Heiko Mell

„Bloß weg hier“ führt nirgendwo hin

Nachdem ich sehr schlechte Erfahrungen mit meinem Chef gesammelt habe, habe ich mich dazu entschlossen, intern zu wechseln.

Ich habe auch bereits in einer anderen Abteilung ein interessantes Angebot erhalten.

Nun stellt sich mir die Frage, ob ich eine Gehaltserhöhung fordern kann und wenn ja, wie viel. Schließlich bringe ich mit meiner Erfahrung der neuen Abteilung einen Gewinn im Vergleich zu einer Person, die komplett neu eingestellt werden würde.

Des Weiteren weiß ich nicht, ob ich mit der Personalabteilung oder mit dem neuen Abteilungsleiter dieses Gespräch führen kann. Die Personalabteilung weiß, dass ich den Wechsel aufgrund der schlechten Zusammenarbeit mit meinem derzeitigen Chef suche.

Auf der einen Seite gefällt mir oben beschriebenes neues Angebot, auf der anderen Seite weiß ich derzeit nicht mehr genau, was mich interessiert. Ich weiß nur noch, dass ich keinen Tag länger in meiner derzeitigen Abteilung arbeiten will/kann.

Können Sie mir einen Tipp geben, wie ich herausfinden kann, was für mich das Richtige wäre? Kann mir in dieser Frage die Personalabteilung weiterhelfen?

Antwort:

Ich bin ja durchaus bereit, geehrte Einsenderin, mir alle möglichen Fähigkeiten andichten zu lassen, aber ein Hellseher bin ich nicht. Die Fragen, die Ihre Einsendung aufwirft, springen doch den Leser geradezu an:

– wie alt sind Sie,

– seit wann arbeiten Sie in der heutigen Funktion,

– ist das Ihre erste Stelle nach dem Studium,- was genau tun Sie heute,

– worum geht es in dem neuen Job?

Und auch das ist alles Kleinkram gegenüber der zentralen, alles dominierenden Frage: Worum geht es bei dem Konflikt mit Ihrem Chef? Und Sie sollten – in Ihrem vermuteten Alter darf man sagen, Sie müssten – wissen, dass Sie mit Ihren geheimnisvollen Andeutungen und Ihrem Gefühlsausbruch („alles was ich noch weiß, ist: weg hier“) in dieser Männerwelt diverse Spekulationen anheizen.

Und nun haben Sie eine Art emotionales Chaos angerichtet, Ihre einzige Lösung heißt Flucht, Sie sind aber noch so clever, „bei der Gelegenheit“ eine Gehaltserhöhung mitnehmen zu wollen, haben aber schon die Übersicht über die nicht ganz unwichtige Frage verloren, was Sie überhaupt wollen. Klar werde ich das irgendwie auch ohne vorliegende weitere Informationen auflösen. Getragen von Ihrem diesbezüglichen Vertrauen ist mir kein Berg zu hoch.

Aber, erster Rat an Sie: Allein dass Sie glauben, man könne auf einer derart schwachen Informationsbasis diese Fragen beantworten, zeigt dem Fachmann, wie gering ausgeprägt Ihre Fähigkeit ist, sich in schwierigem sozialen Umfeld zurechtzufinden, taktisch geschickt zu operieren, sich in die Gedanken anderer – gerade auch der als Gegner auftretenden – Personen hineinzuversetzen und Emotionen nach Möglichkeit aus diesem „Spiel“ herauszuhalten. Am besten gehen Sie damit um – wenn Sie diese Schwäche akzeptieren und äußerst misstrauisch und zurückhaltend gegenüber Ihren spontanen Handlungsideen in solchen Fällen werden. Ein erkannter, vor sich selbst zugegebener Begabungsmangel ist nur noch halb so schlimm.

Als Nr. 2 räumen wir erst einmal eine Kleinigkeit vom Tisch: Ihr heutiges Gehalt in der „alten“ Abteilung umreißt Ihren derzeitigen „internen Marktwert“. Und zwar dort, wo Sie eingearbeitet sind und sich – was zu hoffen ist und unterstellt werden soll – fachlich bewährt haben. Wenn Sie jetzt ohne hierarchischen Fortschritt (wovon auszugehen ist) in die neue Abteilung wechseln und nicht mehr Verantwortung übernehmen als heute, dann fangen Sie dort als Neuling an, der wieder neu eingearbeitet werden muss. Da müssen Sie froh sein, Ihr altes Gehalt behalten zu dürfen (was aber üblich ist).

Aber: Ihr interner Marktwert kann durchaus darunter leiden, dass Sie heute „großen Krach“ mit Ihrem Chef haben (was Sie „schlechte Erfahrungen mit ihm“ nennen, wodurch es aber nicht besser wird). Der potenzielle neue Chef wird das bedenklich finden – selbst wenn er den bisherigen nicht ausstehen kann. Schließlich ist auch er Chef. Und kennt die Regel: Wer Krach hat mit Chef A, ist sehr gefährdet, auch Krach mit Chef B (oder spätestens C) zu bekommen.

Anders sieht es aus, wenn man als „bester Mitarbeiter“ der Abteilung A, versehen mit allen Orden und Ehrenzeichen und lauter Top-Beurteilungen, bei B anklopft. Deren Leiter weiß dann, dass er finanziell etwas drauflegen muss, um diesen Super-Mitarbeiter gewinnen zu können (der nach kurzer Einarbeitung auch dort wieder zur Abteilungs-Elite gehören wird).

Also seien Sie froh, wenn man Ihnen intern so schnell einen Ausweg aus Ihrem Hauptproblem anbietet und vergessen Sie diesen Teil der Frage.

Nr. 3 berührt einen Aspekt, den Sie kennen müssen – um bestimmte Schwierigkeiten als zwangsläufiges Begleitbild schulterzuckend hinnehmen zu können: Sie hatten oder haben noch massive Differenzen mit dem Chef, daraus folgerten Sie – falsch, aber in Ihren Augen zwangsläufig – „bloß weg hier“. Und liefen. Wie man aus einem Haus wegläuft, dessen Dachstuhl brennt. Also läuft man spontan irgendwo hin. Und dann stellt man fest, dass es da zwar im Moment nicht brennt, aber – natürlich – auch nicht ideal ist.

Die Regel lautet: Wenn man an einem absolut zufriedenstellenden Ort ankommen will, dann muss man ihn sich bewusst und in Ruhe(!) aussuchen und dann gezielt, aber ohne Druck darauf zugehen. Nur so hat man eine Chance. Solange man aber vorrangig vor etwas fortläuft, ist „bloß weg hier“ die Priorität – und „wo lande ich dabei?“ rutscht auf einen der tieferen Ränge. Zwangsläufig und unabänderlich. Deshalb läuft man möglichst nie vor etwas weg, sondern bewusst auf etwas zu (heißt konkret: Ihr Grundproblem „Ärger mit dem Chef“ hat man besser nicht).

Nr. 4 lässt sich schnell erledigen: In dem emotionalen Chaos, in das Sie gestürzt wurden oder sich gestürzt haben, fehlt Ihnen jetzt die Übersicht, was Sie überhaupt wollen. Das ist in dem Zusammenhang normal. Derzeit kann Ihnen in der Frage niemand helfen. Sie müssen erst einmal zur Ruhe kommen, erst wieder zu sich selbst und dann eine Antwort auf die Frage finden, was Sie interessiert bzw. das Richtige für Sie ist.

Nr. 5 ist der Kern: Sie sind Angestellte, Ihr Ziel muss sein, den „Käufer“ Ihres Leistungsangebots, den Arbeitgeber, vertreten durch Ihren jeweiligen Chef, zufriedenzustellen. Und harmonisch mit ihm zusammenzuarbeiten. Auch unter schwierigen, auch unter sehr schwierigen Begleitumständen. Vor allem, wenn Sie jung sind und nicht schon fünf oder zehn Jahre, sondern vielleicht erst zwölf oder achtzehn Monate im Beruf stehen.

Diese Regel schließt Unvollkommenheiten diverser Art auf Seiten Ihres Chefs ein. Und da einem jungen, meist unerfahrenen Menschen oft die Maßstäbe fehlen (ein sehr gewichtiges, wenn auch ungern gelesenes Argument!), lautet die Frage: Mit dem Chef machen Sie „schlechte Erfahrungen“, also kann man mit dem keinesfalls auskommen, also gilt das für alle anderen Mitarbeiter der Abteilung, also sind die alle dabei, dort wegzulaufen und Sie gehören zum letzten verbliebenen Drittel? Ist das so? Dann erst hätten Sie eine Chance, moralisch „im Recht“ zu sein.Womit wir wieder bei der üblichen Frage sind: Muss man sich denn alles gefallen lassen, alles ohne Rückgrat zu zeigen hinnehmen? Die Antwort allein würde einen Beitrag füllen. In Kürze: Die erfolgreichen Angestellten werden irgendwie mit solchen Belastungen fertig. Oder werten die Umstände nicht so wie empfindsame Leute das tun.

Der zentrale Punkt des ganzen Falles ist: Was war/ist da los zwischen Ihrem Chef und Ihnen, worum geht es, wie hätten Sie das Problem lösen können als noch eine Chance dazu bestand? Dieser Frage müssen Sie nachgehen, die ganze Geschichte aufarbeiten, die Hintergründe und vielleicht Ihre Fehler analysieren – um daraus zu lernen und eine Wiederholung zu vermeiden. Diese droht!

Stellen Sie sich auch folgender Kontrollfrage: Gab es in der Vergangenheit bereits massive Probleme mit Autoritätspersonen (Vater. Lehrer, Professoren etc.)? Denn es gibt den Typ, der oft aneckt und den, der nie ernsthafte Probleme dieser Art hat.

Mein Rat auf der Basis meiner schwachen Informationen: Gehen Sie jetzt in die neue Abteilung, seien Sie dort erfolgreich, arbeiten Sie die ganze Zeit lang an der Aufarbeitung der Ursachen und Hintergründe Ihres Krachs mit dem heutigen Chef – und so in zwei Jahren denken Sie mal wieder darüber nach, was Sie eigentlich wollen. Und wenn dann die Antwort lautet: „Dort gute Leistungen erbringen, wo das Leben und ich mich hingestellt haben“, dann sind Sie eine ganze Stufe weiter.

Irgendjemand unter den Lesern wird fragen: Und wenn ihr das dort keinen Spaß macht? Dann werde ich sagen: Erstens sind wir nicht vorrangig auf der Welt, um als Angestellte möglichst viel Spaß zu haben – und zweitens macht es Spaß, das, was man tut, gut und erfolgreich zu tun. Wobei „gut“ ist, was Ihre Vorgesetzten gut finden. So lautet die Spielregel. Und Sie wollten ja rein in dieses Spiel.

Kurzantwort:

Wer vorrangig vor etwas wegläuft, muss akzeptieren, was sich dort befindet, wo er zufällig hingerät. Nur wer ohne Druck gezielt auf etwas zugeht, darf hoffen, dort weitgehend glücklich zu werden. Also ist ein Ziel der beruflichen Planung darin zu sehen, möglichst niemals weglaufen zu müssen.

Frage-Nr.: 2192
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-02-06

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