Erster Offizier auf einem Seelenverkäufer oder Leichtmatrose auf einem Luxusliner?

Ich befinde mich in einer Situation, in der eine Entscheidung stets im Widerspruch zu einer Ihrer Leitlinien zu stehen scheint.Ich arbeite als „Senior-Wissenschaftler“ (alle Details wie stets etwas verändert/neutrali­siert, d. Autor) bei einer sehr kleinen Geschäftseinheit (weniger als 100 Mitarbeiter) eines sehr großen internationalen Konzerns. Wir sind vor einiger Zeit gekauft worden. Mir gefällt das neue Umfeld sehr gut, die Möglichkeiten zu lernen sind immens. Es gibt keine Diskrepanz zwischen meinen und den Werten des Konzerns.In dieser Firma (die Geschäftseinheit ist eine eigene GmbH) habe ich einen schnellen Aufstieg erfahren. Zur Zeit leite ich u. a. besonders wichtige Projekte, von denen der Großteil des Umsatzes in den nächsten Jahren abhängt.Leider stimmt bei uns der Inhalt des Begriffs „Projektleiter“ nicht mit dem Lehrbuch überein. Unsere Firma hatte bisher keine gelebten Projektprozesse, ein Projektcontrolling existierte nicht. Auch wurde schon einmal die eine oder andere Entscheidung vom Abteilungsleiter oder der Geschäftsführung am Projektleiter vorbei vorgenommen. Mein Disziplinarvorgesetzter ist gleichzeitig auch ein Teammitglied – was immer wieder zu Konflikten führt. Ich akzeptiere das aber, auch wenn es weh tut, schließlich geht es um das Überleben des GF und des Abteilungsleiters.Die Bewertung meiner Arbeit und meiner Person ist sehr gut. Wir reden offen über alle Konflikte. Man hat mir klar gesagt, dass ich unter gewissen Voraussetzungen für eine Abteilungsleitung in Frage käme. Dass ich auch noch als Koryphäe für … in unserer Firma eine der Schlüsseltechnologien eigenverantwortlich weiterentwickle, trägt zu meinem guten Ruf noch bei. Aus meiner Arbeit sind viele Patente hervorgegangen, ich arbeite auf hohem fachlichen Niveau. Projektleitung und Management liegen mir – ebenso wie die fachliche Arbeit. Zur Zeit interessiere ich mich mehr für Führung und Management. In der fachlichen Arbeit stehe ich zwischen den Stühlen. Vom fachlichen Niveau her arbeite ich eher auf universitärem Level, aber ich generiere keine Publikationen und habe nicht die Zeit, die Fähigkeiten vertiefend auszubauen.Die Situation der Firma ist seit einiger Zeit angespannt. Meine beiden wichtigsten Projekte verzögern sich aus verschiedenen externen Gründen, somit sind die Umsätze im nächsten Jahr ungewiss. Einige Leistungsträger haben die Firma bereits verlassen, z. T. wegen ungewisser Zukunft, z. T. wegen der Konzernstandards.Vor kurzem ist konzernintern in einem anderen Geschäftsbereich eine Stelle als Abteilungsleiter ausgeschrieben worden. Vom Profil passe ich exakt darauf. Aber ich scheue die Bewerbung: Meine Vorgesetzten würden auf jeden Fall davon erfahren, ich könnte den Schritt nur mit ihrer Unterstützung machen.Für mich stellt sich die Frage, ob ich diesen oder einen anderen Positionswechsel in Betracht ziehen sollte. Aufgrund der Marktsituation wäre extern nur ein Wechsel als Projektleiter kurzfristig möglich. Aber die Fähigkeiten dazu habe ich mir in einer Art „Schutzraum“ selbst beigebracht und müsste mich dann möglicherweise in einem professionellen Umfeld beweisen.Alternativ könnte es sinnvoller sein, erst beide Projekte erfolgreich zu beenden, dabei meine Projektleiterfähigkeiten zu verfestigen und danach intern Abteilungsleiter zu werden oder die Firma zu wechseln.

Antwort:

Hier kommen verschiedene das Gesamtbild beeinflussende Aspekte zusammen, die wir einzeln behandeln müssen:1. Sie sind ein Mann mit einem erfolgreich abgeschlossenen, anspruchsvollen Universitätsstudium und nachfolgender Promotion, Noten kennen wir nicht. Sie sind auf Ihrem Spezialgebiet hochkarätiger Fachmann. Nach der Art Ihrer Probleme könnten Sie einer jener Einser-Kandidaten sein, die es oft schwerer haben als andere. In gewissen Formulierungen klingt ein Gedanke an eine Hochschulkarriere an.Wie so viele Menschen Ihres Schlages wollen Sie alles, was Sie tun, perfekt machen – eben wiederum „sehr gut“. Das aber steht der von mir (unter Karriereaspekten!) propagierten Haltung eines „Spielers“ entgegen, der unser so unvollkommenes berufliches System vorrangig als „Spiel“ begreift, zu dem man sich bei allem Engagement eine gewisse Distanz bewahren sollte, um alle Aspekte teils leidenschaftsarm, teils unter Optimierung des persönlichen Vorteils betrachten zu können.Diese Welt gehört denen, die nicht zu kritisch sich selbst gegenüber sind, die ein vernünftiges Risiko nicht scheuen und denen es keinesfalls an Selbstbewusstsein mangelt. Konkret: Wenn jeder nur Positionen übernähme, deren Anforderungen er zu 100 % erfüllt (zum Zeitpunkt der Übernahme), dann bliebe die Hälfte aller Führungsjobs dauerhaft unbesetzt. Ein Bundeskanzler war eben dieses vorher nicht und auch ein General hat irgendwann seinen ersten Tag mit diesen neuen Rangabzeichen – seine Dienstzeit als untergeordneter Oberst muss als Vorbereitung reichen. Und eine Position als „Vorstandsvorsitzender in Übung“ gibt es ebenfalls nicht.Wer zu ehrlich, zu selbstzweiflerisch und zu vorsichtig ist, erreicht in einer Marktwirtschaft nichts. Sie sind Mitte 30, wenn man da nicht „weder Tod noch Teufel fürchtet“, wann dann?2. Kennen Sie meinen Ausspruch „Sie sind entweder etwas Interessantes oder Sie tun etwas Interessantes – aber nicht beides gleichermaßen“? Er gilt auch hier (aber natürlich nicht in jedem denkbaren, vorübergehenden Detail).Das bedeutet: Sie müssen Prioritäten setzen. Dabei kann jeweils nur ein Aspekt auf Platz 1 gehievt werden, alles andere rutscht dann tiefer. Das scheint hart zu sein, aber es gibt keine Alternative – da müssen Sie durch!Konkret heißt das: Sie müssen Ihr Ziel definieren. Wollen Sie nun eher hochkarätig fachlich arbeiten oder eher „richtige“ Führungskraft werden oder vielleicht doch noch Professor? Und alles, was nicht auf Platz 1 steht, ist dann weit weg! Also erschweren Sie sich die Suche nach dem Einstieg als Abteilungsleiter nicht mit dem Traum, dennoch weiter persönlich fachlich auf „universitärem Level“ arbeiten zu wollen, beispielsweise.Als Firma gekauft worden zu sein – das bringt immer Probleme für die übernommenen Mitarbeiter. Bei einer so kleinen Firma, die jetzt als Mini-Geschäftseinheit in einem Riesenkonzern angesiedelt ist, gilt das doppelt. So kleine Einheiten haben erfahrungsgemäß auf Dauer in so großen Organisationen keine Zukunft.Hinzu kommen die von Ihnen geschilderten Probleme mit Ihren Projekten und mit dem Umsatz des nächsten Jahres. Ihr Abteilungsleiter und Ihr Geschäftsführer sitzen auf Pulverfässern – und wissen das. Ich glaube, Sie sollten dort nicht Ihre Zukunft sehen.Natürlich spricht viel dafür, erst Ihre beiden Projekte erfolgreich abzuschließen und dann zu gehen. Aber die Vorsicht gebietet auch, ein generelles Scheitern in die Überlegungen mit einzubeziehen. Niemand dankt es den „Ratten“, wenn sie mit dem sinkenden Schiff untergehen, für sie ist es vernünftig, sich vorher neu zu orientieren.3. Zu den Möglichkeiten, die Sie haben:a) Auf den späteren Aufstieg zum Abteilungsleiter in Ihrer heutigen kleinen Geschäftseinheit zu warten, ist von sehr(!) hohen Risiken begleitet. Es ist nicht sicher, ob Sie Ihre Projekte erfolgreich abschließen, es ist nicht sicher, ob Ihr Mini-Geschäftsbereich überlebt, es ist nicht sicher, dass Ihr Geschäftsführer bleiben darf (der allein könnte Sie entsprechend befördern). Außerdem haben Sie ohnehin nur vage mündliche Versprechungen, keine verbindlichen Zusagen (die auch nicht üblich wären). Fazit: Darauf zu setzen, empfiehlt sich nicht.b) Konzernintern anderswo Abteilungsleiter zu werden, ist grundsätzlich reizvoll, hat aber die Nachteile, dass es dafür überhaupt keine Garantie gibt und dass Ihre Chefs davon erfahren. Das wird sie zu Ihren Gegnern machen! Ihr Weglaufen würde deren Zukunft gefährden, vermutlich würden sie sich sogar widersetzen (in vielen Konzernen sind interne Wechsel gegen den Willen des „alten“ Chefs nicht möglich). Außerdem ist die Wut enttäuschter Vorgesetzter bei internen Wechseln erfahrungsgemäß deutlich größer als beim Verlassen des Konzerns.c) Der externe Wechsel als Projektleiter brächte zwar keinen direkten Fortschritt (weil Sie das ja heute auch schon sind), könnte Ihnen aber eine Position mit weniger Risiken (auch für die berufliche Existenz, nicht nur für den weiteren Aufstieg) und besseren Perspektiven erschließen.Ihre Bedenken wegen eventuell nicht perfekten Fachwissens im Projektmanagement teile ich nicht! Berücksichtigen Sie: Die anderen Bewerber, die mit Ihnen konkurrieren, haben vermutlich überhaupt noch keine Projektleitungserfahrungen.4. Sie merken, ich habe den Platz 1 für den Aufstieg und die Abkehr vom reinen, tiefen Fachengagement schon vorweggenommen. Ich glaube, Sie sollten akzeptieren, dass dieser Wandel irgendwann nach dem Verlassen der Universitätswelt normal ist. Sie zeigen sich ja selbst etwas hin- und hergerissen – spüren aber, dass die Lust am Aufstieg sich wohl nicht mehr verdrängen lässt. Und: Sie erwerben ja neues Fachwissen, nämlich im – deutlich besser bezahlten, also wohl wertvolleren – Managementbereich.5. Die – eigentlich ganz tolle – Überschrift ist von Ihnen. Bloß verstanden habe ich sie nicht. Was wäre denn eine Leichtmatrosen-Stelle für Sie, noch dazu auf einem Luxusliner? Wäre das der Projektleiter-Job extern, vor dessen hohen Anforderungen Sie sich aber ein bisschen fürchten? Das passt irgendwie nicht. Ich bin ja auch dafür, dass Sie Abteilungsleiter werden – nur etwas später, wenn Sie sich extern als Projektleiter neu bewährt haben. Konkret: nix Leichtmatrose.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2062
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-10-14

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