Heiko Mell

Arbeitgeberwechsel nach nur einem Jahr?

Ich habe vor einem Jahr mein Studium zum Dipl.-Ingenieur erfolgreich abgeschlossen. Direkt im Anschluss daran habe ich auch eine Anstellung in der F&E eines deutschen Unternehmens gefunden.

Das Unternehmen ist sehr speziell ausgerichtet, die Branche ist sehr klein, aufgrund einer Wettbewerbsklausel könnte ich ohnehin nur branchenfremd wechseln, wäre dann aber stets eine Art Exot – fit in der Behandlung eines speziellen Stoffes, aber anderswo kann ich mit diesem Wissen nichts anfangen.

Mir wird nun intern in Aussicht gestellt, nach einigen Jahren als Produktionsingenieur in ein Werk wechseln zu können. Wegen drohender Werksschließungen sehe ich das aber in weite Ferne gerückt.

Nun hat ein mir bekanntes Unternehmen einer ganz anderen Branche interessante Stellen meiner Studienrichtung ausgeschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nach so kurzer Dienstzeit dort bewerben sollte. Würden Sie einen Wechsel empfehlen oder zum Durchhalten raten?

Antwort:

Der Berufsstart in einer sehr kleinen, sehr speziellen Branche, die kaum Vergleichbares auf dem Arbeitsmarkt hat, ist mit deutlich erkennbaren Risiken verbunden. Wenn damit auch noch ein Wettbewerbsverbot im Vertrag einhergeht, steigen die Risiken sprunghaft an. Kommt dann eine Branchenkrise (irgendwann kommt sie!), sitzt man in der Falle. Und während der Produktionsingenieur nur Spezialist für die Produktion ganz allgemein ist, wird der F&E-Mitarbeiter Fachmann für dieses eine, ganz besondere Produkt.

Meine Antwort lautet aber nicht, man geht dort schnell wieder weg. Sie lautet hingegen, man überlegt sehr sorgfältig, bevor man dort unterschreibt. Meist interessieren sich junge Menschen mit besonderen Bindungen an dieses Metier dafür (schon der Vater war in der Branche tätig o. Ä. m.).

Sie, geehrter Einsender, können das, was Sie jetzt als Fehler erkennen, durchaus korrigieren. Vermutlich sollten Sie das – noch ist die Konjunktur gut, der Ingenieurmangel überspielt viele Bedenken – sogar tun. Ihre extrem geringe Berufspraxis hat jedoch noch keinen großen Wert, Sie wären wieder Anfänger und hätten einfach ein Jahr verloren.

Aber – und das ist das ganz große Risiko – Sie würden damit die Notbremse ziehen, was man auf jeder „Fahrt“ nur einmal tun kann. Beim neuen Engagement dürfte also nichts daneben gehen, ein zweiter Wechsel nach wiederum einigen Monaten wäre äußerst kritisch. Das bedeutet: Vergessen Sie nach erfolgter Vertragsunterschrift die Frage, ob und wie es Ihnen dort gefällt – dieser Aspekt ist nicht mehr relevant. Und beten Sie, dass Ihr neuer Arbeitgeber nicht an Leute verkauft wird, die dann die F&E nach Atlanta, Georgia, verlagern oder die Produktion nach Indien, Asien.

Kurzantwort:

Man kann Fehler bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber nach kurzer Zeit korrigieren, hat dann aber sein „Konto“ überzogen: Für einen weiteren Notfall ist kein Spielraum mehr vorhanden.

Frage-Nr.: 2246
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-08-06

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