Amüsiert, interessiert, promoviert, provoziert

Ich lese seit ca. einem Jahr Ihre Kommentare. Viele schreiben, dass sie ein großer Fan von Ihnen sind. Finde ich zum einen gerechtfertigt, aber gleichzeitig frage ich mich, ob dies ein Schlüssel ist, um in den VDI nachrichten zu erscheinen. Dies nur am Rande … Ich finde es amüsant und interessant zugleich. Sie amüsieren mich und Sie interessieren mich.Ich bin 25 Jahre alt, habe ein Wirtschaftsingenieurstudium an der FH absolviert und bin seit einem halben Jahr als Ingenieur im Qualitätsmanagement in einem größeren Unternehmen angestellt. Ich bin dort sehr zufrieden, zumal ich dort gleich eine kleine Teamleiterstelle bekommen habe und ich mich voll und ganz ausleben kann. Ich werde im kommenden Jahr eine hochwertige Fach-Ausbildung genießen und weitere fachspezifische Schulungen bekommen. Somit finde ich meine derzeitige Situation klasse.Doch diese vermeintliche Luxusstellung hat für mich auch eine Schwierigkeit. Viele, im Unternehmen und auch privat, behandeln mich als Talent und titulieren mich als schlau, gewieft, Nachwuchsstar, -talent etc.Gleichzeitig stellen mir viele die Frage, was mit dem Dr.-Titel ist. Bisher war ich mir sicher, dass ich, wenn ich gut bin, auch so meine Karriere machen werde. Doch ist es mit dem Dr.-Titel nicht so wie bei einer Kreditvergabe, wenn man beim Daimler (beispielsweise) schafft? Ich will damit sagen, dass ich für die Öffnung mancher Türen nicht so viel kämpfen müsste …Jetzt habe ich gerade gesehen, dass auch Sie und die Vorstände des VDI auch Dr.-Ingenieure sind. Was hat Sie dazu bewogen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?Gleichzeitig stellt sich mir auch die Frage, ob ich eine Doktorarbeit (inkl. Drumherum) bewältigen könnte, da ich einen Abschluss an der FH mit 2,3 absolviert und ein Abitur von 3,3 habe.Vielen Dank und weiter viel Spaß an der Arbeit.Grüße…Mich plagt

Antwort:

Das werden wir nun nie erfahren, was Sie so plagt, denn an der Stelle bricht die E-Mail endgültig ab. Schade eigentlich, wäre vielleicht interessant gewesen. Aber man kann nicht alles haben.Springen wir wieder an den Anfang Ihrer Einsendung und gehen wir der Reihe nach auf Ihre Anmerkungen und Fragen ein:Sie sprechen die gelegentlich abgedruckten positiven Anmerkungen vieler Einsender zu dieser Serie an. Ich zitiere diese Aussagen gelegentlich und in dosierter Form bewusst, um insbesondere neuen und vor allem jüngeren Lesern einen Hinweis auf die Akzeptanz meiner Arbeit zu geben. Empfinden doch viele von ihnen die Antworten hier zunächst als eine Mischung von schockierenden, unglaubwürdigen oder auch karikaturistischen Elementen. Ein oft gehörtes Argument: „Das kann doch alles gar nicht wahr sein!“ Ist es aber, die mitunter abgedruckte einleitende Anerkennung dient als Beweis. Da immer wieder neue Leser hinzukommen, beuge ich damit vorschnellen Ablehnungen immer wieder einmal vor.Die Quote derjenigen Zuschriften, die – wie Sie es nennen – als „Fan-Post“ beginnen, ist sehr viel höher als es hier den Anschein hat. Sie lesen nur die Spitze des Eisbergs. Und wenn Sie nicht so jung und noch ungeschliffen wären, hätten Sie mir die Frage gar nicht gestellt, ob man etwa so schreiben müsse, um abgedruckt zu werden.Also ich finde es auch toll, dass Sie Ihre berufliche Situation „klasse“ finden. Ich fürchte bloß, nein ich weiß, dass das Leben … Aber lassen wir das, warum Ihnen den Spaß an Ihrer „Luxusstellung“ verderben. Auf Dauer gibt es die nicht und die Chancen, sich „voll und ganz auszuleben“, sind im abhängigen Angestelltenverhältnis auch sehr, sehr dünn gesät. Genießen Sie das, solange es noch andauert. Als Indiz: Nicht einmal die kämpferischste Gewerkschaft hat bisher „Luxusstellungen mit der Möglichkeit, sich voll und ganz auszuleben“ gefordert. Vermutlich weil die Erfolgsaussichten so gering wären. Das (berufliche) System taugt dazu nicht. Aber verboten ist es nicht, sich über eine seltene Ausnahme zu freuen. Ich neige ja mehr zu der Einstellung, dass eine harte Schule am Anfang des Berufslebens den Menschen stählt und optimal auf den langen „Rest“ vorbereitet. Aber niemand kann Ihnen einen Vorwurf daraus machen, dass Sie dieses Angebot angenommen haben.Nun zu Ihren Talenten, dem Dr.-Ing. etc.: Zunächst einmal ist der Dr. ein akademischer Grad, kein Titel. Wer ihn anstrebt, sollte das wissen.Fähigkeiten, die im beruflichen Zusammenhang eine Rolle spielen, schlagen sich erfahrungsgemäß auf Dauer irgendwo in vorzeigbaren Ergebnissen nieder. Wenn Sie meinen, „schlau“ zu sein (der Himmel verhüte, dass ein deutscher Uni-Professor jemanden promovieren lässt, der sich öffentlich so bezeichnet), dann hatten Sie bisher zwei Gelegenheiten, intellektuelle Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen: Da war zuerst das Abitur. Ihre 3,3 sind ein eher bescheidenes Ergebnis, vorsichtig gesagt. Und mit den 2,3 beim FH-Examen verhält es sich grundsätzlich so: Das Abitur ist ziemlich gut auf die Anforderungen einer Universität(!) abgestimmt. Daher erreicht die große Mehrzahl der Uni-Absolventen ziemlich genau eine ihrem Abitur entsprechende Examensnote (plus/minus eine halbe Note). Da ein Uni-Examen um 3,5 herum nicht gerade erstrebenswert ist und da 3,8 statistisch möglich gewesen wäre, hätte man Ihnen auch vom Uni-Studium eher abraten müssen – Ihre Entscheidung für die FH war also richtig (oder vornehmer ausgedrückt: nicht falsch).Dort haben Sie das vorzeigbare Ergebnis von 2,3 erreicht. Aber das war keine herausragende Leistung! So wie die Uni-Examensnote auf Abiturniveau liegt, so liegt die FH-Examensnote eine ganze Stufe besser (wie bei allen komplexen Zusammenhängen dieser Art gilt so etwas nie für jeden Einzelfall und nie zu 100 %, aber meine pauschale Aussage stimmt schon verblüffend oft). Also sind Ihre 2,3 exakt das zu erwartende Resultat bei Ihrer Ausgangsbasis (Abitur). Bis dahin unentdeckt gebliebene intellektuelle Talente hätten beispielsweise vermutet werden dürfen, könnten Sie jetzt ein FH-Examen von besser als 1,5 vorweisen. So fehlt Ihnen und uns leider jeder Beweis in dieser Richtung (eine eventuell mit „1“ bewertete Diplomarbeit wäre auch keiner, diese Note ist fast Standard an der FH).Es ist auch nicht so, dass die Promotion für FH-Absolventen der folgerichtige nächste Schritt wäre. Sie können ja dort auch gar nicht promovieren, Sie brauchen einen Uniprofessor, der Sie lässt. Dieses Verfahren hat den Charakter einer Ausnahmeregelung für einen begründeten Einzelfall, der hier nach den bisher vorliegenden Informationen nicht gegeben ist. Und die allgemeine wissenschaftliche Basis eines Uni-Absolventen hat der promovierte FH-Abgänger dann immer noch nicht, in Anzeigen gesucht wird er jedenfalls niemals(!).Grundsätzlich ist es übrigens nicht so, dass der Dr.-Grad bessere Karrierechancen erschließt. Sondern es sind bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten, die manche Menschen an die Spitze bringen. Und eben diese Qualifikation bringt diese Persönlichkeiten dazu, in der Regel auf dem Gymnasium einen guten bis sehr guten Abschluss zu erreichen, dann die wissenschaftlich tiefer schürfende Universität zu wählen, dort natürlich wiederum einen guten Abschluss zu erzielen und eben auch noch den krönenden Dr.-Ing. als Nachweis der Befähigung zum besonders vertieften wissenschaftlichen Arbeiten mitzunehmen. Konkret: Sehr viele promovierte Menschen, die heute in Spitzenfunktionen sitzen, säßen dort auch, wenn sie den Dr.-Grad nicht hätten. Nur für wenige Position ist die Promotion Zugangsvoraussetzung.Und dieser Beitrag wäre nicht vollständig ohne den Hinweis, dass es zahlreiche promovierte Menschen gibt, die trotz ihres akademischen Grades keine herausragenden Karriereerfolge erreichten oder sie auch gar nicht erreichen wollten.Über die VDI-Vorstandsmitglieder kann und will ich nicht sprechen und mein eigener Fall soll hier überhaupt keine Rolle spielen, schließlich bin ich nicht das Maß aller Dinge. Aber Sie dürfen fest davon ausgehen, dass ich meine Rolle in dieser Serie keinesfalls etwa einer Promotion verdanke.Ich rate Ihnen also eher von dem Projekt ab. Nutzen Sie die Chancen, die sich Ihnen in der Praxis erschließen. Und achten Sie darauf, welche Sprache Ihre Chefs sprechen (und schreiben). Da wollen Sie eines Tages hin – dann müssen Sie auch in deren Augen „einer von uns“ sein.Ihr Wunsch, durch Erwerb einer Zusatzqualifikation später dann nicht mehr soviel kämpfen zu müssen, beruht auf einer Illusion: Das (Berufs-)Leben ist Kampf, ob mit oder ohne Doktor vor dem Namen.

Kurzantwort:

Wer mit einem Abitur von 3,3 ins Studium geht und dort genau das erreicht, was auf dieser Basis „statistisch“ zu erwarten war, braucht sich keine Vorwürfe zu machen, wenn er nicht promoviert.
Frage-Nr.: 2194
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-02-13

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