Heiko Mell

52 und der Verkauf droht

Ich bin seit 32 Jahren ununterbrochen am Standort A des XY-Konzerns als Ingenieur beschäftigt. Seit einigen Jahren steht dieses Werk unter erheblichem Kostendruck und kann die vom Vorstand vorgegebenen Gewinnziele nicht erreichen. Es gab bereits erhebliche Einkommenskürzungen sowie eine Verlängerung der Arbeitszeit.Inzwischen sind wir in eine rechtlich selbstständige Gesellschaft umgewandelt worden, aber noch eine hundertprozentige Konzerntochter. Ich gehe davon aus, dass diese Gesellschaft verkauft werden soll, es gibt Anzeichen unterschiedlicher Art dafür.

Ich habe folgende Fragen:

1. Ist es sinnvoller abzuwarten, wie sich die Zukunft des Standortes entwickelt, oder sollte ich unmittelbar mit der systematischen Suche nach einer neuen Arbeitsstelle beginnen? Der Vorteil wäre, dass ich mich aus einer ungekündigten Anstellung heraus bewerben könnte. Ein erheblicher Nachteil besteht jedoch darin, dass ich 52 Jahre alt bin und bisher nur diesen einen Arbeitgeber hatte.

2. Wie schätzen Sie meine Chancen als 52-jähriger Ingenieur am Arbeitsmarkt ein? Was kann ich zusätzlich unternehmen, um überhaupt in die engere Wahl von Stellenbewerbern zu kommen, die erheblich jünger sind als ich?

3. Wie verhält es sich mit einer Abfindung, wenn die XY AG das Werk verkauft? Verliere ich als Mitarbeiter nach 32 Dienstjahren jeglichen Anspruch darauf?

Antwort:

Dies ist eine Serie, die zum Nutzen vieler Leser gedacht ist. Der jeweilige Einzelfall ist – wie man sich denken kann – nur der Aufhänger für den wöchentlichen Beitrag. Also geht es stets auch (oder sogar vor allem) um die Interessen der Leser in ihrer Gesamtheit.

Versuchen wir daher, anderen diese Situation zu ersparen und sie von einer Nachahmung abzuhalten. Es ist also auch über das zu reden, was Sie falsch gemacht haben oder besser anders hätten machen sollen:

Sagen Sie nicht, ich hätte Sie respektive die Öffentlichkeit nicht gewarnt! Schon oft habe ich hier sehr offen darauf hingewiesen, dass deutlich mehr als zehn Dienstjahre pro Arbeitgeber gefährlich sind und die Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt beeinträchtigen. Es geht dabei um die zu starke Gewöhnung an die Strukturen und Prozesse eines einzigen Unternehmens, um die langsam einrostende Fähigkeit zur Umstellung, um das Denken in eingefahrenen Gleisen.

Und immer wieder habe ich gesagt: Sie müssen jederzeit damit rechnen, zum Wechsel gezwungen zu werden. Beispielsweise aus Gründen wie dem jetzt anstehenden Verkauf.In einem solchen Fall wären vier Arbeitsverhältnisse à 8 Jahre besser als eine Dienstzeit von 32 Jahren. Weil man damit die heute so sehr gewünschte Flexibilität demonstriert hätte. So viele Jahre bei einem Konzern, an einem Standort, in einem Produktbereich – das führt zu sehr großen Bedenken potenzieller neuer Arbeitgeber.

Wenn dann auch noch die Karriereentwicklung recht zurückhaltend blieb (die derzeitige Tätigkeitsbezeichnung endet auf „-ingeni­eur“), ist es schwer, sehr schwer, die heute gefragten Eigenschaften zu beweisen als da sind Dynamik, Tatkraft, Initiative, Biss, Kreativität etc. Der Anschein spricht eher dagegen.

Natürlich müssten Sie jetzt innerhalb der Republik räumlich flexibel sein. Und natürlich geht auch das dem Anschein nach nicht: Ihre Frau hat jenen Beruf, der vielen Bewerbungsempfängern nahezu als Schreckgespenst gilt (versetzungsresistent, kaum je in ein anderes Bundesland zu bekommen). Benennen will ich diese Tätigkeit lieber nicht, sonst droht mir noch Ärger vom Bundesverband verbeamteter Gymnasiallehrerinnen e. V.; dabei habe ich gar nichts gegen den Beruf, er stört nur allzu oft meine Kreise, wenn ich Menschen überzeugen will, von A nach B umzuziehen. Ach Gott, auch damit dürfte Ihnen ja jede Erfahrung fehlen (Sie haben in Ihrer etwas isoliert gelegenen Stadt schon die Lehre vor dem Studium absolviert).

Dies ist, geehrter Einsender, keine Kritik an Ihrer Lebensplanung und Berufsweggestaltung, wie käme ich auch dazu. Aber seit etwa 30 Jahren schreibe ich warnend in dieser Zeitung: „Tun Sie genau das nicht.“ Da darf ich dann schon einmal ganz tief Luft holen, wenn jemand auftaucht, der genau dies denn doch alles getan hat. Nach kurzem Blättern finde ich im 1. Band der nachgedruckten Artikel meiner Serie aus 1984/85 das Zitat: „Wer lange in einem Unternehmen tätig war, scheitert häufig in der ersten neuen Position. Dies wird verstärkt, wenn dieser Mitarbeiter überhaupt nur ein Unternehmen kennt.“ Nun ja, Autorenschicksal …Ihr Alter, schon isoliert gesehen ein äußerst schwerwiegendes Problem, verstärkt das bisher Gesagte alles noch einmal deutlich.Was also tun? Resignieren? Absolut nicht! Da dies alles keine exakte Wissenschaft ist, da Menschen mit höchst unterschiedlichen Persönlichkeiten und in unterschiedlichen Situationen entscheiden, gibt es keine 100 %ige Sicherheit, dass „nichts mehr geht“. Breit angelegt, energisch betrieben, kreativ durchdacht – dann hat eine Bewerbungsaktion fast immer irgendwelche Chancen.

Ich schlage Ihnen vor:

1. Fangen Sie sofort an, sich zu bewerben, warten Sie nicht, bis die Katastrophe eingetreten ist. Gehen Sie die Suche auf breiter Front an, rechnen Sie mindestens mit 50 bis 100 Bewerbungen, die Sie auf den Weg bringen müssen.

2. Lesen Sie alles, was in den letzten Jahren hier unter „Bewerbung“ erschienen ist. Unter www.ingenieurkarriere.de finden Sie Zugang zu vielen älteren und aktuellen Beiträgen, meine Homepage enthält zusätzliche Hinweise, u. a. Musterlebenslauf, Hinweise zum optimalen Anschreiben etc.

3. Entwickeln Sie nicht nur einen Lebenslauf und ein Anschreiben, bei denen Sie stur bleiben, sondern variieren Sie, sammeln Sie Erfahrungen, welche Variante bei was für einer Art von Unternehmen besser ankommt.

4. Scheuen Sie sich nicht, beispielsweise einen Jahresurlaub stückweise für Vorstellungsgespräche einzusetzen. Das gehört zum Berufsleben bzw. Existenzkampf dazu – Sie müssen das auf Ihre 32 Berufsjahre umlegen, dann ist das „Opfer“ gar nicht mehr so groß.

5. Bewerben Sie sich von Anfang an bundesweit, nicht nur rund um den heimischen Kirchturm. Wie Sie das lösen, klären Sie später, wenn konkrete Angebote vorliegen.

6. Streichen Sie den Beruf Ihrer Frau aus dem Lebenslauf (heute steht er drin), die Dinge sind ohnehin schon schwer genug, Sie müssen nicht auch noch mit abschreckenden Elementen arbeiten.

7. Bauen Sie die Berufstätigkeit im Lebenslauf bewusst(!) abwechslungsreich auf. Bringen Sie möglichst viele Veränderungen (Neustrukturierung, Namensänderung) unübersehbar hinein – vermeiden Sie den Eindruck ewig gleicher Routine. Das gilt auch für Aufgaben und Zuständigkeiten.

8. Wer in seinen Lebenslauf-Fakten ein unübersehbares Problem verbirgt, soll keinesfalls so tun als wäre nichts, sondern die Dinge aktiv ansprechen (sonst denkt der Leser noch, der Bewerber hätte das Problem noch nicht einmal erkannt).

Das bedeutet in Ihrem Fall eine Formulierung im Anschreiben etwa dieser Art (nach der Vorstellung der Person und der Darstellung Ihrer Qualifikation):

„Nach der Ausgliederung des früheren Konzernwerkes als eigenständige, wenn auch noch im Konzernbesitz befindliche Gesellschaft mehren sich die Anzeichen, die auf weitere einschneidende Veränderungen (z. B. Verkauf) hindeuten. Ich möchte davon nicht eines Tages überrascht werden und bewerbe mich aus ungekündigter und noch vollständig unbelasteter Position um eine neue Herausforderung, in die ich meine umfassenden Fachkenntnisse und Erfahrungen einbringen kann und in der das Arbeiten nicht durch ständige Spekulationen um die wirtschaftliche Existenz und täglich neue Gerüchte beeinträchtigt wird.

Im bin mir darüber im Klaren, dass die lange Betriebszugehörigkeit in Verbindung mit dem erreichten Alter sicher auch Skepsis bei Ihnen auslösen kann. Bitte gehen Sie davon aus, dass ich mich mit diesen Überlegungen beschäftigt habe und absolut bereit bin, Flexibilität, Kreativität und Einsatzbereitschaft in überdurchschnittlichem Maße unter Beweis zu stellen. Bei meinem Arbeitgeber hat es in jüngerer Zeit mehrere gravierende Veränderungen struktureller und gesellschaftsrechtlicher Art gegeben, die sicher dem einen oder anderen Arbeitgeberwechsel nahe gekommen sind. Ich bin es gewohnt, sowohl im Team auch mit jüngeren Kollegen als auch z. T. mit jüngeren Vorgesetzten harmonisch und effizient zusammenzuarbeiten.Ich bin sicher, eine fundierte Qualifikation mitzubringen, die ich zum Nutzen Ihres Unternehmens einsetzen kann.“

9. Und da der Leser natürlich vermutet, ein so alter und langjährig im Konzern tätiger Mann sei teuer, können Sie noch darunter schreiben:

„Die Frage der Höhe des Einkommens steht für mich nicht im Vordergrund, entscheidend ist die Aufgabenstellung. Ich bin sicher, dass wir eine Lösung im Rahmen Ihrer Vorstellungen finden werden.“ Von Ihnen (52) erwartet man geradezu eine Flexibilität in dieser Hinsicht.So, nun bliebe noch Ihre Frage nach Ihrem Anspruch auf Abfindung beim Verkauf. Ich weiß es nicht sicher, gehe aber davon aus, dass das alles im Verkaufsvertrag geregelt wird. Eigentlich kenne ich nur Fälle, in denen der aus Dienstzeiten herrührende Anspruch erhalten blieb. Aber das ist nicht mein Metier.

Und als abschließenden Rat: Die letztendliche Entscheidung, ob Sie nun freiwillig gehen oder nicht, treffen Sie nicht jetzt, nicht anlässlich der Bewerbung und auch nicht im Vorstellungsgespräch. Darüber entscheiden Sie, wenn Ihnen ein konkretes Angebot vorliegt.

Ihnen wünsche ich viel Glück. Und andere Leser warne ich ausdrücklich vor einer Nachahmung dieses Weges. Die Zeiten dafür sind lange vorbei.

Kurzantwort:

Nur wer die absolute Gewissheit hätte, niemals vom Arbeitsplatzverlust bedroht zu sein (z. B. jemand mit einem Vertrag auf Lebenszeit), sollte „ewig“ bei einem Arbeitgeber an einem Standort in einem Aufgabenbereich bleiben. Für alle anderen ist dieses Risiko längst nicht mehr tragbar.

Frage-Nr.: 2037
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-07-14

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