Heiko Mell

Mit Mitte 40 die Branche wechseln?

Ich bin in einer etwas kniffligen Situation. Ich habe vor kurzem bei meinem jetzigen Arbeitgeber gekündigt und werde eine neue leitende Stelle bei einer Firma antreten, die in einer ganz anderen Branche tätig ist. Ich habe mir diesen Schritt gut überlegt, nachdem ich langjährig in der bisherigen Position angestellt war.

Kürzlich nahm nun ein Headhunter mit mir Kontakt auf, der mir eine interessante Position bei einem Mitbewerber meines jetzigen Arbeitgebers, also in der vertrauten Branche, anbot.

Ich habe nicht gleich abgelehnt, da mein geplanter Wechsel wahrscheinlich der letzte meines Berufslebens sein wird (ich bin Mitte 40) und ich mir daher alle Möglichkeiten offenlassen möchte.

Das erste direkte Gespräch mit dem Personalberater hat schon stattgefunden und verlief sehr positiv. Sein Auftraggeber weiß bisher noch nicht, dass ich als Kandidat mit diesem Hintergrund (Branche) existiere. Erst wenn ich weiterhin Interesse bekunde, würden die Informationen über mich an das suchende Unternehmen weitergegeben werden.

Ich möchte negative Folgen für meine jetzige Firma und für mich möglichst vermeiden. Ich befürchte, dass meine „Bewerbung“ wettbewerbsschädlich ausgenutzt würde, auch wenn ich letztendlich die Stelle bei dem Mitbewerber gar nicht anträte.Für mich ist das Angebot reizvoll, da ich das Metier kenne und ein Karriereschritt mit Branchenkenntnissen gewisse Vorteile hat. Bedingt durch meine momentane Situation gibt es allerdings erhebliche Zweifel, ob das suchende Unternehmen oder ich letzten Endes zusagen werden. Soll ich es wirklich riskieren, dass meine „Bewerbung“ dem suchenden Unternehmen vorgelegt wird?

Antwort:

a) Sie haben dem potenziellen Arbeitgeber in der neuen Branche mit Ihrer Unterschrift verbindlich zugesagt, dass Sie dort anfangen werden. Sie müssten irgendwie eine Lösung finden, wenn Sie nun doch nicht zu diesem Unternehmen gehen wollen. Man wird dort etwa ebenso erfreut über einen möglichen Rückzug von Ihnen sein wie Sie es wären, würde diese Firma Ihnen nach Vertragsunterzeichnung mitteilen, man wolle Sie nun doch nicht mehr. Unter bestimmten Umständen könnten Sie sogar schadenersatzpflichtig werden. Kurz bevor Vertragsbruch zum Volkssport wird, sollte das darin liegende pauschale Risiko zumindest beleuchtet werden dürfen.

b) Ihr geplanter Branchenwechsel ist mit besonderen Risiken behaftet: Sie könnten sich im neuen Metier schwer zurechtfinden, Fehler machen und Ihren Arbeitgeber enttäuschen. Sie könnten aber auch unabhängig davon aus den üblichen Gründen schuldlos in den nächsten zwei Jahren Ihren neuen Job wieder verlieren. In beiden Fällen müssten Sie dann mit 48 wieder als Bewerber auftreten. Nur wo? Aus der „alten“ Branche wären Sie raus. Dafür stünden nicht nur die im fremden Umfeld verbrachten zwei Jahre, sondern Ihr bewusster und gezielter Wechsel würde als gewollte Abkehr vom „alten“ Metier interpretiert. Und im neuen hätten Sie sich – daher Ihre Bewerbung – ja nicht halten können, außerdem würde die kurze Tätigkeit dort nicht ausreichen, um Sie zu einem begehrten Fachmann auf diesem Gebiet zu machen. Kurz, Sie säßen dann ein wenig zwischen allen Stühlen.

c) Solange Sie nur mit dem Auftraggeber des Headhunters verhandeln, kann das kaum „wettbewerbsschädlich“ ausgenutzt werden. An vertraulichen Daten erfährt man dort zunächst nur, was Sie von sich geben, das können Sie selbst beeinflussen. Und die bloße Tatsache, dass man mit Ihnen verhandelt, verschafft diesem Unternehmen noch keinen Wettbewerbsvorteil. Nur mit einem Mann aus der Branche in Gesprächen zu stehen, das beweist noch gar nichts. Sie unter Vertrag genommen zu haben, das erst könnte Kunden gegenüber ein Argument werden. Aber bis dahin sehe ich noch kein entsprechendes Risiko.

d) Dafür gibt es ein anderes, größeres: Ihr heutiger (Noch-)Arbeitgeber hat Ihre Kündigung erhalten und wurde von Ihnen ganz sicher darüber informiert, dass Sie zum für ihn völlig uninteressanten Unternehmen X in der völlig uninteressanten Branche Y gehen. Da hielt sich sein Unmut über Ihren Weggang in Grenzen, sofern er überhaupt aufkam.

Jetzt aber würden Sie erst mit dem verhassten Wettbewerber verhandeln (das erfährt Ihr heutiger Chef vielleicht) und dann dort einen Vertrag unterschreiben (das erfährt er ganz bestimmt). Wenn jemand aus dem eigenen Führungskreis zum Wettbewerber geht, muss mit einem wütenden, tobenden, enttäuschten, rachsüchtigen alten Arbeitgeber gerechnet werden. Dieser Effekt ist im Mittelstand generell stark, im inhabergeführten Mittelstand extrem stark. Auswirkungen gibt es z. B. auf Zeugnistexte und auf später eingeholte Referenzen (bei Bewerbungen in zwei Jahren).

Hat aber der ausscheidende Mitarbeiter erst gesagt, er ginge zum uninteressanten X in Branche Y und geht dann doch zum Wettbewerber, fühlt sich der alter Arbeitgeber auch noch „betrogen“ oder „ausgetrickst“ – seine Wut steigt.Von der neuen „Bewerbung“ beim Wettbewerber müssten Sie dem heutigen Arbeitgeber erst einmal nichts erzählen – über ungelegte Eier spricht man nicht. Aber wenn dann eine Vertragsunterzeichnung anstehen sollte, wäre eine einfühlsame, die ganze „Geschichte“ Ihres Wechsels enthaltende Information empfehlenswert. Gewürzt mit Worten des Bedauerns über diese von Ihnen nicht gewollte Entwicklung, aber das bei Ihnen hereingeschneite Headhunter-Angebot sei derart reizvoll gewesen, dass …Wie Ihr Noch-Arbeitgeber darauf reagiert, ist offen.

e) Oder Sie spielen auf Risiko: Mit dem möglichen neuen Arbeitgeber vereinbaren Sie strikte Vertraulichkeit bis zum Dienstantritt, auch gegenüber seinen Mitarbeitern. Beim heutigen Arbeitgeber sagen Sie gar nichts und hoffen, dass er auch vor der Aushändigung des Zeugnisses an Sie nichts erfährt. Danach könnten Sie es dann publik machen. Mit großer Wut etc. beim bisherigen Arbeitgeber müssten Sie rechnen, er dürfte sich bewusst hereingelegt fühlen. Aber Ihr Zeugnis hätten Sie dann …

f) Auf Ihre eigentliche Frage kann man nur schwer eine überzeugende Antwort finden. Na, vielleicht diese:Sie sprechen vorher(!) ganz offen mit Ihrem alten Chef. Und erzählen von dem unterschriebenen Vertrag mit dem völlig anders tätigen Unternehmen, zu dem Sie eigentlich gehen wollten. Und dann reden Sie vom Angebot des Headhunters und dass es jetzt, je näher der letzte Tag Ihres heutigen Beschäftigungsverhältnisses rückt, doch reizvoll für Sie sei, im vertrauten Umfeld zu bleiben. Noch hätten Sie die Weitergabe Ihrer Unterlagen nicht freigegeben. Sie wollten unbedingt erst mit ihrem langjährigen Chef sprechen. Sie wollten auch dem Verdacht vorbeugen, Sie hätten von Anfang an zu diesem Wettbewerber gehen wollen und etwa die Geschichte mit dem branchenfremden Unternehmen nur erfunden.

Nein, das sei tatsächlich alles so wie jetzt geschildert. Nun hätten Sie ein Problem: Sie verdankten diesem heutigen Arbeitgeber sehr viel, Sie seien außerordentlich interessiert daran, dort im guten Einvernehmen auszuscheiden und in Ihrer speziellen Situation jetzt nicht etwa heimlich zum Wettbewerber zu gehen. Noch wüssten Sie ja auch nicht, ob man Sie dort überhaupt nähme.

Ihr Anliegen sei es jetzt, vorher offen darüber zu sprechen oder über die Situation zu informieren – und zu eruieren, ob ein solcher eventueller Wechsel, nachdem Sie bisher andere Pläne verfolgt hätten, einer Fortführung des bisherigen guten Verhältnisses im Wege stünde. Eines sei ohnehin für Sie selbstverständlich: Sie würden zwar bei einem solchen eventuellen Wechsel ihre Qualifikation einbringen, aber ein Ausplaudern von Geschäftsgeheimnissen, soweit Sie solche überhaupt im Kopf hätten, käme niemals in Frage.

Und dann warten Sie einmal auf Reaktionen. Die können Sie dann in Ihre Entscheidung mit einfließen lassen.

Voraussetzung ist dabei natürlich, dass Sie kein Wettbewerbsverbot im Vertrag haben. Dann können Sie hingehen, wo Sie wollen – Ihr alter Arbeitgeber hat kein „Recht“, etwas dagegen zu unternehmen. Aber aufregen kann er sich darüber natürlich dennoch.

g) Der Auftraggeber des Headhunters wird – erstens überhaupt und dann bei Ihren Aussagen zu „Kündigungsfristen“ und frühestem Eintrittsdatum – erfahren (müssen), dass Sie schon gekündigt und woanders einen Vertrag unterschrieben haben, den Sie nun brechen müssten. Aber: Für einen guten Mann aus der Branche pfeifen Arbeitgeber schon einmal auf die eigentlich angebrachten moralischen Bedenken – das Hemd ist ihnen näher als die Hose. Vermutlich hatte man dort den Headhunter gezielt auch auf Ihr Unternehmen angesetzt.

Und nun suchen Sie sich die Argumente heraus, denen Sie das höchste Gewicht zusprechen – und handeln Sie entsprechend.

Kurzantwort:

1. Je kleiner und je privater geführt ein Unternehmen ist, desto weniger mag es, wenn Angestellte zum Wettbewerb wechseln, ob nun mit oder ohne Wettbewerbsklausel. Reaktionen bis zum persönlichen Hass (Todfeindschaft) sind möglich!

2. Das Wechseln der Branche im fortgeschrittenen Alter kann dazu führen, dass man plötzlich zwischen zwei Stühlen sitzt (wenn das neue Engagement nicht erwartungsgemäß klappt).

Frage-Nr.: 2156
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-09-14

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