Heiko Mell

„Er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich“

Ich habe mich nach Abschluss meines Studiums auf den Bereich der numerischen Simulation von komplexen physikalischen Prozessen spezialisiert. Der Gedanke dabei war, dass dies eine Querschnittstätigkeit ist, die unabhängig von der konkreten Applikation in völlig verschiedenen Branchen einsetzbar ist. Dies erschien mir wichtig, nachdem mein erster Arbeitgeber einer sehr kleinen, stark spezialisierten Branche (Hochleistungs-Drucksysteme) angehörte, in der nur einige andere Firmen tätig sind.

Nach sieben Jahren Beschäftigung dort habe ich letztes Jahr eine neue Stelle gesucht und dabei auch bewusst einen Branchenwechsel (Ölförderung) vollzogen. Um zusätzlich Auslandserfahrung zu erlangen, habe ich eine Stelle im Ausland angenommen. Bei den durchgeführten Bewerbungsgesprächen (für verschiedene Positionen, alle in unterschiedlichen Branchen und Ländern) wurde meine Argumentation von der „branchenunabhängigen“ Qualifikation akzeptiert, und es folgten mehre konkrete Stellenangebote.

Nun arbeite ich seit einem halben Jahr in meiner neuen Position und musste feststellen, dass ich zwar meine bisherigen Kenntnisse und (Software-)Erfahrungen gewinnbringend einsetzen kann, dass ich aber dennoch einen sehr viel höheren Zeitanteil aufwenden muss, um die branchentypischen Prozesse ausreichend kennenzulernen, als ich ursprünglich gedacht hatte. Mein Arbeitgeber akzeptiert dies und unterstützt mich auch durch eine Fülle von Schulungsmaßnahmen.

Meine Frage bezieht sich auf die Zukunft: Nach Ihren bisherigen Darstellungen müsste ich im Laufe meiner Dienstzeit beim jetzigen Arbeitgeber den ersten Karriereschritt in Richtung Führungslaufbahn (Gruppenleiter o. Ä.) erreichen. Wie aber sieht danach der nächste Arbeitgeberwechsel aus?

Kann ich nochmals die Branche wechseln und dabei dann den – hoffentlich erreichten – Gruppenleiterstatus beibehalten? Nach meinen jetzigen Erfahrungen scheint mir das schwierig zu sein: Wer will einen Vorgesetzten, der selbst das Metier nicht beherrscht?

Bin ich damit für mein Berufsleben auf meine jetzige Branche festgelegt? Das würde für mich ein gravierendes Problem aufwerfen: Nachdem es in Deutschland keine nennenswerte Ölindustrie gibt, würde dies unsere Rückkehr fast unmöglich machen. Das fände ich für mich und vor allem meine Familie nur schwer erträglich.

Antwort:

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich gehe durchaus gern mit besonders intelligenten Menschen um. Aber mögliche Nachahmer seien gewarnt: So ganz leicht ist das nicht. Shakespeare lässt Julius Cäsar in der gleichnamigen Tragödie über Cassius sagen: „Er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich.“ Zum vollständigen Zitat gehört auch noch das Suchen nach dicken Männern, die er um sich sehen wollte, aber das stört hier nur. Immerhin: Der zu viel denkende Cassius gehörte dann tatsächlich zu Cäsars Mördern.

Wer denkt auch zu viel? Einser-Kandidaten (die ich mag, ja besonders schätze, wenn sie auch für die eine oder andere Stirnfalte bei mir verantwortlich sind, die nach häufig hochgezogenen Augenbrauen übrig blieben). Hier: Abitur 1,0, das Uni-Diplom abgerutscht auf 1,4, dann aber die Promotion zum Dr.-Ing. wieder mit summa cum laude.

Ich zitiere mich einmal selbst. In meinem aktuellen, aus der Arbeit an dieser Serie entstandenen Buch „Spielregeln für Beruf und Karriere“ heißt es u. a. auf den Seiten 29 und 30: „Startposition und erster Arbeitgeber prägen den gesamten Berufsweg … Sowohl die Tätigkeit als auch der Arbeitgebertyp (Größe, Branche) geben häufig Richtungsvorgaben für den gesamten weiteren Berufsweg. Spätere Korrekturen … sind möglich. Aber sie kosten zusätzliche Kraft gegenüber einem einfachen Fortschreiten auf dem einmal begonnenen Weg … Ausgeschlossen ist es auch, anlässlich eines solchen Wechsels … gleichzeitig noch einen Hierarchiesprung nach oben zu schaffen. Letzterer setzt voraus, dass Sie das Metier in der Zielposition kennen; also sollten beim ‚Aufstiegswechsel“ zumindest Branche und Tätigkeitsbereich von altem und neuem Arbeitgeber zueinander passen.“

Ihr, wie sagt man heute so schön, beruflicher Masterplan verstieß also schlicht gegen bekanntes, oftmals publiziertes Wissen. Das ist kein Vorwurf, nur eine Bestätigung jenes Ausspruchs, den Shakespeare Cäsar machen lässt. Und vielleicht stimme ich aus der nächsten Generation von Einser-Kandidaten einen oder zwei nachdenklich.

Dann kam Ihr zweiter Schritt: der erste Branchenwechsel, bei dem es so viele schöne Vorstellungsgespräche und „konkrete Stellenangebote“ gab. Und ausgerechnet für die Ölförderung im Ausland haben Sie sich entschieden. Nichts gegen dieses Land, nichts gegen Öl, aber zusammengenommen … Inzwischen haben Sie festgestellt, dass die ewige Suche von Firmen nach Bewerbern „aus unserer Branche“ so unverständlich gar nicht ist (auch das ist bekanntes Wissen).

Nun habe ich Sie genug geärgert: hier Argumentationshilfen für spätere Bewerbungen und Handlungsempfehlungen: Sie wollten Auslandspraxis erwerben und suchten eine Tätigkeit auf Ihrem Fachgebiet. Es ergab sich jenes Land. Die Ölförderung war eher Zufall, Ihnen ging es um die numerische Simulation hochkomplexer Prozesse – ein Ölförderungsfachmann wollten Sie nie werden.

Um das mitzunehmen, was Auslandspraxis einem nicht unbedingt auf eine Auslandskarriere ausgerichteten Menschen geben kann, reichen zwei Jahre dort absolut aus. Die halten Sie durch, dann sind Sie 34. Lassen Sie sich in diesem Land lieber nicht befördern, das macht die Rückkehr nach Deutschland nur schwieriger. Dass Sie dann nicht aufgestiegen sind, findet später jeder Bewerbungsleser ganz „normal“: Die „Einheimischen“ wussten natürlich, dass Sie nicht bleiben würden. Und außerdem ist es schwieriger, Menschen eines anderen Landes zu führen als Landsleute. Um mit den landesspezifischen Feinheiten vertraut zu werden, braucht man Jahre. Jeder weiß das, niemand wundert sich über Ihre nichtführende Position dort.

Und dann tun Sie mit 34 noch einmal, was Sie mit 32 schon erfolgreich getan haben: Sie wechseln das Land und die Branche, vermarkten sich dabei aber eben noch nicht als Führungskraft, sondern als Spezialist für numerische Simulation generell. Die Einarbeitung in die völlig fremde Ölbranche war absolut problemlos, Sie konnten ja Ihre fundierten Simulationskenntnisse einbringen. Das ging damals, das geht noch einmal.

Dabei suchen Sie sich in D ein Unternehmen aus, das Ihnen möglichst solide Entwicklungsperspektiven bietet. Achten Sie darauf, dass Sie dort kein Exot mit „einsamer“ fachlicher Spezialisierung sind, sondern dass Sie möglichst nahe dran sind an der zentralen Ausrichtung des Unternehmens. Das kann dann auch ruhig ein kleineres Unternehmen sein, ggf. auch eine Softwarefirma oder ein spezialisiertes Ingenieur- oder Beratungsbüro (je nach neu zu definierender Langfristzielsetzung). Und in ein bis zwei weiteren Jahren (mit 35 oder 36) werden Sie dort „Leiter“ von irgendetwas, weiterer Ehrgeiz vorausgesetzt.

Sie sehen: Nicht einmal ich, der ich generell gegen regionale Wünsche auf Platz Nr. 1 der beruflichen Prioritätenskala bin, „verurteile“ Sie und Ihre Familie nun zu einem endgültigen Verbleiben dort. Ich verspreche Ihnen: Später einmal werden Sie diese Zeit im fremden Land nicht missen wollen.

Kurzantwort:

Das berufliche System in unserer kommerziell ausgerichteten Wirtschaft ist außerordentlich stabil und vielfältig gegen „Überlisten“ gesichert. Überdurchschnittliche intellektuelle Kapazität lässt sich deutlich effizienter in Erfolge umsetzen, wenn man nicht vorrangig anders, sondern einfach nur besser sein will als die anderen alle.

Frage-Nr.: 2116
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-04-25

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