Heiko Mell

Frau, Promotion, Familie

Ich (w) studiere Entsorgungsingenieurwissenschaften an der … und werde voraussichtlich in einigen Monaten nach elf Semestern (eines im Ausland) mein Studium mit sehr guten Noten abschließen.Ich mache mir nun schon seit einiger Zeit Gedanken, was ich beruflich tun möchte bzw. was ich tun sollte, um meine späteren Ziele verwirklichen zu können:

Entweder ich bewerbe mich bei einem Maschinenbauunternehmen, wobei ich gern in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeiten möchte. Wenn ich das tue, schließe ich allerdings eine spätere Möglichkeit der Promotion aus (da Sie ja einmal schrieben, dass man diese möglichst direkt nach dem Studium beginnen sollte).

Meine andere Möglichkeit wäre die Promotion direkt nach dem Studium. Eine Stelle wurde mir schon angeboten. Realistischerweise sollte man fünf Jahre ansetzen, was bedeutet, dass ich bei Abschluss fast dreißig Jahre alt bin. Wenn ich dann mit Anfang dreißig den Wunsch haben sollte, eine Familie zu gründen, hätte ich kaum Zeit, mich in die Arbeitswelt einzuarbeiten.

Eine andere Möglichkeit wäre, während der Promotion bereits eine Familie zu gründen. Mit Promotion würde mir die Möglichkeit offenstehen, nach einer Anfangszeit in der Industrie eine Laufbahn an der Uni anzutreten und ggf. eine Professur zu erwerben bzw. in den öffentlichen Dienst einzutreten. Diese Möglichkeiten könnte ich mir als durchaus interessant vorstellen!

Halten Sie es für sinnvoll zu promovieren und danach ggf. aufgrund eines Kinderwunsches noch einmal auszusetzen oder verbaut man sich damit gewisse Chancen wie z. B. auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen? Wäre es dann in meinem Fall sinnvoller, direkt nach dem Studium in der Wirtschaft voll einzusteigen, einige Jahre zu arbeiten und die Aufstiegschancen zu nutzen, um dann nach fünf bis sechs Jahren eine Auszeit für die Familie zu nehmen? Der Karrierewunsch steht bei mir nicht an erster Stelle, allerdings möchte ich mir potenzielle Karrierechancen nicht komplett verbauen.

Antwort:

Lesen Sie sich Ihre Einsendung noch einmal in aller Ruhe durch, dann verstehen Sie, warum mir oft gar nichts anderes übrig bleibt, als Einser-Kandidaten als schwierig, mitunter kapriziös u. Ä. m. zu charakterisieren. Und um es einmal so zu sagen: Einfacher als Männer sind Sie als Frau auch nicht.Sie leiden im Augenblick einfach darunter, dass „alles möglich“ zu sein scheint. Und was am schlimmsten ist: Es stehen Ihnen ja auch fast alle Wege offen.Wenn ich Ihnen helfen soll, dann würde ich es so versuchen:

1. Planung ist wichtig, schmückt den gewissenhaften Akademiker, man kann Bände damit (mit Planung) füllen. Aber man kann es auch übertreiben. Vor allem „das Leben“ lässt sich sehr schlecht planen.

Der ganze zweite Weltkrieg hat nur sechs Jahre gedauert und hat doch unendlich viel verändert, Menschen in völlig andere Bahnen gelenkt als vorher gedacht. Übertreiben Sie es also nicht mit den Planungszeiträumen. Wegen der rasanten Veränderungen um uns herum werden Planungen konkreter Art desto ungewisser, je weiter der Zeitraum gefasst ist. Unternehmen planen beispielsweise alle konkreten Personalmaßnahmen kaum noch über mehr als zwei Jahre hinweg.

Außerdem ist Ihre Planung im beruflichen Teil „falsch herum“ aufgezäumt: Sie planen Wegeschritte, haben aber kein zentrales Ziel (außer „ich will von allem etwas“). Sie sollten definieren, was Sie in zehn oder zwanzig Jahren sein wollen, dann ergeben sich die Schritte fast von selbst.

Und für den privaten Bereich haben Sie entweder einen Partner, dann sollte der auch einmal etwas dazu sagen dürfen – oder Sie haben noch keinen, dann stehen Ihnen diesbezüglich noch viele Überraschungen ins Haus.

2. Wenn bei Ihnen Zielsetzungen durchschimmern, dann etwa so: „Ich werde Bergsteigerin. Oder Tiefseetaucherin. Oder Polarforscherin. Oder auch Wüstenspezialistin. Diese Möglichkeiten könnte ich mir als durchaus interessant vorstellen!“

Die von Ihnen genannten denkbaren Richtungen liegen an verschiedenen Enden der menschlichen Begabungsskala und schließen sich weitgehend gegenseitig aus. Sie sind sicher sehr intelligent (da liegt ja das Problem), wissen aber zu wenig vom „Leben da draußen“. Daher lächelt der lebenserfahrene Mensch etwas über Ihren sprühenden Rundumschlag. Andersherum: Sie haben Ihre „Hausaufgaben“ nicht gemacht. So kurz vor dem Examen sollten Sie weiter sein, was eine Ziel- (nicht vorrangig Weg-)Festlegung angeht.

3. Da die Dinge nun einmal so liegen wie sie liegen, empfehle ich eine Strategie mit folgender Generallinie:

3.1 Jetzt nichts tun, was bei Ihrer noch ungefestigten Persönlichkeit später total falsch sein könnte.

3.2 Die wirklich zentralen Entscheidungen so weit in die Zukunft verlagern, dass Sie dann älter, lebens- und (in Maßen) berufserfahrener sind als heute.Und so komme ich zu folgendem Konzept:

3.3 Wenn die Praxis ansteht, dann wollen Sie in F&E. Dafür ist eine Promotion absolut empfehlenswert.

3.4 Als Einser-Kandidatin ist eine anschließende Promotion absolut üblich. Im Gegenteil, Sie müssten später immer wieder mit Fragen rechnen, warum Sie nicht …

3.5 In der Vorbereitung auf eine Promotion sind Sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin fünf Jahre lang im öffentlichen Dienst – und können Ihre Leidenschaft für diesen in Ruhe testen.

3.6 Wenn Sie auch nur von einer Uni-Laufbahn/Professur träumen, ist eine Promotion unverzichtbar!

3.7 Ein entsprechendes Stellenangebot haben Sie auch schon.

3.8 Wenn Familienplanung irgendwo gut möglich ist, dann im öffentlichen Dienst. Sie müssen nur unterscheiden zwischen Ihren arbeitsrechtlichen Ansprüchen und den Erwartungen Ihres Professors, den Sie für Ihre Promotion brauchen. Wenn der mitspielt, haben Sie gute Chancen.

3.9 Merken Sie etwas? Überwältigend viel spricht in Ihrem Fall für die Promotion. Eine entsprechende Entscheidung kann also kaum wirklich falsch sein. Übrigens ist ein Alter von 31 Jahren derzeit für junge Dr.-Ingenieure (m) normal, ein Jahr Bundeswehr/Zivildienst abgezogen, erhalten wir also 30 als Abschlussalter für Dr.-Ing. (w).

4. Und wenn Sie so zwei Jahre auf dem Weg zur Promotion hinter sich gebracht haben, Ihr neues Umfeld genau kennen und wissen, was Ihr Professor mitmacht und was nicht, wenn Sie dann den künftigen Kindsvater haben und seine Meinung kennen, dann planen Sie die nächsten Schritte, beruflich sowie privat. Vor allem sollte sich dann so langsam Ihr Karriereziel herauskristallisieren. An dem hängt die Erkenntnis des optimalen Weges als „Zugabe“ dran.

Kurzantwort:

1. Es ist fast eine Gnade, nur einen klaren, erkannten Begabungsschwerpunkt zu haben, darauf eine realistische Zielsetzung aufbauen und „losmarschieren“ zu können. Und es ist fast eine Heimsuchung, glauben zu dürfen, man könnte fast alles und völlig frei wählen. Letzteres stimmt oft gar nicht – man hat nur seine eigentliche Begabung noch nicht erkannt.

2. Niemand kann alles – aber keiner kann nichts.

Frage-Nr.: 2256
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-09-10

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