ob Sie der je waren, ist uninteressant, nach dem Verlauf Ihres beruflichen Werdeganges sind Sie der nicht mehr. Ihnen hängt inzwischen das Prädikat an: „War als Facharbeiter gut, hat dann mit Ach und Krach studiert und seitdem im Einsatz mehrfach versagt.“ Und das lässt sich nicht anständig vermarkten.

Mein Rat: Das ist alles nicht zwangsläufig hoffnungslos, nur ist es für Sie 10 Sekunden vor 12. Aber noch haben Sie eine Chance. Das wird nicht einfach und geht, wenn überhaupt, nur so:Sie akzeptieren überwiegend meine (nicht weil es meine sind, aber andere haben Sie im Augenblick nicht) Aussagen und Bewertungen als zutreffend.

Sie analysieren Ihre Fehler, die im Verhalten am Arbeitsplatz und im Vorstellungsgespräch liegen, sorgfältig und schwören vor sich selbst sofortige Änderung bzw. Besserung. Sie können so nicht weitermachen!

Entweder dort, wo Sie jetzt sind, oder aber beim nächsten Arbeitnehmerüberlasser sind Sie ein Musterexemplar eines Angestellten: Sie engagieren sich, machen Ihre Vorgesetzten glücklich, rund um die Uhr. Ob Ihnen die Arbeit Spaß macht oder nicht – die Frage gibt es gar nicht mehr. Aber was Sie in den nächsten drei Jahren tun, machen Sie gern(!), schnell und gut, Sie sind freundlich, aufgeschlossen, höflich, hilfsbereit, ein Musterexemplar – aber das sagte ich schon.

Ich bin nun wirklich nicht das Maß aller Dinge (wie meine Frau und meine Mitarbeiter gern bestätigen werden). Aber: Mein Freund und ich, wir haben als Studenten einmal in einer Schneekettenfabrik als Maschinenbediener gearbeitet. Die Maschine wickelte Draht von großen Rollen ab und schweißte Ketten. Wir schauten zu. Unsere Anweisungen: Drahtrolle alle: Vorarbeiter holen; Maschine stockt: Vorarbeiter holen. Sonst nur: nicht einschlafen. Abends kam der Vorarbeiter ganz entsetzt angelaufen. Ihm war aufgefallen, dass wir ihn nie gerufen hatten. Er rechnete jetzt mit dem Schlimmsten. Aber wir hatten einen Produktionsrekord aufgestellt. War die Rolle alle, holten wir uns eine neue, stockte die Maschine, beseitigten wir die Störung. Die Unternehmensleitung hat uns nachträglich 10 Pfennig je Stunde draufgelegt und beim Ausscheiden feierlich überreicht. Das war 1963 viel Geld.

Ich will nie wieder Schneeketten machen. Aber falls doch, bekäme ich wieder etwas in der Art zustande. Gibt es überhaupt einen anderen Weg? Falls ja, kenne ich ihn nicht. (Und wenn Ihnen das nicht gefällt, fragen Sie jemand anderen.)

Frage-Nr.: 2262
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-10-08

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