Heiko Mell

Orientierungsloser Einser-Kandidat

Frage: Ich habe nach 1er Abitur an der FH … studiert und mit 1 abgeschlossen, am Fraunhofer Institut mein Diplom geschrieben, bin dort kurz weiterbeschäftigt worden, bin dann als …-Stipendiat nach Südamerika gegangen, um ein Projekt zu verwirklichen, habe 17 Monate in Südeuropa bei einer deutschen Firma gearbeitet und war dann bei einem Konzern für …-Energie erst als Produktmanager in Deutschland, dann als beratender Projektingenieur in Südeuropa für insgesamt 17 Monate beschäftigt.
Dort habe ich den Bereich Großanlagen mitgestaltet, den Abteilungsleiter technisch beraten sowie die technischen Grundlagen erarbeitet und vermittelt. Aufgrund strategischer Neuausrichtungen (wirtschaftliche Probleme) bin ich betriebsbedingt mit mehreren hundert Kollegen entlassen worden. Ich bin Anfang 30, mag meine Branche und meinen Beruf sehr gerne. Das betrifft sowohl den technischen Aspekt als auch meine unternehmerischen Ideen, die ich gerne umsetzen würde.
In meiner Stellung in Südeuropa bin ich in Verantwortungen hineingewachsen, die eine Beförderung zum Gruppenleiter zur Folge gehabt hätte, leider haben uns dann die Ereignisse überrollt.Mein ehemaliger Vorgesetzter (dem auch gekündigt wurde) hält große Stücke auf mich. Er gründet für ein anderes Unternehmen eine neue Gesellschaft und hatte mich als Geschäftsführer für eine südeuropäische Tochter ins Gespräch gebracht. Die Gespräche waren weit gediehen; GF wäre ich wahrscheinlich nicht geworden, hätte aber z. B. Prokura erhalten. Außerdem hätte ich die Gelegenheit bekommen, mich mit eigenem Kapital zu beteiligen.
Ich habe dann aus privaten Gründen einen Rückzieher gemacht, ich wollte wieder nach Deutschland zurück. Die Planungen haben mich allerdings einen Monat gekostet, der für Bewerbungen verloren ist.
Andererseits bietet mir mein ehemaliger Vorgesetzter eine interessante Stelle in seiner neu zu gründenden Gesellschaft an. Es geht wieder darum, zunächst gemeinsam die Firma und dann meinen Bereich aufzubauen. Allerdings fängt die Firma klein an (4 bis 5 MA), niemand weiß, wie schnell wir wachsen werden. Ich möchte keinesfalls in die Situation geraten, wieder nach viel zu kurzer Dienstzeit gehen zu müssen. Was soll ich tun (dort anfangen, mir lieber eine Stelle in einem Konzern suchen; wobei mir die Stelle in einem kleinen, dynamischen Unternehmen mehr Spaß machen würde)?
Würde es schwer für mich, wenn sich das kleine Unternehmen nicht wie gewünscht entwickelt, mich nach ca. 2 Jahren wieder auf dem Arbeitsmarkt umzutun?

Antwort:

Sie schreiben an anderer Stelle, Sie seien erst jetzt auf diese Karriereberatung gestoßen. Ihr Pech, sonst wüssten Sie:Der Standard-Abiturient erzielt an der Uni ein Examen auf Abi-Niveau, an der FH eine ganze(!) Note besser. Ziehen Sie daraus die Schlüsse, die sich Ihnen aufdrängen.

Daraus folgt auch: Ein Abiturient mit 2,0 darf an der FH auf ein Examen mit 1,0 hoffen (etwa ± 0,5 Noten im Durchschnitt). Und ein Abiturient mit 1,0 erreicht an der FH danach …? Und schon haben Sie einen Teil Ihres Problems vor Augen. Was Sie getan haben, war weder verboten, noch ist es grundsätzlich zu beanstanden. Aber es führt sehr oft später zu Orientierungsproblemen, Entscheidungsschwierigkeiten, Selbstzweifeln, dem Gefühl, den richtigen Platz nicht finden zu können.

Ihr Weg direkt nach Studienende begann dann ja auch wenig zielstrebig (ein bisschen Fraunhofer, ein bisschen Projekt in Südamerika, ein bisschen bei einer deutschen Firma in Südeuropa, dann ein bisschen bei dem Konzern, der Sie gefeuert hat). Das ist typisch für einen Menschen, den sein Studium nicht so ganz ausgelastet hat. Der fragt sich dann oft, ob nicht dieser Weg die Lösung seiner Orientierungsprobleme sein könnte oder doch besser jener. Kommt dann noch Pech dazu, steht man schnell vor einem Trümmerhaufen.

Warum ich das jetzt so deutlich anführe, obwohl doch bei Ihnen das Studium längst „gelaufen“ ist? Nun, um Nachahmer abzuschrecken und um Ihnen die zu vermutende zentrale Ursache aufzuzeigen. Man lebt nach meiner Erfahrung besser mit Symptomen, wenn man die Krankheit kennt.

Wenn Sie jetzt in einen Konzern gehen und Karriere machen wollen, ist es denkbar, dass Sie bei Ihren Ansprüchen auf die dort sehr stark vertretenen Dr.-Ingenieure mit Universitätsstudium stoßen. Eine pauschale Lösung sehe ich darin auch nicht.

Außerdem drängt die Zeit, Bewerbungen aus der Arbeitslosigkeit heraus sind zusätzlich problematisch.

Ich glaube, Sie sollten erst einmal beruflich zur Ruhe kommen. Hektische Aktivitäten in Ihrer aufgewühlten Gefühlslage bergen nur die Gefahr von Fehlentscheidungen.

Versuchen Sie es ruhig einmal mit dem Angebot, das kleine Unternehmen mit aufzubauen. Sie lernen dort so viel wie Sie es im Großbetrieb nie könnten. Wachstum bedeutet Karrierechancen – und ohne Risiko ist gar kein Erfolg möglich (Ihr Konzern hat Ihnen ja gerade gezeigt, wie unsicher auch solch ein Arbeitgeber heute ist).

Ihr bisheriger Weg deutet darauf hin, dass Sie sich im pragmatischer ausgerichteten Umfeld des Mittelstands wohler fühlen könnten. Ein berufsbegleitendes Fernstudium auf Uni-Niveau wäre zusätzlich empfehlenswert. Und wenn der Unternehmensaufbau nicht klappt? Solange Sie etwas Vernünftiges tun, brauchen Sie sich keine Vorwürfe zu machen, wenn es tatsächlich schief geht. Wie der Arbeitsmarkt in zwei Jahren aussieht, weiß ohnehin niemand. Nur Mut! Und nehmen Sie sich fest vor, in den nächsten vier Jahren „bei der Fahne“ zu bleiben.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2223
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-05-21

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