Heiko Mell

Key Accounter, Kneipenwirt oder Event Manager?

Frage/1: Ich bin 41 Jahre alt, Vertriebsingenieur (Studienrichtung ursprünglich Fahrzeug-/Flugbetriebstechnik), derzeit arbeitsuchend. Sechs Wochen ohne Arbeit ist eigentlich nicht schlimm, ich persönliche sehe es auch nicht als dramatisch an und ich fühle mich auch nicht schlecht – meine Frau belastet es jedoch sehr.

Dies insbesondere, weil ich mich selbst in die Situation gebracht (gekündigt) habe. Vor einigen Monaten hatte ich bei meinem letzten Arbeitgeber begonnen und stellte bald fest, dass mein vorgesetzter Vertriebsleiter wenig Sozialkompetenz hatte. Kollegen anderer Abteilungen warnten mich schon kurz nach dem Eintritt vor ihm bzw. drückten mir im Laufe der Zeit ihr Bedauern aus, dass ich mit diesem „A…“ zurechtkommen musste.

Hinzu kamen unglückliche organisatorische Umstände, die sich nachteilig auf meine Einarbeitung auswirkten. Das Klima unter den Kollegen war leider auch nicht besonders: kein Team, alles Einzelkämpfer.

Die Situation „reifte“ so weit, dass ich mir morgens auf dem Weg zur Arbeit schon den Feierabend herbeiwünschte und nahezu pünktlich das Büro verließ. Ich merkte, dass sich das bald auf den Körper/die Gesundheit auswirken würde.

So zog ich, ohne einen neuen Job in der Tasche, „unvernünftigerweise“ nach sieben Monaten die Konsequenz. Ich weiß, viele (meine Frau übrigens auch) sagen, das war blöd und unklug von mir. Ich bin allerdings der Meinung, dass es kein Job der Welt wert ist, seine Gesundheit, die Beziehung zur Familie und zu seinem sozialen Umfeld aufs Spiel zu setzen.

Frage/2: Was nun? Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem Personalberater, der mich für eine interessante Position in meinem angestammten Metier im Auge hatte. Als ich ihm erzählte, was mir Spaß macht und mir in der Vergangenheit Erfolge gebracht hat, meinte er, dass ich für diese Position nicht der Richtige wäre bzw. dass ich mich dort nicht wohlfühlen würde.

Frage/3: Vermutlich ist es schon das Beste, wieder ein Engagement im angestammten Bereich IT zu suchen. Andererseits könnte ich mir auch vorstellen, meine Energie in andere Branchen/Unternehmen einfließen zu lassen:

– Option Geschäftsübernahme in einem kleinen Software-Unternehmen als Nachfolger eines älteren Inhabers;
– Key Account Manager für erklärungsbedürftige „Highlevel“
-Produkte einer ganz anderen Branche;
– (wegen meiner Passion / meines Talents, Dinge gut zu organisieren) Mitarbeiter einer Event-Agentur oder Marketing-Agentur;
– Aufmachen / Betreiben / Übernehmen eines Lokals bzw. Einstieg in einem etablierten Wirtsbetrieb.

Gewissenfragen dabei: Nimmt man mich in einer neuen Branche? Kann ich am Anfang meine Familie ernähren? Schadet ein „radikaler“ Wechsel meinem Lebenslauf?

Antwort:

Antwort/1: Sie sind doch ein durch mehrere Studien systematisch vorgebildeter Ingenieur. Wenn Sie Ihre Darstellung lesen (die ich bisher nur unwesentlich gekürzt habe), muss auch Ihnen auffallen, dass Sie für Ihren sehr einschneidenden, kaum zu verantwortenden Schritt trotz vieler Worte eigentlich keine wirklich überzeugende Begründung liefern! Schön, Ihr Chef „hatte keine Sozialkompetenz“: Erstens sagen Sie das als betroffener Nichtfachmann – und wenn wir zweitens alle Vorgesetzten nach Hause schickten, die dort Schwächen haben, wer führte dann noch? Kollegen aus anderen Abteilungen(!) sagten, er wäre ein „A…“ – na toll. Und so überhaupt nicht originell.

Was hat der Mann Ihnen denn nun eigentlich getan? Hat er gehauen, gespuckt oder wenigstens gebrüllt? Hat er Ihnen unerfüllbare Ziele gesetzt, unhaltbare Vorwürfe erhoben oder Sie ständig vor anderen niedergemacht? Konkretes haben Sie nicht anzuführen!

Auch Ihre Gesundheit war nicht etwa angegriffen, Sie hielten es nur für möglich, dass sie bald beeinträchtigt werden könnte! Und wenn jeder deutsche Angestellte, der sich morgens schon den Feierabend herbeiwünscht, spontan kündigte, dann hätten wir so etwa 20 Millionen Arbeitslose.

Probleme sind dazu da, überwunden zu werden! Dazu muss man sie zunächst definieren und ihre Ursachen analysieren. Das alles fehlt hier.

Außerdem geht aus Ihrem Lebenslauf hervor, dass Sie – der Fahrzeug- und Flugzeugbauer – bisher im Telekommunikations- und IT-Dienstleistungsbereich verkauft hatten. Ihr letzter Arbeitgeber jedoch (der mit dem „A…“) war die Vertriebsorganisation eines südamerikanischen Halbzeugherstellers von Eisenprodukten, und Sie mussten im Autommotive-Bereich verkaufen.

Wenn man beim Wechsel derart brutal Branche, Firmentyp und Kundenstruktur verändert, ist mit ungewohnten Elementen aller Art zu rechnen – auf die man mit höchster Bereitschaft zur Anpassung reagieren muss. Ich bin, sehr vorsichtig gesagt, absolut nicht sicher, ob Sie diese selbstverständliche Grundforderung erfüllt haben. Oder anders gesagt: Sie hätten bei Ihren IT-Dienstleistern bleiben sollen.

Antwort/2: Auf das Wort „Spaß“ reagiere ich etwas allergisch in dem Zusammenhang. Natürlich soll Arbeit auch Spaß machen. Aber ich sehe die Zusammenhänge anders:Man kann sich als abhängig Beschäftigter nicht hinstellen und fordern: Man erheitere mich (man gebe mir eine Arbeit aus jenem schmalen Spektrum, das mir Spaß macht). Es ist hingegen so, dass man die Einstellung mitbringen sollte: Meine Arbeit macht Spaß – was ich tue, macht mir Spaß! Ich halte das tatsächlich für eine Frage der inneren Grundhaltung zum Leben. Grenzen findet das nur dort, wo echte Begabungs- und Eignungsmängel vorliegen.

Am besten lässt man das Wort „Spaß“ ganz heraus aus dieser Diskussion und formuliert: Was ich tue, mache ich gern. Das kann nie für jedes Detail und jeden Handgriff gelten, aber doch für das Große und Ganze. Ich glaube, dass viel zu viele Menschen viel zu viel Energie darauf verwenden zu definieren, was ihnen an ihrem Job alles nicht gefällt, statt ihn einfach voller Engagement und gern zu tun.Es ist ein Unterschied, ob ich an eine neue Aufgabe herangehe in der Gewissheit: Ich muss mich erst hineinfinden, aber dann werde ich es gern tun – oder ob ich misstrauisch frage: Nun wollen wir einmal abwarten, ob ich überhaupt Spaß daran haben werde (und wehe denen, wenn nicht).

Antwort/3: Als Trost: Überlegungen in Richtung „radikaler Neuanfang“ sind in Ihrer Situation nahezu Standard – das ist nicht allein Ihre Idee, so denken sehr viele. Was die Gedanken nicht besser macht – aber man wird leichter mit einem Schnupfen fertig, wenn man weiß, dass im Herbst und Winter viele davon betroffen sind.

Ich rate ganz entschieden von solchen aus Verzweiflung geborenen Plänen ab. Sie, geehrter Einsender, kommen jetzt aus einer Niederlage. Wenn ein neues Engagement in der extrem anderen Richtung schief geht, wie stehen Sie dann auf dem Arbeitsmarkt da? Dann war die letzte Station eine Pleite, die vorletzte auch. Wer will Sie dann noch?

Hinzu kommt folgender Effekt: Wenn das neue Engagement in einem vollkommen anderen Metier (Beispiel: Event-Manager) scheitert, dann sind Sie für weitere Bewerbungsempfänger in jenem Bereich „verbrannt“: Andere Arbeitgeber, die einen Event-Manager suchen, kommen zu dem Schluss, dass „der unmotivierte Ausflug dieses völlig unerfahrenen Managers in diesen Sektor ein totaler Fehlschlag“ gewesen ist. Die Konsequenz: Niemand bietet Ihnen auf dem Gebiet eine zweite Chance.

Und Ihre „alte“ Branche (Angestellter im Vertrieb „konventioneller“ Produkte)? Die sieht erstens, dass Sie sich ja von ihr gewandt hatten: „Er hat ein deutliches Zeichen gesetzt, als er unser Metier verließ“ – es wird nicht einfach sein, nun reumütig wieder zurückzukehren. Vor allem aber: Ihr letztes Engagement im alten Bereich war erkennbar ein Fehlschlag. Das würde dann die Bereitschaft potenzieller neuer Arbeitgeber dieses Metiers dämpfen, Sie dort wieder arbeiten zu lassen („der wird schon gewusst haben, warum er nach dieser Pleite nicht versucht hat, auf dem vertrauten Gebiet wieder unterzukommen – oder er hat es versucht, aber schon damals hat ihn keiner mehr gewollt; dann wollen wir jetzt auch nicht“).

Jedes neue Engagement ist ein Drahtseilakt. Man kann abstürzen – dann ist der davorliegende Werdegang das daruntergespannte Netz, das Sie beim denkbaren Absturz auffängt. Je solider die bisherige Laufbahn, desto tragfähiger das Netz. Und: Je weniger zum bisherigen Tun passend der neue Job ist, desto dünner und desto höher gespannt ist das „Drahtseil“. Also: Keine Experimente bei dünnem, löcherigem Netz!

Nein, man experimentiert, wenn es denn sein soll, als Sieger: Seien Sie bester Verkäufer eines Unternehmens nach fünf Dienstjahren dort und werden Sie – unter Weinkrämpfen Ihres Chefs – aus ungekündigter Position beispielsweise Kneipenwirt. Das hat was!

Ihnen rate ich zum vorsichtigen Wiedereinstieg in Ihrer alten Branche. Distanzieren Sie sich von dem Metier in Ihrer letzten Position, aber geben Sie zu, dass der Einstieg dort Ihr Fehler war. Und einen Chef, der ein „A…“ ist, hat es niemals gegeben! Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, weil Kollegen aus anderen Abteilungen keine brauchbaren Gutachter darstellen – und überhaupt.

Frage-Nr.: 2083
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-12-23

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