Fährt mein Zug ab?

Ich bin seit mehr als fünf Jahren bei meinem ersten Arbeitgeber als Entwicklungsingenieur tätig. Nach wie vor bin ich Sachbearbeiter, Aufstiegsmöglichkeiten bieten sich mir im Unternehmen aus einer Reihe von Gründen nicht. Dabei spielt auch eine Rolle, dass es Anzeichen für eine bevorstehende Absetzung meines vorgesetzten Abteilungsleiters gibt. Wir würden dann vermutlich der Nachbarabteilung zugeordnet werden.Ich bin also auf Stellensuche. Ich möchte weiterhin im Bereich meiner bisherigen speziellen fachlichen Ausrichtung bleiben, um meinen „roten Faden“ im Lebenslauf nicht zu verlieren. Auch ist dieser Bereich ein starker Wachstumsmarkt. Durch die drohende Absetzung meines Vorgesetzten stehe ich ein wenig unter Zeitdruck, da ich auf jeden Fall ein Zeugnis von ihm bekommen möchte. Er ist mir wohlgesonnen.Beigefügt finden Sie drei Ausschreibungen, auf die ich mich aktuell beworben habe.1. Natürlich würde ich mich gerne verbessern (Projekt-/Gruppenleiter), habe aber in meinem Fachgebiet bisher nur wenige passende Stellen gefunden. Fährt der Zug für mich in meinem Alter (Anfang 30) schon ab, wenn ich jetzt wieder eine Stelle als Sachbearbeiter antrete?2. Ich sehe in meinem momentanen Fachgebiet den roten Faden in meinem Lebenslauf, da ich schon im Hauptstudium diese Richtung eingeschlagen habe. Wiegt ein Branchenwechsel, wie ich ihn bei einigen der vorgelegten Anzeigen vollziehen würde, weniger schwer oder ist er vielleicht gar kein Problem, da ich in meinem Fachgebiet bleiben würde?3. Wie andersartig muss eine neue Stelle als Sachearbeiter sein, wenn der Wechsel bei späteren Bewerbungen auch als solcher wahrgenommen wird? Reicht ein anderes Unternehmen bei fast identischer Tätigkeit?4. Das Profil der Ausschreibung Nr. 3 decke ich durch meine heutige Tätigkeit fast vollständig ab. Meine Bedenken: Wenn dort der interne Aufstieg ausbleibt und ich mich wieder bewerben müsste, hätte ich dasselbe Problem wie heute. Das Ganze würde also von der Hoffnung auf eine interne Beförderung leben.5. Ich befürchte, dass durch meinen Weggang die Absetzung meines Vorgesetzten endgültig eingeleitet wird, da die Abteilung dann hoffnungslos unterbesetzt sein würde. Ich könnte mir dann eine negative Auswirkung auf mein Zeugnis vorstellen, wenn es von meinem jetzigen Vorgesetzten geschrieben wird. Wie kann ich mich taktisch klug verhalten?

Antwort:

Sie haben einen hervorragenden Universitäts-Studienabschluss – und sind wie viele derartige Menschen sehr gründlich in Ihrem Vorgehen, wollen alles durchdenken, systematisieren, richtig machen. Das Berufsleben ist oftmals so hohen Ansprüchen nicht gewachsen. Mehr Pragmatismus und Mut zum Risiko sind gefragt.Völlig klar ist: Als ehrgeiziger Absolvent einer Universität mit sehr gutem Abschluss haben Sie jetzt genug Ausführungserfahrungen. Ein Aufstieg käme gerade richtig. Da Sie aber erst Anfang 30 sind, bleiben Ihnen noch gut drei Jahre Spielraum, bevor der Zug so langsam abzufahren droht. Wenn Sie jetzt trotz aller Bemühungen keine Aufstiegsposition finden, dürfen Sie durchaus auf identischer Ebene wechseln – in der Hoffnung, dort bessere Entwicklungschancen zu finden. Oder Sie erweitern dort Ihr fachliches Spektrum und wechseln in drei Jahren noch einmal.Aber: Keine Ihrer drei Beispielanzeigen erwähnt solche Perspektiven auch nur. Also müssten Sie dort im Gespräch eruieren, wie jeweils die Chancen sind (gering!). Oder weiter suchen. Lassen Sie sich nicht unter Zeitdruck setzen! Ihr Chef kann Ihnen auch ein Zwischenzeugnis geben oder in die Akte legen, wenn er geht – und mit der Integration in die Nachbarabteilung haben Sie auch sechs Monate danach noch eine gute Begründung für den Wechsel („dadurch verliert mein Aufgabenfeld intern an Bedeutung, ich büße Entwicklungsperspektiven ein“).Zu 1: ist beantwortet.Zu 2: Solange Sie Ihr Fachgebiet behalten, zerreißt ein moderater Branchenwechsel den roten Faden nicht.Zu 3: Ja, ein anderes Unternehmen wird generell als „Wechsel“ wahrgenommen, vor allem, wenn es in einer anderen Branche liegt. Aber was soll die Frage? Was Sie brauchen ist keine „fast identische Tätigkeit im anderen Unternehmen“, sondern ein „Aufstieg in den nächsten drei Jahren“.Zu 4: Das gilt fast für alle drei Anzeigen. Sie brauchen also mindestens einen Job mit Perspektiven. Am besten in einer Firma oder einer Division, in der Ihre Spezialisierung Hauptgeschäftszweig ist. Und nebenbei: Anzeige Nr. 1 sucht einen Ingenieur „oder Techniker“ für den Job. So etwas meidet ein ehrgeiziger TU-Ingenieur mit Einser-Examen und mehr als fünf Berufsjahren wie der Teufel das Weihwasser! Sie dürfen nicht nur das Aufgabengebiet sehen, Sie müssen auch den taktischen Gesamtzusammenhang betrachten. In der Fertigung kann ein Techniker einem Mann Ihres Qualifikationskalibers gleichwertig oder überlegen sein. In der Entwicklung wäre das traurig für Sie.Zu 5: Was das Management alles anstellt, weil Sie kündigen, darf nicht Ihr Problem sein; denken Sie an sich, Ihr Unternehmen tut das auch. Ganz logisch sind Ihre Befürchtungen übrigens nicht: Wenn Sie gehen, sinkt erst einmal die Kapazität der Abteilung. Lösung: Ihre Firma sucht wie die drei anderen, deren Anzeigen Sie beifügen, einen Entwicklungsingenieur als Ersatz und zwar einen Indianer ohne Häuptlingsambitionen. Stattdessen den Abteilungsleiter nach Hause zu schicken und auf seine Leistungskraft auch noch zu verzichten, klingt nicht überzeugend.Mein Vorschlag: Da alle drei vorgelegten Anzeigen Ihr Problem (Aufstieg) nicht lösen, bleiben Sie erst einmal da und suchen Sie weiter. Dann sehen Sie, was aus Ihrem Chef wird – und warten gegebenenfalls einmal ab, was aus Ihrer Eingliederung in die Nachbarabteilung wird. Ich gebe Ihnen dafür sechs bis zwölf Monate. Sowie Sie eine passende Position finden, gehen Sie.PS: Denken Sie nicht zu kompliziert – das berufliche System wird diesem Anspruch nicht gerecht: In Ihrer Einleitung sehen Sie sich als „unter Zeitdruck stehend“, weil Ihr Chef noch Ihr Zeugnis unterschreiben soll. In Frage 5 fürchten Sie, durch eine schnelle Kündigung die Ablösung Ihres Vorgesetzten überhaupt auszulösen. Da basteln Sie sich unnötig einen unauflösbaren Konflikt zusammen. Das System ist im Grunde eher einfach strukturiert. Also: Augen zu und durch! Was Sie brauchen, ist ein Gruppenleiterposten in den nächsten drei Jahren. Der Rest findet sich.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2183
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-01-02

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