Heiko Mell

Wie lange bleiben?

Im April 2005 beantworteten Sie hier meine Frage, ob ein Arbeitgeberwechsel für mich sinnvoll sei. Sie gaben mir die Empfehlung, noch zwei bis drei Jahre im Unternehmen zu bleiben und weitere Erfahrungen zu sammeln. Heute – gut drei Jahre später – möchte ich Ihnen für den Rat danken. Ich bin tatsächlich geblieben und habe vor einiger Zeit den nächsten Schritt vollzogen und die Leitung einer Abteilung übernommen.

Vor diesem Hintergrund werde ich sicher weitere Jahre im Unternehmen bleiben. Dabei stellt sich mir die Frage, ob sich dieses Verbleiben bei einem in einigen Jahren auftretenden Wechselwunsch als Hemmnis herausstellen könnte. Die von Ihnen einmal erwähnte kritische Dienstzeitgrenze von zehn Jahren pro Arbeitgeber hätte ich dann überschritten.

Konkret: Reichen zwei Beförderungen innerhalb des Unternehmens als Beweis für die Fähigkeit, sich neuen Situationen anzupassen oder bleibt eine lange Dienstzeit pro Arbeitgeber (zehn bis zwanzig Jahre) auch unter diesem Gesichtspunkt kritisch?

Antwort:

Beginnen wir mit einer tröstlichen Feststellung: Der zu häufige Firmenwechsel, zwangläufig mit zu kurzen Dienstzeiten pro Arbeitgeber verbunden, ist „beliebter“ und in seinen Auswirkungen schlimmer.

Ich fasse hier die wichtigsten Empfehlungen zu Ihrer Frage zusammen:

1. Dienstzeiten pro Arbeitgeber bis zu zehn Jahren sind unproblematisch.

2. So etwa ab zehn Jahren sollte man dem Thema Aufmerksamkeit widmen und sich damit beschäftigen, wie es weitergehen soll.

3. Ein pauschales Vertrauen darauf, man könne in diesem Unternehmen (ob Weltkonzern oder Kleinbetrieb, spielt keine Rolle) bis zur Pensionierung verbleiben, ist nicht gerechtfertigt und Ihrem eigenen Werdegang gegenüber nicht zu verantworten. Heute ist alles möglich!

4. Dienstzeiten von beispielsweise achtzehn oder dreiundzwanzig Jahren bei einem Arbeitgeber führen bei Bewerbungsempfängern leicht zu Vorbehalten hinsichtlich mangelnder Dynamik, fehlender Flexibilität. Leider hat sich in der Vergangenheit oft gezeigt, dass diese Vorbehalte tatsächlich berechtigt sind – „einen alten Baum kann man nicht mehr verpflanzen“.

5. Derartige Vorbehalte werden deutlich gemildert, wenn es während der Beschäftigungszeit bei diesem Unternehmen zu Veränderungen im Aufgabengebiet kam, idealerweise zu Beförderungen so etwa im 5-Jahres-Rhythmus.

Die Kehrseite: Vorbehalte verstärken sich, wenn sich das Aufgabengebiet über eine lange Zeit nicht verändert hat. Ein Sachbearbeiter mit achtzehn Dienstjahren und in dieser Zeit unverändertem Aufgabengebiet hat einen sehr(!) eingeschränkten Marktwert.

6. Alle hier genannten Grenzen sind „fließend“ und von der individuellen Einstellung des die Bewerbung lesenden Entscheidungsträgers abhängig. Konkret: Ein potenzieller Chef, der selbst seit fünfundzwanzig Jahren dort sitzt, neigt einfach nicht dazu, derartig lange Dienstzeiten kritisch zu sehen. Während ein solcher Vorgesetzter, der oft gewechselt hat, schon zehn Jahre bei einer Firma „verdächtig“ finden kann. Sie wissen vorher nie, in wessen Hände Ihr Fall eines Tages gerät.

7. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ja, ich rate im Extremfall zu einem Arbeitgeberwechsel, obwohl intern nichts „drückt“ und selbst wenn der neue Job kaum besser wäre als der alte. Aber wenn Sie optimal auf alle denkbaren Gefährdungen Ihrer Angestellten-Existenz vorbereitet sein wollen, gehört ein solcher Schritt dazu. Übrigens: Lebensläufe von Kandidaten mit sehr langer Dienstzeit bei einem Arbeitgeber weisen häufig danach zwei oder drei sehr kurze Dienstzeiten aus. Mangelnde Flexibilität ist eine Ursache, schlicht fehlende Übung die andere.

Kurzantwort:

Wer sich schon zwanzig Jahre lang nicht mehr beworben hat, wird beim ersten Bewerbungsprozess danach mehr Fehler machen als jemand, der alle fünf bis zehn Jahre gewechselt hat. Auch zur Auswahl eines passenden Arbeitgebers/Chefs gehört Übung.

Frage-Nr.: 2249
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-08-20

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