Heiko Mell

Auch an die Selbstständigkeit denken

Mit großem Interesse lese ich regelmäßig Ihre Beiträge. Obwohl ich nie das Verlangen hatte, in einem Konzern Karriere zu machen, enthalten Ihre Beiträge doch wertvolle Hinweise für mich.Jedoch vermisse ich bei Ihren Ratschlägen etwas die Breite, da diese immer auf ein Angestellten-Verhältnis ausgerichtet sind. Ich lese die VDI nachrichten seit zwei Jahren und kann mich nicht erinnern, dass Sie je einem Ratsuchenden den Schritt in die Selbstständigkeit vorgeschlagen haben.

Nun kann man natürlich trefflich darüber diskutieren, ob jemandem, der Tipps hinsichtlich einer Karriereberatung sucht, mit einem Verweis auf eine mögliche Selbstständigkeit gedient wäre. Sicher gibt es auch unterschiedliche Standpunkte darüber, was man als Karriere erachtet.

Gerade Kandidaten mit abweichendem Lebenslauf, wie der aus Frage 2.227, sollten auch alternative Wege gezeigt werden, da sie sich ohnehin auf so einem befinden.

Antwort:

Kurz vorab zu Ihrem zweiten Satz: Ich lege großen Wert darauf, Konzerne und Mittelständler so ausgewogen wie möglich in Fragen und Antworten vorkommen zu lassen. Sehr viele Einsendungen betreffen kleinere Unternehmen. Sie werfen mir zwar keine Einseitigkeit vor, ich will jedoch vermeiden, dass beim flüchtigen Lesen dieser Serie ein falscher Eindruck entsteht.

Zur Selbstständigkeit: Natürlich ist das eine Alternative, die im Einzelfall die Lösung sein kann. Und ich erinnere mich auch daran, dass dieses Thema hier schon behandelt wurde, es kann aber länger zurückliegen. Lassen Sie mich von zwei Seiten darauf eingehen:

1. Auf der Basis der mir bei den üblichen Fragen übermittelten Informationen kann man eine Eignung zur Selbstständigkeit nicht feststellen – und könnte man eine entsprechende Empfehlung nicht rechtfertigen. Hinzu kommt, dass eine Selbstständigkeit als ein weitgehend unumkehrbarer Schritt gelten muss – der Weg zurück ins Angestellten-Dasein ist teils schwierig, teils unmöglich.

Und: Scheitert der Angestellte, sucht er sich einen anderen Arbeitgeber. Häufig geht das ohne jegliche finanzielle Einbuße. Scheitert der Selbstständige, ist er zumeist finanziell vollständig ruiniert – und hat darüber hinaus oft Schulden, an denen er noch jahrelang zu „kauen“ hat.

Nein, ein „Sie sollten sich selbstständig machen“ nach einer Ferndiagnose wie sie hier üblich ist, ist mir denn doch zu gewagt. Vor allem, weil unsere Einsender fast immer Angestellte sind, als Angestellte denken und handeln und „automatisch“ die Maßstäbe dieser Existenzform übernehmen. Beispiel: Mir haben schon viele Fragesteller geschrieben, wie viel sie verdienen. Aber noch nie hat mir jemand anvertraut, wie groß seine Vermögensreserven sind (für den Sprung in die Selbstständigkeit ebenso wichtig wie die Examens-/Arbeitgeberzeugnisse für einen Angestellten).

2. Aber wenn wir schon einmal dabei sind, will ich gern versuchen, die mir einfallenden wichtigsten Aspekte dafür, dagegen und die Bedingungen für einen Erfolg aufzulisten. Wie immer wird es in der Praxis auch Beispiele geben, bei denen es „trotzdem“ geklappt hat, aber im Großen und Ganzen bin ich mir meiner Argumentation sehr sicher (ich war lange Angestellter, dabei Prokurist und Geschäftsführer, und bin seit vielen Jahren selbstständig). Nur für die Vollständigkeit der Aufzählung garantiere ich nicht.

Selbstständigkeit
Besonderheiten, Vor- und Nachteile, Chancen und Grenzen:

a) Der Selbstständige hat keinen Vorgesetzten mehr und kann nicht entlassen werden. Aber er tauscht die Abhängigkeit von jeweils einem Chef gegen die von einem oder mehreren Kunden ein – wobei Kunden sehr viel brutaler, bösartiger oder gedankenloser sein können als Vorgesetzte. Nur: Den Vorgesetzten trifft er nahezu täglich, jeden Kunden aber nur jeweils für mehrere Stunden – und dann monatelang nicht mehr. Das Angestellten-Risiko der Entlassung wird ersetzt durch das der Insolvenz.

Braucht der Selbstständige externe Finanzierung, kommt die Notwendigkeit von Bittstellerei bis Abhängigkeit gegenüber Banken o. Ä. hinzu.

b) Ein uneingeschränkter Vorteil liegt darin, dass viele Entscheidungen frei getroffen werden können: Büroausstattung, Geschäftswagen, interne Prozesse, Behandlung von Mitarbeitern, Verwendung der täglichen Arbeitszeit. Es sei denn, sie tangieren Kundenbelange oder stoßen an finanzielle Grenzen.

c) Ein Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern aufzubauen, gelingt heute praktisch kaum noch (die Wahrscheinlichkeit, Bill Gates zu überholen ist etwa ebenso groß wie die für einen Physiker, ein zweiter Einstein zu werden). Aber es ist anzustreben, zumindest ein festes Büro mit einigen Angestellten zu haben. Viele Neustarter bleiben in der Ein-Mann-Selbstständigkeit stecken, die unbefriedigend und mit hohen Existenzrisiken behaftet ist.

d) Sie brauchen zum Start frei verfügbares Geld, je mehr, desto besser. Sie müssen die erste Einrichtung/Ausrüstung finanzieren, etwa sechs Monate überbrücken, bevor das erste Geld fließt und sollten eine Reserve haben für Rückschläge, die zweifelsfrei kommen werden.

e) Menschen, die versucht haben, eine bestehende Firma zu kaufen etc., berichten sehr oft, dass die meisten Angebote sich als höchst unbefriedigend entpuppten (vorsichtig ausgedrückt).

f) Starten Sie nicht direkt vom Studium aus. Dann fehlt es an Kapital, an Lebens- und Berufspraxis – und an erfolgreicher Angestellten-Zeit (die Sie brauchen, um bei einem Scheitern wenigstens ein bisschen interessant zu sein für Bewerbungsempfänger).

g) Rechnen Sie für den Fall eines Scheiterns mit großen Schwierigkeiten, wenn Sie wieder als Angestellter arbeiten wollen. Ihr Streben in die Selbstständigkeit hat ja u. a. den Bewerbungsempfängern gezeigt, dass Angestellten-Positionen für Sie nur „2. Wahl“ sind, dass Sie eigentlich „etwas Besseres“ sein wollten (so sieht man das oft).

h) Sie arbeiten als Selbstständiger regelmäßig und deutlich mehr denn als Angestellter. Das „Geschäft“ steht auf Rang 1 – vor Urlaubsplänen, vor privaten Verpflichtungen, vor Ihrem Lieblingswohnsitz etc.

i) Sie brauchen Grundkenntnisse kaufmännischen Fachwissens – oder müssen Sie (unter Zahlung von Lehrgeld) mühsam erwerben. Sie müssen z. B. wissen, wie man kalkuliert, wie man säumige Zahler so mahnt, dass man sein dringend benötigtes Geld bekommt, der Kunde aber dennoch mit dem nächsten Auftrag wieder zu Ihnen kommt.

j) Das Leben des Angestellten ist hart, das des Selbstständigen deutlich härter. Niemand macht sich Gedanken um Sie und Ihre Belange; 20-jährige Geschäftsbeziehungen können an dem Tag enden, an dem der Kunde ein billigeres Angebot bekommt.

k) Der Selbstständige braucht Aufträge, Aufträge, Aufträge. Deren Erledigung ist das kleinere Problem (das sich z. B. durch Einstellung von Angestellten lösen lässt). Machen Sie sich also weniger auf einem Gebiet selbstständig, auf dem Sie etwas können, sondern dort, wo Sie Aufträge erwarten dürfen (die zumeist durch mühsame Akquisition errungen werden müssen). Das kann identisch sein, aber die Aufträge haben im Denken stets die Nr. 1 zu sein.

Der Selbstständige scheitert nur, wenn er nicht genug Aufträge bekommt. Wer bei vollen Auftragsbüchern in die roten Zahlen gerät, macht etwas falsch. Und Sie brauchen nicht nur einen Kunden (tödlich!), sondern viele, so dass sich das Risiko verteilt.

l) Ein intelligenter, beweglicher Mensch mit der Bereitschaft zur Anpassung kann sich sowohl als Angestellter als auch in der Selbstständigkeit behaupten. Dafür gibt es genügend Beispiele. Aber so richtig erfolgreich wird man meist nur auf einem dieser beruflichen Felder.Als Angestellter immer wieder Probleme zu bekommen, kann(!) ein Indiz(!) dafür sein, dass man sich besser für die Selbstständigkeit eignet – die man dann zumindest prüfen sollte.

m) Dies sollte nicht das entscheidende Argument sein, aber es ist eines: Beim Selbstständigen interessiert nicht mehr, welche Examensnote er hat, wie lange er beim dritten Arbeitgeber tätig und ob er vor drei Jahren sechs Monate lang arbeitslos war. Dafür wird nach Referenzen gefragt („Was haben Sie für wen auf diesem Gebiet schon erfolgreich getan?“). Der Anfang ist demzufolge schwierig – gut wenn der letzte Arbeitgeber die ersten Aufträge gibt oder ein Bekannter (der irgendwo Manager ist, wo er das kann und darf). Bewerbungen klassischer Art mit Lebenslauf und Zeugnissen gibt es für Selbstständige nicht mehr. Pauschal aber gilt sicher: Es ist schwerer, dauerhaft Aufträge zu bekommen als einen dauerhaften Arbeitsplatz (sofern man einen vorzeigbaren Werdegang hat).

n) Kümmern Sie sich rechtzeitig um die steuerliche Seite (das sieht dort alles völlig anders aus, ein guter Steuerberater ist empfehlenswert) und um die sozialversicherungsrechtliche Situation.

o) Ihr Partner / Ihre Familie muss mitspielen (Arbeitszeiten, Prioritäten, unsicherer Geldeingang) und die Risiken mittragen.

p) Wenn Sie jetzt den Eindruck haben, kritische Aspekte und Warnungen überwiegen, dann mag das von der Zahl her stimmen. Aber für denjenigen Menschen, der sich dafür eignet, überstrahlen die Vorteile alles andere, er kann sich eine Rückkehr zum Angestellten nicht vorstellen. Die erfolgreiche Selbstständigkeit verdirbt für die abhängige Beschäftigung. Deswegen sind ja Rückkehrer so wenig geliebt.

Kurzantwort:

Angestellt oder selbstständig zu sein, das ist ein Vergleich zwischen verschiedenen Dimensionen. Beides erfordert unterschiedliche Fähigkeiten. So wird dem Angestellten ins Haus geliefert, worum der Selbstständige sich bevorzugt kümmern muss: Genügend viel Arbeit und am Monatsende Geld auf dem Konto.

Frage-Nr.: 2234
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-07-02

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