Heiko Mell

Promotionsvorhaben platzen lassen?

Ich habe eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität angenommen. Aus verschiedenen Gründen, die bei meiner Einstellung für mich nicht absehbar waren, gestaltet sich das Promotionsvorhaben deutlich unerfreulicher und vor allem langwieriger als ich dachte.Sie merken, ich bin deutlich frustriert – so habe ich mir meinen Berufsanfang nicht vorgestellt, auch an der Promotion habe ich jede Lust verloren.

Ich bin derzeit dabei, mir eine andere Perspektive zu suchen. Ein Messebesuch bei den einschlägigen Anbietern hat mir gezeigt, dass ein deutlicher Bedarf an jungen Ingenieuren mit meiner Studienrichtung besteht.

Wie wirkt sich ein Wechsel nach sechs Monaten von der Universität in die Industrie aus? Welche Nachteile können sich dadurch für den gesamten Lebenslauf ergeben? Wenn man so unzufrieden ist, sollte man dann wechseln oder sich damit abfinden, dass die geplante Promotion nun mal nicht einfach ist und man zu einem einfachen, aber hoch ausgebildeten „Sklaven“ degradiert wird? Haben Sie Empfehlungen, wie man den Wechsel möglichst frei von Schäden für die Zukunft organisieren kann – vor allem vermeidet, dass man als „Jobhopper“ definiert wird?

Antwort:

Ihre Einsendung, dies als Erklärung für unsere Leser, ist im Original länger und enthält eine nachvollziehbare Begründung für Ihren Wunsch, das Vorhaben aufzugeben. Vor allem die drohende Verdoppelung der ursprünglichen Zeit, innerhalb derer Sie hätten fertig werden sollen, überzeugt dabei.

Mir fällt zu Ihrem Thema ein:

1. Selbstverständlich kann man auch als nichtpromovierter Akademiker irgendwo Vorstand oder Geschäftsführer werden, die Praxis zeigt es. Aber, das müssen Sie in Ihre Überlegungen mit einbeziehen, ohne den Dr.-Ing. schließen Sie sich von einigen Karrieren total, von anderen in nennenswertem Maße aus (z. B. FH-Professor, Forschung, z. T. auch Entwicklung in manchen Bereichen). Es ist auch denkbar, dass Sie später Probleme haben, mit promovierten Kollegen oder Chefs völlig unbefangen umzugehen (verneinen Sie das nicht jetzt schon nach kurzem Abwägen – die Gefahr ist da!).

Damit ich nicht missverstanden werde: Die Bedenken resultieren ausschließlich aus dem Status „Auch ich wollte einmal promovieren, aber mein Projekt ist geplatzt“ – davon könnte eine gewisse Empfindlichkeit zurückbleiben. Der Standard-Dipl.-Ing. ohne Promotion, der auch nie eine entsprechende Absicht hatte, ist nicht betroffen.

2. Wie ich oft propagiere, hat der junge Mensch (Berufsanfänger) eine Art „Recht auf Irrtum“ und darf auf mehr Toleranz hoffen als ein Manager von 40, dessen Lebenslauf im fortgeschrittenen Alter geplatzte Projekte oder unerfüllte Ziele aufweist.

3. Das von Betroffenen gern übersehene Hauptproblem ist nicht der Wechsel jetzt – da merken Sie ja, ob er klappt. Aber was ist, wenn Sie sechs oder achtzehn Monate nach dem Neuanfang wieder wechseln müssen, ob mit oder ohne eigene Schuld? Sie können nie völlig sicher sein, dass dies nicht geschieht – und dann wären Sie in keiner beneidenswerten Situation!

4. Jetzt, nach sechs Monaten, die Hochschule zu verlassen, ist nicht annähernd so „schlimm“ wie es die entsprechend schnelle Flucht von Siemens, DaimlerChrysler oder Bayer wäre, beispielsweise. Das sind Häuser mit dem Image von Top-Arbeitgebern – wer da scheitert, ist gebrandmarkt. Die Hoch­schule jedoch ist aus Industriesicht ein atypischer Arbeitgeber. Dort toll zurechtzukommen, beweist wenig, dort nicht glücklich zu werden, ist kein Schandfleck – dort ist eben alles anders.

5. Sie sind bei einem wichtigen, größeren Vorhaben gescheitert, das ist nun einmal so – und so etwas ist kein Ruhmesblatt. Und Sie wollten einmal Dr.-Ing. werden, was jetzt wohl endgültig nicht mehr zu realisieren ist. Den neuen (und spätere) Arbeitgeber interessieren Gründe für diese Entwicklung. Dabei sind zwei Aspekte zu beachten:

a) Die Gründe sollten sachlicher Natur sein und von der Hochschule verantwortet werden müssen. Negatives Gegenbeispiel: „Ich bin gescheitert, habe versagt, war dem nicht gewachsen“ (das schreibt niemand – das darf aber auch kein Bewerbungsempfänger denken bzw. vermuten). Dabei ist der Grundsatz zu beachten, dass man als Bewerber nichts Schlechtes über seine Arbeitgeber sagt!

b) Sie wollten Dr.-Ing. werden, sind jetzt aber dann endgültig „nur noch“ Dipl.-Ing. Es darf nicht der Eindruck entstehen, der Wunsch danach bestünde immer noch, nur an der Realisierung seien Sie gescheitert. Das wäre die Basis zu vermutender lebenslanger Frustrationen o. ä. Am besten also „… war, wie ich heute weiß, mein Wunsch zu promovieren ein Irrtum; ich sehe das Vorhaben inzwischen mit anderen Augen – und glaube auch nicht, dass ein solches Projekt für mich optimal ist. Ich bin eher praxisorientiert und brauche stärker den Bezug zur praktischen Anwendung einer Technologie“ (oder so etwas in der Art).

6. Wegen des so völlig anderen Arbeitgebertyps wirft Ihnen, wenn Sie jetzt wechseln, niemand „Jobhopperei“ vor. Das Arbeitsverhältnis an der Hochschule ist ja keine Anstellung, die mit einer bei Müller & Sohn vergleichbar wäre. Bei einem klassischen Unternehmen arbeiten Sie, um Ihren Beruf auszuüben. Heute haben Sie in den Augen der Praxis einen Job, um die Promotion durchzuziehen.

7. Nach sechs Monaten aufzuhören, ist deutlich(!) besser als nach vier Jahren ohne Doktor-Urkunde.

Fazit: Sie können den Wechsel ruhig vollziehen – sollten aber die möglichst ausgeprägte Gewissheit haben, dass im jetzt neu zu findenden Job eine mehrjährige, erfolgreiche Tätigkeit zu erwarten ist.

Kurzantwort:

Nach einigen Monaten im ersten Job lässt sich der Berufsweg des Anfängers noch relativ leicht korrigieren. Es darf nur nach einigen weiteren Monaten nicht ein neuer Wechsel ins Haus stehen.

Frage-Nr.: 2024
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-06-02

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