Heiko Mell

Sackgasse

Frage/1: Ich möchte Ihnen an dieser Stelle für Ihre Arbeit danken. Wenngleich ich mich anfangs nicht immer an Ihre Hinweise gehalten habe, so schätze ich diese doch sehr und möchte Sie jetzt um Ihre Meinung bitten.

Seit ca. drei Jahren bin ich bei einem internationalen Anlagenbau-Konzern als Inbetriebnahme- und Serviceingenieur für Prozessleittechnik beschäftigt. Zur Zeit bin ich in einer sicheren Position, aus der heraus ich nun die Weichen für meine berufliche Zukunft stellen möchte. Die Gründe dafür:

Hochbezahlte westliche Inbetriebnahmeingenieure verlieren an Boden gegenüber Asiaten u. a. Wegen der langen Zykluszeit der Objekte, für die wir Steuerungstechnik liefern, geht die technische Entwicklung in der Firma langsamer weiter als außerhalb. Ich bin jetzt Mitte 30 und komme langsam in Zugzwang, wenn ich jemals eine leitende Position erreichen möchte. Auch kann ich mir nicht vorstellen, bis zum Ende des Berufslebens in der Inbetriebnahme zu arbeiten. Wenn man zu lange dabei ist, wird diese berufliche „Welt“ zum freiwilligen Gefängnis.

Frage/2: Ich sehe mehrere Möglichkeiten für mich, zwischen denen es abzuwägen gilt:

a) Abteilungsintern wurde mir angedeutet, dass ich zum „Senior-Inbetriebnahmeinge­nieur“ vorgeschlagen werde, später könnte ich dann noch eine Art Gruppenleiter werden und Verantwortung für größere Projekte und mehrere Mitarbeiter bekommen. Das hängt aber entscheidend davon ab, ob überhaupt größere Projekte hereinkommen. Die höheren Positionen der Inbetriebnahme gehen übrigens an die auf die eigentliche Prozesstechnik spezialisierten Mitarbeiter. Ich als Elektrotechnikingenieur stehe dort vor einer mich frustrierenden unüberwindlichen Wand.

b) Konzernintern wird der Weggang aus dem Außendienst nicht wirklich gern gesehen oder gar gefördert. Es gibt (auch bei der Konkurrenz) zu wenig Außendienstingenieure mit mehr als drei Jahren Erfahrung. Der interne Stellenwechsel wird nur akzeptiert, um Mitarbeiter mit Wechselabsichten halten zu können.Ob mit einem internen Wechsel auch eine Beförderung zum Gruppen- oder Abteilungsleiter verbunden sein könnte, bezweifle ich. Daher müsste ich als Sachbearbeiter wechseln und mich dann hocharbeiten.

c) Extern ist der Arbeitsmarkt gut, z. B. bei der Konkurrenz oder bei Systemlieferanten. Auf Sachbearbeiterebene als Inbetriebnahme- oder Betriebsingenieur im bisherigen Fachgebiet wäre ich willkommen. Dass man mir jedoch direkt Leitungsverantwortung bei der ersten Stelle im neuen Unternehmen geben würde, vermute ich eher nicht (da ich keine entsprechenden Erfahrungen vorweisen kann). So würde ich Führungserfahrung wohl erst mit Ende 30, Anfang 40 sammeln können.

d) Vielleicht wäre ein Aufstieg durch Weiterbildung möglich. Für ein MBA-Studium sind meine Englischkenntnisse nicht gut genug. Bei einem Aufbaustudium, z. B. zum Wirtschaftsingenieur, gäbe es Probleme mit dem Zeitaufwand neben dem Beruf mit seinem stark schwankenden Arbeitspensum.

Das würde bedeuten: Annahme einer Sachbearbeiterposition in einer anderen Abteilung im Hause, um ein Zweitstudium durchführen zu können.

Also sehe ich mich derzeit in einer Sackgasse. Eigentlich würde ich gerne, auch aufgrund meines bisherigen Berufslebens, noch mindestens zwei Jahre bei meinem Arbeitgeber bleiben, vermisse jedoch eine Perspektive. Was würden Sie mir raten?

Antwort:

Antwort/1: Arbeiten wir Ihre Gegebenheiten einmal bis hierher ab, damit man sieht, wie sich alles entwickelt hat: Fachhochschulreife („gut“), Lehre, FH-Studium („gut“) – aber mit elf Semestern zu lang. Dann Entwicklungs- und Projektingenieur bei einem Spezialmaschinenbauer, zuständig für Hard- und Software bei Maschinensteuerungen. Dauer: zwei Jahre, Zeugnisnote: 2 – 3, Ausscheiden auf eigenen Wunsch, kein diesbezügliches Bedauern des Arbeitgebers. Also recht mäßig.

Danach: Weltreise von sechs Monaten, begründet mit „Etablierung meiner Anpassungsfähigkeit und Fähigkeit, für eine längere Periode im Ausland zu leben“. Glaubwürdigkeit der sprachlich fragwürdigen Argumentation: Null. Ich hingegen glaube, Sie hatten schon immer einen Hang in die Ferne (langes Studium?), haben sich dann „ausgetobt“ – und sich fatalerweise auch noch einen Job (heute) gesucht, der das Hobby zum Beruf macht – was man generell nicht tun soll.

Erst aber kommt noch eine Stellensuche nach der Weltreise von weiteren sechs Monaten. Darauf folgt die heutige Position.

Jetzt haben Sie Ihre ständigen Weltreisen, werden älter, sind unzufrieden und reden im Zusammenhang mit Ihrem selbstgewählten Weg vom „Gefängnis“.

Fazit bis dahin: Sie sind keiner systematischen Karriereplanung gefolgt, die auf einer klaren Zielsetzung aufgebaut hätte, sondern haben sich von eher aus dem privaten Bereich kommenden romantischen Wunschvorstellungen (weltweite Reisen) leiten lassen. Dieser Aspekt hat sich zweifach in Ihren Lebenslauf eingegraben:

1. als das eine Jahr für Weltreise + anschließende Stellensuche;

2. mit dem heutigen Job als weltweiter Inbetriebnahmeingenieur.

Und: als Sie Ihre heutige Position antraten, haben Sie ganz sicher nicht gefragt, was danach hätte kommen sollen oder auch nur können. Sie haben sich nach insgesamt einjähriger Vorbereitungszeit eine Aufgabe ausgesucht, die Ihnen heute schon sehr missfällt. Das war nicht viel und das war nicht gut.

Der berufstätige Mensch kann nicht erst alles ausprobiert haben, bevor er merkt, ob das etwas für ihn ist. Man konstruiert ja auch als Ingenieur nicht erst eine Brücke und wartet nach der Fertigstellung einmal ab, ob sie trägt. Sondern man plant vorher so lange und intensiv, bis man ziemlich sicher sein kann, wie das „Experiment“ ausgeht.

Also: Was Sie getan haben, war zwar nicht verboten, aber das Resultat müssen Sie einordnen unter „mein Fehler“. Die Weltreise zwischen zwei Jobs kann Ihnen noch viele Jahre lang Ärger bei Bewerbungen machen. Sie wirkt eben nicht so als hätte das Berufliche in Ihrem Leben Priorität genossen. Und man befürchtet: Er wird es wieder tun. Aber für den weltweiten Inbetriebnahmejob war diese Reise eine Empfehlung, das steht fest.

Antwort/2: Sie haben jetzt recht gut Ihre Situation mit allen Konsequenzen analysiert, dabei haben Sie Vor- und Nachteile der Varianten angewogen. Hätten Sie das etwa in der Mitte Ihres Studiums getan, wären Sie heute weiter!

Ihr Lebenslauf würde tatsächlich eine Stabilisierung durch ein längeres Verbleiben beim heutigen (großen) Arbeitgeber gut vertragen.

Ein schlichtes Weitermachen im heutigen Aufgabengebiet bringt im Sinne Ihrer Planungen und Empfindungen nichts: Teils fürchten Sie um die langfristigen Chancen hochbezahlter westlicher Spezialisten in dem Job, teils glauben Sie, dort den technischen Anschluss zu verlieren, teils wähnen Sie sich dabei im „Gefängnis“. Das ist ein bisschen viel Belastung für einen einzigen Job; Fazit: Sie müssen die Tätigkeit wechseln.

Konsequenz aus den beiden Überlegungen: Interner Wechsel in ein anderes, mit mehr Perspektiven ausgestattetes Tätigkeitsgebiet. Beim Wechsel desselben ist man in diesem Metier erst einmal fachlicher Neuling, kann also nicht jetzt sofort mit einer Beförderung einsteigen. Das Problem, dabei „alt“ zu werden, bleibt also bestehen.

Damit sind Ihre Punkte a + b abgehakt, c entfällt, da Sie besser mehr Dienstjahre beim heutigen Arbeitgeber sammeln sollten. Punkt d beruht auf einem Irrtum: Man wird als Akademiker nicht spontan wegen einer gerade abgeschlossenen Weiterbildung befördert, sondern letztere hilft mittelfristig bei der Erringung und/oder Bewältigung anspruchsvollerer Aufgaben. Eine Beförderung erringen Sie nicht als MBA’ler oder zusätzlicher Wirtschaftsingenieur, sondern als Person! Ich kann das auch kürzer sagen: Langes Studium + ein mäßiges Firmenzeugnis + ein Jahr halb freiwillige Weltreise, halb arbeitslos + MBA ist weniger als es ein kurzes Studium + ein gutes Firmenzeugnis + konsequenter zielstrebiger Berufsweg ohne MBA gewesen wäre. Aber was der Mensch scheinbar braucht, muss er haben.

PS. Ich bin überhaupt nicht boshaft, das liest sich nur so. Und halten Sie mir zugute, dass ich vor allem Nachahmer abschrecken will.

Kurzantwort:

Den wenigsten Menschen gelingt es, ihr Hobby zum (Angestellten-)Beruf zu machen und damit glücklich zu werden.

Frage-Nr.: 1970
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-11-04

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