Heiko Mell

Vater, Übervater …

Ich studiere im siebten Semester Maschinenbau an der … und belege den Studienschwerpunkt Produktentwicklung. Vor dem Studium hatte ich eine Berufsausbildung abgeschlossen. Mein Praxissemester habe ich bei einem großen Konzern absolviert. Derzeit bin ich dort als Werkstudent in derselben Konstruktionsabteilung tätig.

Mein geplanter Berufsweg: ein paar Jahre technische Erfahrungen in der Konstruktion sammeln und anschließend in den Vertrieb oder ins Marketing!

Wie Sie vielleicht schon erkannt haben, sammelte ich meine bisherige Berufspraxis nur bei einer Firma. Dieses Unternehmen ist mir auch sehr sympathisch und die Kollegen wie auch die Chefs sind mir gegenüber immer freundlich. Meine Arbeit wurde immer gelobt. Ich kann mir vorstellen, nach dem Studienende sofort hier anzufangen.

Aber nun mein Problem (oder auch nicht): Am selben Konzernstandort arbeitet auch mein Vater. Er stellte auch die Kontakte für mein Praxissemester her.Mein Vater hat hier einen sehr guten Ruf, ist allerdings in einem anderen Fachbereich tätig. Ich hatte auch dort als Werkstudent arbeiten wollen. Der direkte Vorgesetzte meines Vaters hätte mich auch genommen. Doch dessen Chef legte sein Veto ein: Vater und Sohn sollen nicht in einer Abteilung arbeiten. Das ist auch für mich nachvollziehbar.

Doch wie soll ich das hinsichtlich einer späteren geplanten Karriere im Unternehmen werten? Ist es später für mich von Nachteil, dass mein Vater am selben Standort arbeitet? Oder könnte es sogar von größerem Vorteil sein? Sind für mich die Wege im Fachbereich meines Vater versperrt? Soll ich meine Karriere in einem anderen Unternehmen starten? Oder soll ich sogar schon als Werkstudent zu einem anderen Unternehmen gehen? Fragen über Fragen …

Antwort:

Sie sollten sich ab jetzt weitgehend von diesem Standort des Konzerns fernhalten. Hauptgrund meiner Empfehlung ist, dass ich Ihnen eine möglichst von Fremdeinflüssen freie Karriereentwicklung wünsche. Was Sie sich positiv erarbeiten, soll allein auf Sie und Ihre Persönlichkeit zurückgehen. Nieder­lagen, die zweifelsfrei kommen werden, sollen von Ihnen verantwortet werden. Sie sollen Chefs haben, die Ihnen wohlgesonnen sind, die Sie fördern und andere erleben, die Sie weniger ins Herz schließen. Und bei all dem sollen Sie wissen: „Das war ich, das habe ich erreicht bzw. verursacht, ich ganz allein.“ Und Sie sollen auch bei Strafen, Rückschlägen o. ä. nicht immer denken müssen: „Bin ich als Sohn meines angesehenen Vaters nachsichtiger behandelt worden als andere?“ Ihre Kollegen würden das ohnehin denken!

Nein, Sie müssen sich irgendwo als „Max Müller“ entwickeln können und nicht ständig „der Sohn vom alten Müller aus der X-Abtei­lung“ sein. Irgendwann muss der Sohn auf eigenen Füßen stehen. Die Anbahnung von Praktika und Werkstudententätigkeit durch den Vater ist noch durchaus üblich. Aber, als Faustregel, so ab Examen aufwärts ist es sehr nützlich für den Sohn, sich selbst etwas erarbeitet zu haben. Es reicht ja, wenn der Vater weiter mit Rat und Tat zur Seite steht.

Damit Sie dann für spätere Bewerbungen nicht immer nur dieses eine Unternehmen im Lebenslauf aufweisen können, sollten Sie schon als Werkstudent bei einer anderen Firma arbeiten.

Weniger kritisch wäre es zu sehen, blieben Sie zwar im Konzern, arbeiteten aber an einem anderen Standort in einem anderen Geschäftsbereich. Sogar das allerdings sollten Sie vermeiden, wäre Ihr Vater Vorstandsmitglied oder Geschäftsführer (trifft hier nicht zu).

Denken Sie stets auch an die Reaktion des Chefs des Vorgesetzten Ihres Vaters. Der Mann hat Recht (und vermutlich keinen fördernden Vater im Hause).

Frage-Nr.: 2025
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-06-02

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