Heiko Mell

Schieben Sie oder werden Sie geschoben?

Schon während meines inzwischen sieben Jahre zurückliegenden Studiums hatte ich immer den Gedanken gehegt, später einmal als Betriebsingenieur in einem großen Industriebetrieb zu arbeiten. Über Praktika und meine Diplomarbeit kam ich dann aber in Kontakt mit einem Ingenieurbüro und stieg dort als Mitarbeiter ein.

Man nahm sich dort Zeit für mich, ich lernte sehr umfassend mein Handwerkszeug für den Ingenieurberuf von der Pike auf. Über einen Zeitraum von sechs Jahren arbeitete ich dort sehr erfolgreich. Aus Bequemlichkeit (5 Minuten per Fahrrad zum Arbeitsplatz) und wegen relativer Zufriedenheit (nette Kollegen, gutes Betriebsklima bis auf zeitweise cholerische Anwandlungen meines Chefs) hatte ich mich nie großartig nach einem neuen Arbeitsplatz umgesehen. Erst nachdem mir eine zuvor versprochene Gehaltserhöhung nicht zugebilligt wurde und es keine Aufstiegsmöglichkeiten gab, begann ich mich zu bewerben.

Auf drei Bewerbungen hatte ich zwei Vorstellungsgespräche: Eines bei einem großen Konzern (ich war einer von acht eingeladenen aus 250 Bewerbern), eines in einem anderen Ingenieurbüro. Bei diesem Büro hatte ich mich eigentlich nur beworben, um Vorstellungsgespräche zu üben.

Resultat: Der Industriekonzern nahm einen anderen Bewerber, das Gespräch beim Ingenieurbüro lief gut – man versprach mir das geforderte Gehalt dort, bot mir einen Vertrag, ich sagte zu.

Nach dem Wechsel freue ich mich jeden Tag mehr und mehr darüber, diesen Schritt getan zu haben. Ich bin Projektleiter und leite eigenverantwortlich mit einem Planungsteam große Projekte. Mein Chef lässt mir freie Handhabe und vertraut mir voll und ganz. Ich entgelte ihm dieses Vertrauen mit Loyalität. Mit meinen Kollegen verstehe ich mich sehr gut. Es gibt einen regen Erfahrungsaustausch. Die Aussichten auf zukünftige Projekte sind momentan gegen jeden Branchentrend als „top“ einzustufen. Die Arbeit macht mir sehr viel Freude (Das war die Stelle, an der ich mich fragte, was dieser Mann überhaupt will, d. Autor).

Mein langfristiges Ziel ist es jedoch nicht, auf Dauer in einem Ingenieurbüro zu arbeiten. Der Eintritt in ein Industrieunternehmen würde mich aus karrieretechnischer sowie aus finanzieller Sicht sehr viel mehr ansprechen (von den freiwilligen Sozialleistungen eines großen Unternehmens ganz zu schweigen). Die flachen Hierarchien in einem Ingenieurbüro (Chef, Projektleiter, Projektingenieur) begrenzen die Aufstiegschancen erheblich. Ich stehe bei meinem neuen Job an genau der gleichen Stelle wie im alten Büro. Prinzipiell kann ich nur noch beim Gehalt einen Aufstieg erwarten.

Trotzdem tue ich mir (an dieser Stelle endet dieser Satz im Nichts, d. Autor).

Mein Problem: Vor fünf Jahren, in meinem ersten Job, hatte ich mehrere Projekte für einen Anlagenbetreiber zu dessen vollster Zufriedenheit abgewickelt. Er bot mir damals eine Position an, wegen meiner damals erst geringen Erfahrung lehnte ich ab.

Nun habe ich in Zeitungen eine passende Stellenanzeige dieses Unternehmens gelesen. Ich könnte mir eine Mitarbeit dort gut vorstellen und würde mir auch nach mehreren Dienstjahren gute Chancen ausrechnen, mich später für mein eigentliches „Traum-Unternehmen“ zu qualifizieren (jener Konzern, bei dem ich die Stelle bei meiner letzten Bewerbungsaktion nicht erhalten hatte). Aus einer Reihe von Gründen erscheint dieser Weg aussichtsreich.

Nun stehe ich vor der Entscheidung, innerhalb kurzer Zeit wieder den Job zu wechseln. Ich möchte von Ihnen wissen, ob Sie es für sinnvoll erachten, diesen Schritt zu vollziehen und damit in eine neue Firmenstruktur (Industrie) einzudringen, die neue Aufgaben und verbesserte Aufstiegschancen mit sich bringt. Wie kann ich bei einer Bewerbung die kurze Zeit erklären?

Antwort:

Nein, liebe Leser, ich erfinde diese Einsendungen nicht selbst, sie kommen ausnahmslos „direkt aus dem Leben“. Letzteres ist mir über, meine Phantasie käme dagegen niemals an.

Was haben wir denn nun in diesem Fall an Fakten? Ein junger Ingenieur glaubt seit dem Studium, Industriebetriebe seien seine Lieblingsarbeitgeber. Schön. Er gerät jedoch an einen Dienstleister, der ist nett zu ihm, fördert seine Diplomarbeit, bietet einen Job dortselbst. Auch schön.

Merke I: Es findet überhaupt kein Versuch statt, den Traumtyp des Arbeitgebers zu erreichen.

Der Kandidat nimmt das aus seiner Sicht „falsche“ Angebot an. Während andere junge Akademiker ihren ersten Arbeitgeber vielfach schon nach zwei Jahren wieder verlassen, bleibt dieser Kandidat sechs lange Jahre aus reiner Bequemlichkeit beim „falschen“ Unternehmen. Und geht wegen einer geplatzten Gehaltserhöhung.

Jetzt hat er eine tolle zweite Chance, den Traum vom Industriearbeitgeber zu realisieren.

Merke II: Es gibt eine(!) Bewerbung bei diesem Idealtyp. Als dieses Vorhaben platzt, rutscht er ohne rechten Grund wie schon vor sechs Jahren wieder in ein Beschäftigungsverhältnis bei einem Dienstleister, zu dem er gar nicht will.

Merke III: Setzen wir dafür einmal vier Jahre an, dann könnte er nach elf Berufsjahren endlich bei einem Arbeitgebertyp sein, den er für sich als ideal ansieht. Was das dann für eine Art Position wäre, wird nicht deutlich. Und das Bemühen um den Aufstieg ginge dann ja wohl erst so richtig los.

Sie, geehrter Einsender, sind Ingenieur. Kaufleute haben für solche Ideen wie Ihre eine Regel: Man soll kein gutes Geld schlechtem hinterherwerfen. Oder: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Also: Sie sind jetzt seit sieben Jahren bei einem Unternehmenstyp, den Sie sich selbst ausgesucht haben. Es gab zwei Punkte im Lebenslauf, an denen Sie hätten um Ihren Traum kämpfen können. Sie haben in beiden Fällen ohne vernünftigen Grund die Chancen nicht genutzt. Statt energisch für Ihre – vermeintlichen – Ziele zu kämpfen, haben Sie eindeutig nur den Weg des geringsten Widerstandes gewählt. Sie haben sich jeweils schieben lassen, statt selbst zu schieben.

Ich will ja nicht boshaft werden. Aber entweder man hat fünf Minuten mit dem Fahrrad ins Büro oder man realisiert Träume im Leben.

Heute haben Sie nach eigener Aussage einen Traumjob, aber in dem aus Ihrer Sicht falschen Metier. Und Sie haben nicht die geringste Sicherheit, dass Sie in der Industrie glücklicher wären! Tausende sind dort tätig – und absolut nicht glücklich. Wie das mit ins Alter geretteten Träumen so ist – das Erwachen gerät meist ziemlich hart.Wissen Sie, was ich denke?

1. Ihr Zentralmotiv ist Geld, Geld. Geld. Wegen einer verpassten Gehaltserhöhung haben Sie Ihren ersten Arbeitgeber verlassen. Weil der auf Ihre finanziellen Vorstellungen eingegangen ist, haben Sie dem zweiten Arbeitgeber trotz falscher Branche und obwohl Sie vorher wissen mussten, dass „ich bei meinem neuen Job an genau der gleichen stelle stehe wie im alten Büro“ eine Zusage gegeben.

Und am Industrieunternehmen faszinieren Sie auch wieder stark die „finanzielle Sicht“ und die freiwilligen Sozialleistungen. Für die „karrieretechnischen“ Gründe, die Sie dafür auch noch anführen, gibt es in Ihrer Argumentation gar keine Basis. Es gibt kein konkretes Ziel, keinen Realisierungsplan.

Wer viel Geld verdienen will, muss kämpfen. Weniger um das hohe Gehalt, da sind dem Angestellten Grenzen gesetzt. Aber um Karriere, da kommt dann das Geld „automatisch“ – Geschäftsführer klagen kaum über Unterbezahlung.

2. Sie verfolgen nicht nur den Traum von einem bestimmten Arbeitgebertyp (großer Industriebetrieb), sondern auch noch den einer Tätigkeit bei einem bestimmten einzelnen Unternehmen. Das sollte man so konkret nicht tun, es erschwert die Realisierung der Zielsetzung ungemein.

3. Auf Ihrem Weg kämen Sie nach elf Dienstjahren in der Zielbranche an. Ohne konkrete Erfahrungen in diesem Unternehmenstyp, ohne Kenntnis der Spielregeln, die dort gelten. Was meinen Sie, was die Industrie-Kollegen aus ihren elf Jahren Vorsprung inzwischen gemacht haben. Das holen Sie nie wieder auf. Oft führen Träume zu Enttäuschungen. Und was machen Sie dann?

4. Ihre heutige kurze Dienstzeit wird erst richtig zum Problem, wenn Sie beim dritten Arbeitgeber auch wieder nach einem Jahr gehen müssten oder wollten. Es gibt keine Sicherheit, dass dies nicht geschieht!

5. Wenn Sie es aber unbedingt so wollen, könnten Sie jetzt in Bewerbungen so argumentieren: „Obwohl ich eine sehr interessante Aufgabe in einem als positiv empfundenen Umfeld ausübe, sehe ich schon jetzt, dass der jüngste Wechsel ein Fehler war: Ich finde mich unter vergleichbaren Umständen wie in meiner vorigen Position wieder – offenbar habe ich Erklärungen und Aussagen im Vorstellungsgespräch überinterpretiert Ich suche daher gezielt die Herausforderung eines neuen Unternehmensumfeldes mit neuen Aufgaben, mit deren erfolgreicher Lösung ich mich qualifizieren und mir neue Perspektiven erschließen kann. Es zeigt sich, dass dies in dem heutigen überschaubaren Unternehmen ebenso wenig möglich ist wie beim vorigen Arbeitgeber. Daher versuche ich jetzt, trotz massiver eigener Bedenken gegen einen so schnellen erneuten Wechsel diesen Fehler zu korrigieren.“

Bewerber, die Fehler eingestehen, sind derart selten (und daher überaus originell), dass Sie sofort hätten, was die Marketingleute ein „echtes Alleinstellungsmerkmal“ eines Produkts nennen.

6. Mein eigentlicher Rat: Alles läuft gut, Sie müssen nur Ihren Traum als solchen erkennen – und begraben. Sie arbeiten toll und erfolgreich bei einem Dienstleister – bleiben Sie dabei und machen Sie in diesem Metier Karriere. Dass insbesondere kleine Büros flache Hierarchien und wenig Aufstiegschancen haben bzw. bieten, ist bekannt. Aber es gibt ja auch größere. Dort können Sie Abteilungs- oder Niederlassungsleiter werden. So in drei Jahren vielleicht. Dann wären Sie 40.

Kurzantwort:

1. Der Mensch darf, ja er soll Träume haben. Aber entweder er wandelt sie beizeiten in konkrete Ziele um und kämpft um ihre Erfüllung – oder er sagt „schön wärs gewesen“ und geht zum Tagesgeschäft über.

2. Mitunter gewährt das Leben eine zweite Chance. Eine dritte jedoch eher nicht. Züge sind abgefahren, wenn man nicht rechtzeitig aufspringt.

Frage-Nr.: 2065
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-10-28

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