Heiko Mell

Mathe und Bio auf Lehramt

Können Sie mir bitte einen Rat geben, wie ich mit meinen beiden Fächern Mathematik und Biologie, die ich auf Lehramt an Gymnasien mit Schwerpunkt numerische Mathematik studiert habe, noch etwas anderes anfangen kann als in den Schuldienst zu gehen?

Antwort:

Sie stehen vor zwei Problemen, von denen das zweite das größere ist:

a) Sie brauchen jetzt einen Job, um nicht arbeitslos zu werden oder zu bleiben.

b) Solange Sie eine aus der Sicht der freien Wirtschaft völlig „daneben“ liegende Ausbildung haben, geht im späteren Leben bei jeder neuen Bewerbung der Ärger von vorne los. Und Sie müssen unbedingt damit rechnen, immer wieder einmal wechseln zu wollen oder zu müssen. Die Fähigkeit zu diesem Wechsel ist ein Grundpfeiler der Existenz eines Angestellten. Und jede Bewerbungsanalyse beginnt damit, dass man noch in zehn oder zwanzig Jahren real oder doch symbolisch ein Formular ausfüllt, in dem ganz oben steht „Ausbildung“.

Zum Glück weiß ich nicht, ob bei Ihnen noch weitere „Leichen im Keller“ liegen. Sie könnten auch noch endlos lange studiert, das Studium ganz ohne Abschluss abgebrochen oder ein schlechtes Examen haben.

Fangen wir mit b an: In diesem Land ist es unerfreulich, keine der jeweils angestrebten Tätigkeit entsprechende Ausbildung zu haben. Ohne eine solche dürfen Sie auch dann später kaum auf einen Aufstieg, auf die Übertragung größerer Verantwortung hoffen, wenn Sie tatsächlich gute Arbeit leisten.

Also: Es muss eine außerhalb des Schuldienstes gesuchte Ausbildung her. Eine Lehre würde nicht Ihrem Anspruch gerecht werden, Sie wollten ja Studienrat werden. Also muss es ein Studium sein. Z. B. eine Ingenieurwissenschaft. Da Sie vermutlich ein zweites „hauptberufliches“ Studium weder durchziehen wollen, noch finanzieren können, empfiehlt sich ein nebenberufliches, etwa ein Fernstudium. Das sollte in Ihrem Fall schnell, konsequent und mit guten Noten durchgezogen werden.

Achtung: Auf Jobs, die zu diesem Studium passen, dürfen Sie erst nach erfolgreichem Abschluss hoffen. Dann sind Sie als Berufsanfänger recht alt – ganz los werden Sie Ihr selbstverschuldetes Problem nie. Aber Sie haben dann eine reale Chance, jetzt haben Sie keine.

Nun zu a: Der jetzt zu findende Job soll mehreren Zielen gerecht werden:

– Sicherung Ihrer Existenz,

– Nachweis für spätere Bewerbungsempfänger, dass der „verkrachte Lehrer“ (so nennt man Sie hinter Ihrem Rücken) überhaupt ins Arbeitsleben der freien Wirtschaft passt (also hinreichend lange durchhält, nicht ständig wechselt oder gefeuert wird, ein gutes Zeugnis bekommt),

– Er soll möglichst schon die Basis für den Nachweis liefern, dass Sie in einem Unternehmen des Typs und der Größe, vielleicht sogar der Branche Ihres späteren Zielunternehmens allgemeine (positive) Erfahrungen gesammelt haben. Was Sie dabei tun, ist zweitrangig. Und wenn es Belegsortierung in der Buchhaltung oder Hilfsarbeit in der Produktion wäre.

Schreiben Sie breit gestreute Bewerbungen, beschönigen Sie nichts und machen Sie deutlich, dass Sie „jede Arbeit“ übernehmen und geben Sie zu, dass Sie ein außerhalb üblicher „Raster“ angesiedelter Fall sind. Bei 100 Bewerbungen geben Sie bei der Hälfte an, Sie würden nebenberuflich ein Zweitstudium zum … betreiben, bei der anderen Hälfte lassen Sie das weg. Und dann warten Sie, was geschieht. Übrigens dürfen Sie nicht auf Anzeigen warten, sondern müssen sich initiativ bewerben. Passende Anzeigen für Fälle wie Ihren gibt es gar nicht.

Es wird nicht leicht, aber Chancen gibt es.

Für den Fall, dass Sie diesen soliden, aber auch mühsamen Weg nicht gehen wollen, bliebe allenfalls noch die Suche nach Zusatzkenntnissen, die als Basis für die Jobsuche dienen könnten. So wäre es ja denkbar, dass Sie neben der Mathematik stark in IT „gemacht haben“ und sich z. B. in der Softwareentwicklung bewerben könnten. Aber der erstgenannte kombinierte Weg gefiele mir besser.

Man muss in Fällen wie dem Ihren fair sein: Die freie Wirtschaft ist nicht kritischer gegenüber einem aus ihrer Sicht falsch ausgebildeten Lehrer als es der Schuldienst gegenüber einem Ingenieur ist, der plötzlich gern unterrichten würde (und eben aus Sicht des Schulamtes „falsch“ ausgebildet ist). Es ist wie beim Pferderennen: Das Tier, auf das man gesetzt hat, muss auch gewinnen – sonst ist man den Einsatz los.

Kurzantwort:

Eine vernünftige langfristige Absicherung seines Marktwertes hat der Angestellte erst dann erreicht, wenn er nicht nur seinen Job ausüben kann, sondern auch eine zum Zielgebiet passende Ausbildung hat.

Frage-Nr.: 2258
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-09-17

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