Heiko Mell

Höchste fachliche Anforderungen im öffentlichen Dienst!

In Ihrem Beitrag 2072 (ein Berufsanfänger hatte schlechte Noten und eine schwerwiegende, eine Einstufung als „behindert“ rechtfertigende Krankheit, d. Autor) haben Sie Ihr Steckenpferd „Karriereberatung in der freien Wirtschaft“ verlassen und sich bei Ihrer Empfehlung auf das Ihnen wahrscheinlich nicht so bekannte Terrain des öffentlichen Dienstes begeben.

Die heutige Zeit der Arbeitslosigkeit und der Einstellstopp im öffentlichen Dienst geben sicherlich einem von Ihnen dargestellten Bewerber mit 3,4 und Behinderung ohne weitere Vorzüge des Bewerbers keinen Platz im öffentlichen Dienst.

Gerade die Kriterien der Kündigung (i. d. R. nicht möglich), Versetzung (i. d. R. für technisches Personal nicht möglich) sowie die Arbeitsverdichtung (immer mehr Vorgänge mit immer weniger Personal) sowie Kosten- und Leistungsrechnung stellen an neue Bewerber höchste fachliche Anforderungen. Die Vorschriften des Gesetzgebers sind in der Regel erst durch lange Einarbeitungszeiten (i. d. R. mehr als ein Jahr) ohne Mitarbeit von Kollegen zu verstehen und zu vollziehen, so dass auch hier höchste Anforderungen an die zukünftigen Stelleninhaber zu erwarten sind.

Ein Bewerber mit schlechten Noten und Behinderung wird da, auch wenn die Politiker vielleicht andere Auffassung haben könnten, sicherlich nicht eingestellt. Auch Mitarbeiter, die im Überhang zur Auswahl stehen, werden sicherlich bei absehbarer dauerhafter Krankheit bei Stellenbesetzungen von der Dienststelle übernommen.

Mancher Leser könnte aus Ihrem Beitrag ggf. den Schluss ziehen, es würden mit schlechten Noten qualifizierte und ggf. kranke Mitarbeiter im öffentlichen Dienst eingestellt. Dem ist sicherlich nicht so, da bei der heutigen Arbeitsmarktlage die Auswahl an sehr gut qualifizierten Bewerbern gegeben sein sollte und die Anforderungen an die Mitarbeiter durch den finanziellen Druck der Sparmaßnahmen immer mehr steigen werden.

Antwort:

Gut, dass wir uns gerade jetzt hier treffen! Ich gehe nämlich seit einiger Zeit mit einem Vorhaben schwanger, bei dem mir ein Kenner der öffentlichen Verwaltung sicher helfen kann: Ich leide darunter, dass meine „Karriereberatung in der freien Wirtschaft“ bisher nur als Steckenpferd-Tätigkeit anerkannt ist. Jetzt möchte ich den Schritt wagen, mich nach ersten Erfolgen auf diesem Gebiet behördlicherseits als Profi registrieren zu lassen. Ich suche nur noch nach einem Tipp, wer dafür zuständig ist. Vielleicht könnten Sie …?

Und am Rande: Ihren Satz mit den „Mitarbeitern, die im Überhang zur Auswahl stehen“, habe ich nicht verstanden. Was immer das für arme Menschen sind (toll klingt die Klassifizierung nicht) – ich komme auch dann nicht hinter die Aussage, wenn ich mir eine Interpretation des Begriffs zurechtlege. Könnte die gegenteilige Aussage richtig sein – fehlt vielleicht ein „nicht“ im Satz?

Nun aber zum ernsten Kern: Ich habe verstanden, dass die Anforderungen an die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes sehr hoch und dass nur die Besten gut genug sind.Sie schreiben aus Berlin. Schön. Aber wenn wir einmal die gesamte Republik nehmen mit all den vielen Angestellten im öffentlichen Dienst – ob da nicht doch der eine oder andere dabei ist, der ohne ein besonders gutes Examen eingestellt wurde oder gerade wird? Es gibt ja nicht nur die Hauptstadt in diesem Lande, es gibt diverse nach BAT/TVöD bezahlende Behörden und Institutionen auf Bundes-, Landes-, Kreis- und Gemeindeebene – da würde man sicher das eine oder andere Beispiel finden, dass „so etwas“ schon gemacht worden ist (ja, ich weiß, in meiner Aussage steckt ein winziger technischer Fehler, aber wer wird so kleinlich sein).

Nun habe ich überhaupt nicht gesagt: Leute, die ihr schlechte Noten habt, strebt in den öffentlichen Dienst. Sondern ich habe in meiner damaligen Antwort säuberlich, durch extra nummerierte Überschriften optisch getrennt, zwischen den beiden Problembereichen „Schwache Leistungen/fehlender Ehrgeiz“ und „Krankheit“ unterschieden. Und im erstgenannten Bereich habe ich dem Einsender sehr deutlich gesagt, was von seinen Resultaten zu halten ist. Nur unter der Überschrift „Krankheit“ kam der Hinweis: „Der öffentliche Dienst jedoch wirbt z. B. damit, dass bei vergleichbarer Qualifikation Schwerbehinderte bevorzugt eingestellt werden.

„Und das tut er tatsächlich! Ein Blick in die aktuelle überregionale Tageszeitung – und auf einer Seite springen gleich zwei Stellenanzeigen ins Auge. Ein Institut gibt für eine Position eine präzise bezeichnete Entgeltgruppe des TVöD an und schreibt unten: „Schwerbehinderte Bewerber/innen werden bei gleicher Eignung bevorzugt berücksichtigt.“ Eine andere Institution nennt ebenfalls den TVöD als Basis und formuliert: „Die … Gesellschaft ist bemüht, mehr schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Bewerbungen Schwerbehinderter sind ausdrücklich erwünscht.

„Auf dieser Basis fühle ich mich berechtigt, Schwerbehinderte auf solche Arbeitgeber hinzuweisen. Dass eine schlechte Note die Aussichten nicht verbessert, ist klar. Aber in der freien Wirtschaft wäre jedes dieser beiden Handikaps äußerst kritisch – in diesen TVöD-Anzeigen steht wenigstens, dass eines davon geradezu ein Vorteil wäre. Na also.

Im Übrigen geht es bei jedem Beitrag nur scheinbar allein um den konkreten Fragesteller. Meist stehen viele andere Leser vor vergleichbaren Problemen. Und vielleicht konnte ich mit meiner Antwort einem anderen Schwerbehinderten einen Tipp geben. Und der ist eventuell ein Einser-Kandidat, erfüllt die hohen Anforderungen, von denen Sie sprechen – und alle sind glücklich.

Frage-Nr.: 2080
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-12-16

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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