Heiko Mell

Schlaflos in der Nacht

Wie Sie aus meinem beigefügten Lebenslauf entnehmen können, bin ich schon lange Jahre bei einem großen Konzern beschäftigt. Zwar an verschiedenen Standorten und mit unterschiedlichen Aufgaben, aber ohne große Karrieresprünge.

Ich bin nicht unglücklich, aber mein Ziel ist es, mittelfristig (Projekt-)Manager zu werden und ein Team von Projektleitern, Ingenieuren oder Assistenten zu führen. Dies glaube ich in diesem Konzern, auch aufgrund neuer Outsourcing-Strategien, nicht mehr erreichen zu können.

Seit ein paar Monaten schaue ich mich ungezwungen nach möglichen Alternativen um und wurde kürzlich zu einem Gespräch bei einem sehr bekannten, global agierenden, aber eher mittelgroßen Unternehmen eingeladen.

Nun bereiten mir folgende Überlegungen zuweilen schlaflose Stunden in der Nacht:

– Die angebotene Aufgabe scheint interessant, vielseitig und umfassend zu sein, schließt aber keine Führung von Mitarbeitern ein.
– Wäre der Schritt von heute mehreren 10.000 auf ca. 1.000 Mitarbeiter (und die auch nur, wenn man global rechnet) zu groß oder gar als Rückschritt zu bewerten?
– Wenn ich mein eingangs angeführtes Ziel mittelfristig erreichen möchte, muss ich wahrscheinlich noch einmal wechseln, da dieser Arbeitgeber weitgehend „anders“ strukturiert ist.

Ich freue mich sehr auf Ihren Standpunkt, auch wenn er mir nicht gefallen sollte.

Antwort:

Sie sind jetzt Anfang 40 – und „mittelfristig“ (der Begriff taucht an zwei Stellen Ihrer Frage auf) schlicht zu alt für den Einstieg in die Führung. Die Grundregel lautet: Bei entsprechendem Ehrgeiz sollte mit etwa 35 Jahren „Leiter“ auf Ihrer Visitenkarte stehen.Also haben Sie kein einziges Jahr zu verschenken – entweder jetzt oder es wird zu spät.

Den Sprung in der Unternehmensgröße nach unten nimmt man gern als „Turbobeschleuniger“ für einen hierarchischen Aufstieg anlässlich des Wechsels. Meist imponiert das größere Unternehmen (heutiger Arbeitgeber) dem kleineren (Bewerbungsempfänger), den Effekt nutzt man, um „bei der Gelegenheit“ aufzusteigen. Das müsste nicht unbedingt gleich der Sprung auf ein Zehntel der bisherigen Firmengröße sein, könnte es aber.

Nur: Ihr Problem ist hier ein ganz anderes! Der ganze Wechsel taugt nichts; er bringt Sie nicht nur Ihrem Ziel nicht näher, er entfernt Sie davon. Heute sind Sie nichtführend in einem Haus mit mehreren 10.000 Leuten tätig, nach dem Wechsel wären Sie nichtführend in einem Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern tätig, könnten dort intern nicht aufsteigen, müssten aber anstandshalber bis Mitte 40 dort bleiben. Was soll der Unsinn – wo läge überhaupt der „Fortschritt“ bei diesem Wechsel (wohlgemerkt bei Ihrer Zielrichtung)?

Sofern man weitergehende Karriereziele hat, gibt man beim Wechsel Firmengröße nur auf, wenn man zum Ausgleich dafür einen nennenswert großen Schritt auf dem Weg zum Ziel machen kann.

Kurzantwort:

1. Für den Einstieg in Führungsaufgaben ist es mit Anfang 40 allerhöchste Zeit.

2. Der Wechsel in ein wesentlich kleineres Unternehmen ist nur sinnvoll, wenn er Sie Ihren Werdegang-Zielen deutlich näher bringt.

Frage-Nr.: 2082
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-12-23

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