Heiko Mell

„Technikbegeisterung beim Nachwuchs fördern“ (Vorpraktikum) II

Anmerkung von Heiko Mell:

Ein Schüler der 11. Klasse mit Interesse am Ingenieurstudium hatte von seinen Schwierigkeiten berichtet, einen Vorpraktikumsplatz zu erringen. Unsere Leser waren engagiert und zahlreich unserem Aufruf gefolgt, eigene Erfahrungen zu schildern. Wir hatten Auszüge daraus in der letzten Folge veröffentlicht, aber für meinen Kommentar war kein Platz mehr gewesen, er folgt jetzt. Dies ist der erste „Fortsetzungsroman“ in der 24-jährigen Geschichte der Serie. Wir unterstreichen damit die Bedeutung des Themas „Technikbegeisterung fördern“.

Antwort:

Nochmals Dank allen Lesern, die uns geschrieben und damit unser spezielles Anliegen unterstützt haben.

Ich muss aber wohl unserem damaligen Fragesteller ein bisschen helfen, die vielfältigen Informationen auszuwerten und sich grundsätzlich auf die Situation einzustellen. Und er hat, meiner damaligen Bitte entsprechend, inzwischen ein Bewerbungsmuster nachgesandt. Auch dazu ist etwas zu sagen.

Also, geehrter Einsender, ich versuche einmal, die Dinge etwas zu ordnen:

1. Sie stehen vor einem Dimensionssprung in Ihrer Entwicklung. Bisher war Ihr Weg vorgegeben: Schule, das war klar, den Schultyp kann man in Grenzen aussuchen, aber in dem Zusammenhang ist alles(!) geregelt; es gibt Gesetze, Verwaltungsvorschriften für praktisch jedes Detail. Ihre Eltern oder Sie melden Sie irgendwo an – von da an läuft alles irgendwie „von selbst“. Konkret: Wo soll ein Kind, das gut war in der Grundschule, schon hingehen? Aufs Gymnasium. Mancherorts gibt es nur eines, mitunter stehen zwei zur Auswahl. Dort ist das Kind kein Bittsteller, sondern wird im Normalfall aufgenommen, fertig. Und dann ist bis zum Abitur alles geregelt.

Jetzt ändert sich das. Sie haben die freie Wahl Ihrer Ausbildung; Partner wie Universitäten, Fachhochschulen oder Lehrbetriebe aller möglichen Fachrichtungen in ganz Deutschland stehen zur Wahl. Sie müssen sich entscheiden, Sie müssen aktiv werden – und Sie stoßen dabei auf eine Welt, in der die Dinge nicht mehr so wohlgeordnet sind wie im Schulbereich.

Sie wollen eine Universität besuchen, die plötzlich neben dem – staatlich reglementierten – Abitur eine weitere Forderung an Sie stellt, deren Erfüllung teils Ihrer Privatinitiative, teils der „Willkür“ dritter Institutionen (Unternehmen) unterworfen ist. Und die ein Praktikum voraussetzende Universität fühlt sich für die Frage, wo Sie eines bekommen, nicht mehr zuständig.Dies ist Ihr Einstieg in die Welt des praktischen Lebens, in der fast alles Ihrer persönlichen Initiative unterliegt. Wir alle „hier draußen“ haben Jobs, die wir uns nach eigener Wahl selbst besorgt haben. Dabei haben intensive Recherchen, Glück, Zufall o. Ä. oft eine Rolle gespielt. Aber – als Beispiel – niemand, den ich näher kenne, war je auf einem Arbeitsamt und hat etwa versucht, sich einen Job zuweisen zu lassen. Allein die Idee klingt absurd. Selbst ist der Mann – und die Frau eben auch.

Es geht Ihnen ein wenig wie einem Menschen, der bisher stets mit der Bahn von A nach B gefahren ist. Er musste nur sagen, wann er in B ankommen wollte. Darüber hinaus brauchte er sich um nichts zu kümmern. Ob die Schienen in Ordnung waren, welchen Weg der Zug nahm oder ob die Lok fahrbereit war, das alles war „anderweitig geregelt“.

Jetzt steigen Sie um aufs Auto, Plötzlich sind Sie für alles selbst verantwortlich. Ist das Fahrzeug technisch in Ordnung, ist Sprit im Tank, kennen Sie den Weg, gibt es Stauungen, müssen Sie dreißig Minuten oder zwei Stunden Sicherheit einplanen – alles Ihre Sache. Erwartet wird, dass Sie pünktlich ankommen – Ausreden sind nicht von Interesse. Sie haben überall die Entscheidungsfreiheit – auch im Übertreten von Vorschriften. Aber niemand nimmt Ihnen Verantwortung ab. Und wenn es Ihnen nicht gelingt, rechtzeitig neue Reifen aufzutreiben und Sie deshalb nicht rechtzeitig zum Vorstellungs- oder Geschäftstermin erscheinen, bekommt ein anderer den Job oder den Auftrag. Und die Frage, ob Sie an etwas die Schuld tragen oder nicht, spielt keine Rolle.

Als Warnung: Diese neue Welt da draußen außerhalb der Schule ist unlogisch, ungerecht – und völlig immun gegen Bemerkungen wie „man müsste doch …“.

Dies nun ist Ihre erste ernsthafte Berührung mit dieser „Welt“, die von Ihnen eine ziemliche Umstellung verlangt, wenn Sie dort erfolgreich sein wollen. Reibungsverluste am Anfang sind normal.

2. Manche unserer Leser haben das Gegenteil von dem erfahren, was andere berichten, manche empfehlen das, was andere für falsch halten. Das ist ebenfalls normal und hängt mit unterschiedlichen Erwartungen, Einstellungen und zufälligen Erfahrungen zusammen. Sie müssen lesen, selbst bewerten und für sich entscheiden.

3. Ein Thema ist so versteckt, dass Sie allein wohl nicht damit fertig werden (können). Die Aussagen beziehen sich auf zwei (verschiedene) Typen von Studien-Institutionen:

a) Es gibt Fachhochschulen. Diese haben etwas reduzierte Einstiegsanforderungen (Fachhochschulreife reicht, Abitur ist nicht erforderlich), das Studium ist kürzer, sie bieten keine eigene Promotionsmöglichkeit, aber eine besondere Praxisorientierung.

Eigentlich hießen die alle „Fachhochschulen“. Dann aber kam ein Trend ins Spiel, diese Bezeichnung möglichst zu meiden. Die Institutionen halten es stattdessen mit der englischen Bezeichnung „University of Applied Sciences“, wobei University so schön nah am deutschen Wort Universität steht, was aber trügt. Manche Bewerber geben schon nicht mehr eine Fachhochschule als ihre Ausbildungsinstitution an, sondern nur noch eine „University of …“.

Viele dieser Institutionen nennen sich neuerdings auf Deutsch nur noch „Hochschule“. Es gibt aber, wenn ich recht informiert bin, unter dieser Bezeichnung wohl nur Fachhochschulen.Diese Institutionen haben besondere(!) Eingangsvoraussetzungen, auch im Hinblick auf Vorpraktika, die nicht einfach mit denen von Universitäten o. Ä. vergleichbar sind. Die Einsendungen F und I dürften Fachhochschulen betreffen, sind also für Sie dann interessant, wenn Sie diesen Typ wählen.

b) Es gibt Universitäten, Technische Universitäten, Technische Hochschulen. Sie setzen in der Regel Abitur voraus, das Studium ist länger, stärker wissenschaftlich ausgerichtet, man kann dort jeweils auch promovieren.Und wenn Sie mich jetzt fragen, warum nun die „Hochschule A-Stadt“ eine Fachhochschule ist, während die „Technische Hochschule B-Stadt“ Universitätsrang hat, dann müsste ich nach bestem Wissen passen. Fragten Sie mich nach dem tieferen Sinn, bliebe mir nur eine Antwort in Richtung „der ganz normale Wahnsinn“.

Auf diesen Universitäts-Typ dürften sich die übrigen Leser-Einsendungen beziehen.Und bitte sagen Sie im Gespräch mit Vertretern des Universitätstyps niemals, dieses oder jenes sei aber an der Fachhochschule so und so geregelt. Niemals.

(Nur zur Klarstellung: Ich bin in der glücklichen Lage, nicht Partei zu sein: Absolviert habe ich eine Ingenieurschule zu einer Zeit als es noch gar keine Fachhochschulen gab, meine alte Institution wurde dann FH; mein Dr. ist mir ehrenhalber von einer Universität verliehen worden, wo ich auch Vorlesungen halte. Ich bin stolz darauf, „Ingenieur“ zu sein – ohne Zusatz davor oder dahinter. Es gibt außer mir nur noch wenige aktive davon.)

4. Der Tipp mit dem „Betrug“ (Leser C) sollte sehr kritisch gesehen werden. Einmal kann auch einem Universitäts-Dipl.-Ingenieur eine praxisbezogene Grunderfahrung nicht schaden (ich profitiere heute noch von meinem zweijährigen Praktikum, vor allem in meiner Funktion als Heimwerker), dann ist es eine Frage der persönlichen Haltung resp. der Ansprüche an sich selbst. „Nicht mein Stil“ sollte Ihre Devise sein – unabhängig davon, wie groß die Gefahr der Entdeckung ist.5. Ich glaube, in diesen Einsendungen sind viele wertvolle Lösungsansätze enthalten. Besonders wichtig scheint mir der Rat zu sein, vorher Kontakt mit der zuständigen Stelle der Ziel-Hochschule aufzunehmen.

Nun zu Ihrer speziellen Bewerbung:

a) Lebenslauf:Max Müller ist Max Müller, eher weniger „Müller, Max“; das ist aber eine Kleinigkeit – und es gibt regionale Besonderheiten. Niemand jedoch sagt „Merkel, Angela“ oder „Connor, Sarah“.

Aber: Es gibt keine „Staatsangehörigkeit BRD“, es hat nie eine gegeben. Der Kenner sieht an dieser Stelle: Sie sind im Osten aufgewachsen; die ehemalige DDR hat versucht, den Leuten so etwas einzureden. Aber Sie sind nach der Wiedervereinigung geboren. Es hieß korrekt stets nur „deutsch“ und so heißt es weiter. Selbst die Abkürzung „BRD“ hat man hier (Sie wohnen jetzt im Westen) nie offiziell gebraucht. Die DDR hat damit versucht, ihre Theorie von den zwei deutschen Staaten zu untermauern.

Die Namen der Eltern sind eine sinnlose Information. Sinnvoll könnten allein deren Berufe sein, allein es ist nicht üblich: Raus mit den Eltern (aus der Bewerbung).

Was dann kommt, habe ich in 39 aktiven Beraterjahren noch nicht gesehen (und da glaubt man immer, schon alles zu kennen): Sie splitten Ihre elf Schuljahre in elf einzeln genannte Zeiten auf – wobei Sie in jedem Jahr nur die aktive Schulzeit nennen, aber die Ferien weglassen. Das sieht dann so aus:“09.2002 – 07.2003 Gymnasium X09.2003 – 07.2004 Gymnasium X“und so weiter. Das alles vom Tag der Einschulung an bis heute. Das treibt ja den Leser in den Wahnsinn; er braucht viele Minuten, bis er überhaupt das Prinzip verstanden hat, weil er ständig nach der Botschaft sucht, die darin enthalten sein soll.

Fassen Sie also eine Schule so zusammen:“09.1997 – 07.2001 Grundschule X-Dorf“, dann hat es sich. Und bei Ihrer heutigen Schule schreiben Sie „… – heute“.

Was interessiert, ist die genaue Lokalisierung der Schule, der bloße Name sagt nichts. Also sollten Sie die Stadt dazuschreiben – und sofern die dem Außenstehenden nichts sagt, dann auch noch das Bundesland.Sie erwähnen Ihre frühere Klassensprecherfunktion, Ihre zum Ingenieur passenden Leistungsfächer und ein Betriebspraktikum „Industriemechaniker“, alles in Ordnung. Dann erwähnen Sie die Teilnahme an einem Jugendwissenschaftscamp, das geht auch noch an. Aber dann steht da: „Dort beschäftigten wir uns mit der Quantenphysik.“ Ich bin etwas skeptisch: Die Quantenphysik ist meilenweit weg von „Bohren, Feilen, Schleifen“, was im Vorpraktikum vermittelt wird. Wenn man das dem Leiter (Meister?) der Lehrwerkstatt zeigt, hat er Angst, Ihnen jemals etwas anderes als einen Gummihammer in die Hand zu drücken. Schreiben Sie lieber: „Dort beschäftigen wir uns mit physikalischen Fragen.“ Das beruhigt den Praktiker.

Es macht zwar hier nichts, aber es ergibt keinen Sinn, pauschal zu schreiben: „Fremdsprachen: gute Schulkenntnisse“ – man fragt sich als Leser sofort: „Welche denn bitte?“ Also wenigstens „Fremdsprachen (Englisch, Russisch): gute Schulkenntnisse“.

b) Anschreiben:Während Sie im Lebenslauf noch „Müller, Max“ waren, sind Sie hier nun „Max Müller“ – ein Systemfehler („Max Müller“ ist ungleich besser).

Sie schreiben richtig ganz oben im Text „Bewerbung um …“, setzen dann aber darunter eine Zeile „Betr.: Bewerbung um …“. Das Obere war schon der „Betreff“, den man einfach hinschreibt, aber nie so benennt; Ihre obere Zeile ist also richtig, die darunter falsch und überflüssig.Dann schreiben Sie „bezugnehmend zu Ihrer Internetanzeige“. Das müsste „bezugnehmend auf Ihre …“ heißen, ist aber veraltet. Schreiben Sie: „in Ihrer Internetanzeige … habe ich mit großem Interesse gelesen, dass Sie …“ Und geben Sie eine Kennziffer oder eine Schlagzeile aus dieser Anzeige an, sonst weiß niemand, welches Inserat Sie meinen.

Vergessen Sie nicht, den Brief handschriftlich zu unterschreiben, sofern Sie ihn mit der Post absenden.Um eine Anrede haben Sie sich gedrückt im konkreten Fall. Wenn man keinen Namen einer Person kennt, schreibt man unter den Betreff „Sehr geehrte Damen und Herren,“.

In Ihrem Brief am mich reden Sie mich mit „Werter Herr Dr.-Ing. E. h. Heiko Mell“ an. Das ist gut gemeint, aber: Es ist viel zu lang. „Herr Dr. Mell“ reicht, die Art des Doktors und der Vorname gehören dort nicht mehr hin (aber ggf. in die Adresse auf dem Umschlag). Die Historie von „werter“ kenne ich nicht, man sieht es oft (und nur) bei Menschen aus der ehemaligen DDR. Sie wohnen jetzt im Westen der Republik, da gilt doppelt die Empfehlung, sich üblicher Wendungen zu bedienen. Korrekt ist: „Sehr geehrter Herr …“Bitte nehmen Sie mir ab, dass ich Ihnen im Rahmen meiner Möglichkeiten helfen wollte. Vielleicht war das nicht immer pädagogisch wertvoll angelegt, aber ehrlich gut gemeint.

Und ich lasse bitte das Ausnahmethema „vor dem Studium“ nun wieder für längere Zeit ruhen und erinnere an die Ausrichtung dieser Serie: Ihr Schwerpunkt liegt „ab Studienende“ – mit gelegentlichen Ausflügen in das Studium. Ich freue mich, dass die berufserfahrenen Leser Verständnis dafür hatten, dass wir hier einmal etwas Ungewöhnliches getan haben.

Frage-Nr.: 2261
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-10-01

Von Heiko Mell

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