Heiko Mell

… bin ich als Ingenieur jetzt Buchhalter in IRL

Ich habe folgende berufsrelevante Basis: Wirtschaftsabitur mit 1,8, verkürzte Ausbildung zum Industriekaufmann (Prüfung mit 91 %), Studium Verfahrenstechnik (Dipl.-Ing. FH) mit 1,6 in Regelstudienzeit, vor sechs Monaten abgeschlossen.

Um noch etwas Auslandserfahrungen zu sammeln, bin ich nach dem Studium nach Irland gegangen. Ich hatte die Hoffnung, dort aufgrund der guten Arbeitsmarktsituation (4,5 % Arbeitslosigkeit) ein paar Jahre als Ingenieur arbeiten zu können.

Leider jedoch ist es hier für Berufseinsteiger schwer, einen Job zu bekommen. Ich habe nur in meinem erlernten Beruf als Industriekaufmann eine Anstellung in der Buchhaltung eines Unternehmens gefunden und angenommen.

Da ich nun in Irland langfristig keine beruflichen Perspektiven sehe, möchte ich nach Deutschland zurück, um als Ingenieur arbeiten zu können.

Soll ich möglichst sofort kündigen, um nach Deutschland zurückzukehren in der Hoffnung, möglichst bald den Einstieg zu schaffen? Oder gerate ich nach nicht einmal drei Monaten im Job hier in IRL bei Bewerbungen in Erklärungsnöte?

Oder soll ich noch ein halbes Jahr warten, weiter arbeiten und eventuell noch einen AutoCad-Abendkurs belegen, um dann zumindest mit etwas Berufserfahrung in meinem Buchhaltungsjob den Einstieg als Ingenieur zu schaffen? Ober bin ich dann zu lange aus dem Studium heraus?

Antwort:

Ich traue Ihren Worten nicht so ganz! Wie war das eigentlich mit Ihrem Motiv für den Auslandsaufenthalt?

Logisch, normal und sinnvoll wäre es gewesen, so zu denken und handeln: „Ich bin Ingenieur, suche also den Berufseinstieg in dieser Kategorie. Mir fehlt – in dieser ‚globalisierten“ Welt ein Nachteil – Auslandserfahrung. Also erwerbe ich dieselbe jetzt, wo es bei mir noch unproblematisch ist. Wo also, in welchem fernen Lande, finde ich einen entsprechenden Job – natürlich als Ingenieur? Und wenn ich das herausgefunden habe, gehe ich dorthin für etwa sechs bis achtzehn Monate. Dann gehe ich zurück nach Deutschland.“

Ich glaube, Sie jedoch wollten unbedingt nach Irland, warum auch immer. Dann haben Sie diesen Schritt vollzogen – und festgestellt, dass es dort kaum Chancen für deutsche Berufseinsteiger der Verfahrenstechnik gibt. Die Begründung, auch die mit der niedrigen Arbeitslosigkeit, haben Sie nachgeschoben, um Ihren sachlich nun unmotivierten Schritt nach IRL vor sich und anderen zu rechtfertigen.

Die Regel lautet: Der Job steht auf Nr. 1 der Prioritätenskala, er bestimmt den Ort – nicht umgekehrt. Und auch das Land ist so gesehen ein „Ort“. Warum versucht jeder junge Mensch, wenn er neu ins Berufsleben einsteigt, erst einmal die Regeln zu „überlisten“? Tun Sie das als Anfänger im Tennis auch und hängen heimlich das störende Netz tiefer oder graben Sie auf dem Golfplatz nachts heimlich die Löcher größer? Als Tipp: Der „Internationale Service der Bundesagentur“ (www.europaserviceba.de) bietet Jobs im Ausland für deutsche Arbeitnehmer an.

So, nun zum Kern der Frage: Ihre Bedenken sind berechtigt! Nach Ende des Studiums heißt es vor allem, im Beruf zu arbeiten. Auch Auslandspraxis kann berufsfremdes Tun nicht ausgleichen. Dabei verlieren Sie die Verbindung zur Technik und zu den Studieninhalten.Zwar passt Ihr derzeitiger Job zum Inhalt Ihrer kaufmännischen Lehre – aber die passt weder vom Inhalt noch vom Anforderungsniveau her zum Studium. Man kann auf diese Weise keinen Wirtschaftsingenieur konstruieren. Generell hat man von einer zum FH-Studium thematisch passenden Lehre mehr. Oder aber eben vom späteren Aufbaustudium. Wobei Leute mit einem Abitur von 1,8 überhaupt keine Lehre brauchen, sondern gleich ein Universitätsstudium beginnen können. Nun ja, auch das muss gesagt werden: Wer ein spezialisiertes Gymnasium besucht, sollte ganz(!) sicher sein, später auch ein entsprechend ausgerichtetes Fachstudium wählen zu wollen (für den Fall, dass er nur eine eingeschränkte Studienberechtigung erhält). Ihr Wirtschaftsgymnasium passt ja nicht optimal zur Verfahrenstechnik.

Damit wir uns nicht missverstehen, geehrter Einsender: Worte wie diese sollen nicht vorrangig Ihren nun ohnehin nicht mehr zu ändernden Weg kritisieren – aber potenzielle Nachahmer abschrecken.

Also es ist klar: Sie sollten so schnell wie möglich zurück in Ihren „studierten“ Beruf. In der bisherigen Form bringt Sie der Auslandsaufenthalt beruflich nicht weiter. Dann also besser kurzfristig zurück nach Deutschland. Hier steigt generell die Nachfrage nach Ingenieuren von Quartal zu Quartal.

Kurzantwort:

1. Niemals darf der Wunsch-Ort vor der Tätigkeit rangieren.

2. Es ist besser, die einzelnen Komponenten eines Bildungsweges passen sinnvoll zueinander.

Frage-Nr.: 2073
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-11-18

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