Heiko Mell

Hilfe, ich bin auf dem falschen Dampfer

Vor etwa einem halben Jahr beendete ich erfolgreich mein Maschinenbaustudium. Nach nur wenigen Bewerbungen erhielt ich mehrere Angebote, von denen ich zwei in die Endauswahl nahm.

Bedauerlicherweise muss ich feststellen, dass ich mich für die falsche Stelle entschieden habe. Ich bin fachlich unterfordert und weiß an manchen Tagen nicht, wie ich den Arbeitstag zu Ende bringen soll. Die Aufgaben weichen zu 100 % von der Stellenausschreibung ab, so dass ich mich schon seit längerem nach einer neuen Stelle umschaue.

Seit zwei Tagen ist nun die Position in jenem anderen Unternehmen, bei dem ich abgesagt hatte, wieder ausgeschrieben. Das bedeutet, dass die Stelle nach meiner Absage noch nicht wieder besetzt wurde. Ich würde mich gern erneut um diese Stelle bewerben, weiß jedoch nicht, wie ich meinen „Fehltritt“ am besten erkläre. Es wirft natürlich kein gutes Licht auf mich, wenn ich innerhalb der Probezeit schon wieder kündige.

Antwort:

Die Dinge sind nicht immer so einfach wie sie zu sein scheinen. Das gilt insbesondere, wenn ein Berufsanfänger auf ein hochkomplexes System „losgelassen“ wird.

Schade ist es, dass Sie so gar nichts über die Art und Größe(!) dieser beiden Firmen schreiben. Zwischen einem Privatbetrieb mit 50 Mitarbeitern in der Provinz und einem Konzern in der Großstadt gibt es gravierende Unterschiede. Wären Sie heute im Konzern, riete ich pauschal zum Abwarten und Durchstehen – große Organisationen haben so ihre Besonderheiten, gerade aus der Sicht mancher Anfänger. Das richtet sich in den nächsten Jahren dann schon irgendwie. Vor zehn oder wenigstens fünf Dienstjahren wären Sie dort ohnehin noch nicht so richtig verankert.

Aber ich gehe einmal davon aus, dass es sich um kleinere Mittelständler handelt. Aus meiner Sicht gilt in Ihrem Fall:

1. Ihre Gesamtsituation kann nicht so bleiben wie sie ist! Irgendetwas muss geschehen. Was das ist, lässt sich so einfach nicht sagen – aber mit Ihrer derzeitigen Stimmungslage provozieren Sie großen Ärger. Der ginge dann allein zu Ihren Lasten. Also: Sie müssen etwas tun!

2. Es gibt nicht das geringste Anzeichen dafür, dass Ihre damalige Entscheidung falsch war! Sie stellen folgende Theorie auf: „Hier, wo ich bin, geht es mir schlecht. Dort, wo ich damals nicht hingehen wollte, ginge es mir heute besser, dort ist die Insel der Glückseligen.“ Warum sollte das so sein? Im Gegenteil, beim „Traum“-Unternehmen könnte alles noch viel „schlimmer“ sein.

3. Bisher haben wir nur Sie als „Richter“ über die Verhältnisse am heutigen Arbeitsplatz. Und Sie sind Anfänger, haben keinerlei Erfahrungen. Für einen Vergleich fehlt Ihnen die Basis. Vielleicht erleben Sie einfach den üblichen Praxisschock, vielleicht sind Sie ein bisschen empfindlicher/idealistischer veranlagt als andere und vielleicht sind die Umstände an Ihrem Arbeitsplatz nur ein bisschen weniger schön als anderswo – schon sehen Sie einen Gewittersturm, wo andere nur ein laues Lüftchen spüren würden.

4. Wenn nach so vielen Monaten die Stelle bei dem anderen Unternehmen immer noch nicht besetzt ist, lässt das ja auch unterschiedliche Schlüsse zu: Was Ihnen jetzt als ein „Wink des Schicksals“ erscheint (die erneute Insertion), könnte dem erfahrenen Betrachter auch ein „Warnsignal erster Klasse“ sein. Warum will da außer Ihnen niemand hin oder warum ist da niemand geblieben, den man eventuell schon eingestellt hatte? Bedenken Sie: Irgendwann sieht vielleicht jemand die erneute Ausschreibung Ihrer heutigen Position und frohlockt (der arme Kerl).

5. Natürlich dürften Sie beim derzeitigen Arbeitgeber in der Probezeit kündigen und zum nächsten wechseln. Das Problem liegt nicht darin, dass dies generell etwa kritisch wäre. Falls Firma Nr. 2 Sie nimmt und Sie dort dann fünf Jahre lang zur höchsten Zufriedenheit arbeiten, ist alles in bester Ordnung. Falls! Wer aber garantiert Ihnen das? Sie sind – nach Ihrer Definition – schon einmal bei der Auswahl eines Arbeitgebers hereingefallen, Sie bringen das auch ein zweites Mal („Sie tun es immer wieder“, Heiko Mell). Oder Sie bekommen dort plötzlich einen neuen Chef, der Sie nicht mag, oder die schließen Ihre Abteilung.

Und dann könnten Sie mit einer Kündigung noch in der Probezeit, die Sie schon im Lebenslauf haben, nicht wieder nach kurzer Zeit dort weggehen. Damit nehmen Sie sich die zentrale Handlungsalternative des Angestellten selbst aus der Hand – jene einzige Waffe, die Sie im Existenzkampf haben. Das unsichtbare Schwert an Ihrer Seite, auf dem „Kündigung“ steht, wäre in der Scheide festgerostet (keine gute Ausgangslage, wenn man „unter die Räuber“ fällt).

6. Es bringt nichts, einer ganzen Firma pauschal Bos- und Dummheit zu unterstellen, wie Sie das mit Ihrem heutigen Arbeitgeber tun. Die haben sich doch – unterstellen Sie das einmal – mit Ihrer Einstellung etwas gedacht, die bezahlen Sie doch nicht, damit Sie sich langweilen! Da mag manches unglücklich gelaufen sein, so etwas gibt es. Und den Anfänger nimmt man gerade in kleinen Firmen ohnehin nicht besonders ernst: Stellen Sie sich vor, ich mit meinem Führerschein seit 1961 sitze in einer Kneipe. Ein neuer Gast setzt sich zu mir an den Tisch und erzählt etwas aufgeregt von Vorkommnissen auf der Autobahn, die ihn sehr beunruhigt haben: „Da fahre ich auf der Überholspur und plötzlich zieht ein Lkw links raus, das war lebensgefährlich. Ich wollte schon die Polizei rufen. Jawohl!“ Und dann frage ich ihn, seit wann er den Führerschein hat. Er: „Seit vorgestern.“ Dann bleibt mir nur noch ein „Herr Ober, einen doppelten Cognac“.Was ich bei Ihnen vermisse, ist der Hinweis darauf, dass Sie dort, wo Sie derzeit sind, kämpfen! Um qualifizierte Arbeit, um die Chance, Ihr Geld wirklich zu verdienen, sich mit tollen Lösungen und Ideen zu profilieren. Ich behaupte: Das geht immer und überall – und wenn Sie zum Hofkehren oder Aktensortieren eingesetzt sein sollten! „Wer keine Arbeit hat, muss sich Arbeit suchen“, das gilt ebenso wie: „Wer hier nichts zu sagen hat, trägt selbst die Schuld daran.“

Ich finde keinen Hinweis auf Ihre Initiative gegenüber Ihrem Chef, auf zahlreiche Gesprächsinitiativen von Ihnen. Sie machen den Eindruck eines Mannes, der da sagt „Man erheitere mich“ und sich im Misserfolgsfall beleidigt in seine Schmollecke zurückzieht. Das (Berufs-)Leben ist Kampf. Also kämpfen Sie. Um Ihre berufliche Zukunft!

7. Wenn Sie jetzt weglaufen vor dem ersten Problem Ihres Berufslebens, dann prägt sich in Ihrem Unterbewusstsein ein: Wenn ich in Schwierigkeiten bin (ohne geht es niemals ab), dann ist das Weglaufen eine Lösung. Es scheint ja so bequem zu sein. Und so laufen Sie zuerst jetzt, dann wieder in zwei Jahren, dann in einem weiteren Jahr. „Wehre den Anfängen“ (Ovid, um 0, in „Heilmittel gegen die Liebe“).

Und nun nehmen wir an, Sie wollten es trotz meiner Warnungen dennoch tun: Das wäre – kurzfristig betrachtet – gar nicht so schwer. Der neue Arbeitgeber ist Egoist: Wenn er Ihre Qualifikation will, dann nimmt er Sie. Die Bedenken gegen einen Bewerber, der sich eben erst geirrt hatte – und sich wieder irren könnte -, schluckt er hinunter. Wie das in Ihrem Lebenslauf aussieht, ist denen völlig egal.

Nur mit der Begründung für Ihren Schritt müssten Sie etwas vorsichtig sein. Schreiben Sie ruhig, Sie hätten damals zwischen jenem Unternehmen und dem heutigen Arbeitgeber geschwankt und sich dann für diesen entschieden. Als Anfänger hätten Sie damals sicher auch bestimmte Aspekte in der Aufgabenbeschreibung nicht optimal gewichtet. Jetzt habe sich intern eine nicht vorhersehbare Entwicklung ergeben, in deren Folge Ihr Aufgabenbereich an Bedeutung stark verloren hätte. Sie fühlten sich unterfordert. Und nun hätten Sie die erneute Ausschreibung der schon damals für Sie interessanten Position gesehen. Obwohl Sie natürlich nur höchst ungern nach so kurzer Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber ausscheiden würden (der Hinweis ist wichtig), bewürben Sie sich dennoch um die Übernahme der für Sie nach wie vor reizvollen Aufgabe.

Und dann wird dort vielleicht der Personalmann zum Fachvorgesetzten der Position sagen: „Na bei uns wird der sich in jedem Fall durchbeißen müssen, noch einmal kann er nicht in der Probezeit abhauen. Schauen wir uns den doch einfach einmal an.“

Aber vergessen Sie nicht, dass ich Ihnen einen anderen Weg empfohlen habe.

Kurzantwort:

Gerade ein Berufsanfänger nach dem Studium, dem Erfahrungen und damit Vergleichsmaßstäbe noch fehlen, ist aufgerufen, um den Erfolg in der ersten Position zu kämpfen. Beleidigtsein und Weglaufen sind keine Lösung.

Frage-Nr.: 2114
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-04-18

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