Heiko Mell

Mein Weiterbildungsstudium ist toll – aber was mache ich damit?

Ich bin weiblich, Ende 20 und seit mehr als fünf Jahren Projektingenieurin in einem Spezialbereich der Steuerungstechnik. Ich habe schon vor längerer Zeit erkannt, dass ich in meinem Job nicht aufgehe.

Deshalb habe ich ein Weiterbildungsfernstudium begonnen. Es nennt sich „Industrial Management“, und die Studieninhalte reichen von den Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre über Unternehmensführung, Controlling bis zur Finanzwirtschaft. Ich studiere diese Themen mit großem Interesse und überlege, welche Wege ich damit einschlagen könnte.

Bisher hat mich leider nur eine Stellenanzeige wirklich angesprochen, auf die ich mich dieser Tage auch beworben habe. Es geht um ein Beratungsunternehmen mit den Schwerpunkten Strukturorganisation. Dort finden meine (technischen) Erfahrungen aus der Vergangenheit Anwendung und auch meine neu erworbenen. Ich kann dort interdisziplinär in vielen Bereichen arbeiten. Jetzt warte ich gespannt auf eine Einladung.

Nun beschäftigen mich aber auch folgende Fragen: Welche Schiene soll ich jetzt idealerweise einschlagen? Könnte ich in einer Sackgasse landen? Wenn ich mich für diese Beraterschiene entscheide, welche Konsequenz hat das für meinen weiteren beruflichen Werdegang? Welche Möglichkeiten habe ich damit? Was bedeutet es in dieser Branche, eine Auszeit/Mutterschutz zu haben?

Antwort:

Was ist Marketing? Nun, ich werde mich hüten, hier einen seriösen Definitionsversuch dieses ungeheuer komplexen Kernbegriffs der Marktwirtschaft zu unternehmen. Wo doch der Eindruck entsteht, dass die Fachleute es selbst gar nicht so ganz genau wissen. Aber ein gänzlich unwissenschaftlicher, rein aus Pragmatismus geborener Deutungsversuch sei mir erlaubt: Marketing ist, wenn man in einer Marktwirtschaft erst plant und dann handelt. Wobei mir bewusst ist, dass Formulierungen wie „… ist, wenn …“ auch durch den Verweis auf pragmatische Denkstrukturen kaum noch gedeckt sind (konkret: Sie sollten nicht, ich darf ausnahmsweise).

Ein Unternehmen ist also gut beraten, erst eine Vermarktungsidee für ein Produkt zu haben (wem verkaufen wir es, welche Probleme löst es, wer braucht es bzw. wem können wir einreden, dass er es unbedingt braucht?), bevor man an die Herstellung geht.

Schön, Abiturienten mit etwa 19 Jahren tun es oft nicht. Sie „produzieren“, was ihnen Spaß macht. Und scheren sich einen Dreck darum, wer diese Qualifikation später „kaufen“ soll oder was man sonst noch damit machen kann. Als wenn ein Unternehmen es sich leisten könnte, ein bestimmtes Produkt zu erzeugen, „weil uns die Herstellung so großen Spaß macht“. Da lachen ja die Aktionäre nicht einmal darüber. Niemand, tatsächlich kein Mensch interessiert sich dafür, ob die Mitarbeiter Spaß daran haben, etwas herzustellen. Wenn es sich gut verkaufen lässt, war es gut, wenn nicht, dann drohen Entlassungen und Insolvenz.

Also schön, geben wir Abiturienten einen Nachlass, aber nach mehreren Jahren Praxis ist „Schluss mit lustig“, da gelten die Regeln. Und danach macht man nicht erst ein Fernstudium und fragt dann, wer die erworbene Qualifikation wohl braucht, sondern genau umgekehrt! Sie treffen den Nagel auf den Kopf mit Ihrem Hinweis auf Stellenanzeigen. Die zeigen, was der Markt will.

Ihre Probleme, die Sie jetzt haben und die zu jenem wahren Feuerwerk von Fragen führten, beruhen auf dem Verstoß gegen jene Grundregel der Marktwirtschaft.Da der Glaube der Deutschen an Weiterbildung, vor allem an solche, die mit einem Zertifikat endet, ungebrochen ist, hier ein paar Erkenntnisse:

1. Jede Art von Weiterbildung nützt irgendwie, irgendwann, irgendwo. Sie schadet niemals. Da sich unsere berufliche Umwelt ständig verändert, ist Weiterbildung grundsätzlich unverzichtbar.

2. Besonders effizient ist die auf die Vermittlung eines konkret fassbaren Fachwissens ausgerichtete Weiterbildung (z. B. CAD, SAP, Q, Controlling, Six Sigma, Englisch). Anschließend kann man mehr und ist man qualifizierter als vorher – und man weiß, wo man das neue Wissen einsetzen kann.

3. Je breiter das spezielle Bildungsangebot angelegt ist und je stärker sein Thema in Richtung „Top-Management“ zielt (Beispiel „Unternehmensführung“), desto mehr ist Misstrauen angebracht. Von 1000 Konzernchefs haben sicher 995 keine Weiterbildung mit Zertifikat in Unternehmensführung abgeschlossen. Für den Einsatz von CAD brauchen Sie erlerntes Fachwissen, Können allein reicht nicht. Für Unternehmensführung gilt: Können entscheidet, das Wissen erwerben Sie beim Tun während des allmählichen Aufstiegs, durch autodidaktisches Bemühen etc.

4. Besonders fatal ist das nahezu unausrottbare Bestreben aller Weitergebildeten, ab dieser Bildungsphase sofort(!) einen Job zu bekommen, in dem dieses neue Wissen auch gefordert und unverzüglich anwendbar ist. Das ist ja noch irgendwo verständlich, wenn es um konkretes Spezialwissen gem. 2. geht, führt aber massenhaft zu unüberlegten hektischen Wechseln und Fehlentscheidungen bei breit angelegten Weiterbildungen gem. 3.

Konkret: Ja, einem rein „technisch“, z. B. in der Entwicklung oder der Produktion tätigen Ingenieur hilft der später zusätzlich erworbene Dipl.-Wirtsch.-Ing. in jedem Fall – und sei es bei der Ausübung der Abteilungsleiter-Funktion, die er vielleicht in drei Jahren übernimmt. Aber: Nein, er ist nicht aufgerufen, sich am Tag nach Aushändigung des Dokumentes sofort nach einem Job umzusehen, der zwingend einen „Dipl.-Ing. + Dipl.-Wirtsch.-Ing.“ erfordert.

5. Man schätzt, dass im Normalfalle vom Studienwissen im Beruf etwa 5 (manchmal 10 %) angewendet werden können. Der Rest ist Potenzial, kann nicht schaden, mag eines Tages nützlich sein, hat zur Persönlichkeitsbildung beigetragen. Warum soll es mit allgemein gehaltener, in die Breite zielender Weiterbildung (gem. 3.) anders sein? John Wayne († 1979) trug in allen Western einen Revolver – der Mann, den er jeweils verkörperte, fühlte sich besser damit (falls man in die Situation kommen sollte …). Aber er betrat keinen Saloon und brüllte etwa: „Habe Revolver, will schießen, sofort.“ Nun, auf die Idee, eine Weiterbildung mit einem Colt zu vergleichen, muss man auch erst einmal kommen – aber lassen Sie das einmal auf der Zunge zergehen.

Nun konkret zu Ihnen, geehrte Einsenderin: Vielleicht hilft Ihnen die obige Darstellung in einigen Punkten. Vor allem: Suchen Sie nicht zu sehr nach Jobs, in denen genau das jetzt Erlernte gefordert wird.

Ich rate, sich nicht zu sehr von der bisherigen, seit recht vielen Jahren ausgeübten Tätigkeit zu entfernen, damit eine Art „roter Faden“ erkennbar bleibt. Ihr Beraterjob würde heißen: völlig andere Branche, völlig anderes Fachgebiet, völlig andere Tätigkeit. Das ist ein bisschen viel auf einmal, und Sie stehen vor einer kleinen Katastrophe, wenn sich das als Flop erweist, z. B. nach sechs bis achtzehn Monaten. Beratung auf dem Sektor, auf dem Sie bisher gearbeitet haben, könnte eine Lösung sein. Optimal sind etwa zwei bis drei Jahre Beratung nach dem Studium und dann Wechsel in „stationäre“ Aufgaben. Bei Ihrem beruflichen „Vorleben“ ergibt das keinen Sinn. Und um davon ausgehen zu können, dass die Beratung Ihr Traumjob für immer ist, wissen Sie zu wenig darüber.

PS: 1. Könnte es sein, dass Sie zu impulsiven, Ihnen spontan einfallenden Handlungen neigen?

2. Was Sie jetzt im Studium neu erworben haben, das sind keine „Erfahrungen“, das ist höchstens Wissen.

3. Über Mitarbeiterinnen, die durch Mutterschutz/Elternzeit ausfallen, freuen sich Beratungsunternehmen ebenso wie andere Arbeitgeber, ich sehe da keinen Unterschied.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2119
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-05-09

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