Heiko Mell

Vom Global Player aufsteigen in den Mittelstand?

Ich bin seit fünf Jahren als Entwicklungsingenieur bei einem großen deutschen …hersteller tätig. Es ist mein erster Job. Meine Arbeit bereitet mir viel Freude, das Arbeitsklima in unserer Abteilung ist sehr gut und ich denke, dass auch mein Chef sehr zufrieden mit mir ist.

Vor kurzem ist nun ein guter Bekannter, den ich von einem gemeinsamen früheren Projekt her kenne, an mich herangetreten. Er bot mir an, Entwicklungsleiter in seiner eigenen Firma mit etwas über dreißig Mitarbeitern zu werden. Meine Abteilung würde z. Z. sieben Mitarbeiter umfassen, die fachliche Thematik passt.Ich bin mir nun nicht sicher, wie ich mich in dieser Angelegenheit entscheiden soll.

Für einen Wechsel spräche:eine neue, sehr reizvolle Tätigkeit mit Führungsfunktion, die ich bei meinem heutigen Arbeitgeber kurz- bis mittelfristig – realistisch gesehen – nicht einnehmen werde;- finanziell würde ich mich deutlich verbessern (monatliches Entgelt, Dienstwagen).

Dagegen spräche:- die Aufgabe eines relativ sicheren Jobs bei einem Global Player (langfristige finanzielle Sicherheit für das eigene Haus und die Familie);- die um ca. 100 km längere Anfahrt zur neuen Arbeitsstelle.

Antwort:

Jedes plötzlich hereinschneiende Angebot ist gut – für den, der es unterbreitet. Sonst täte er es nicht. Ob es auch gut ist für den, an den es gerichtet ist, muss sehr zurückhaltend gesehen werden.

Wer Lebenserfahrung hat, weiß ziemlich sicher: Wenn Ihnen gerade 100 Euro fehlen – dann kommt bestimmt niemand, der Ihnen in dem Moment diesen Betrag schenkt. Sofern Ihnen aber plötzlich jemand 100 Euro anbietet, dann fehlen Ihnen die gerade nicht besonders dringend.

Das bedeutet für Sie: Es gab bisher keinen Druck bei Ihnen, ausgerechnet jetzt ganz kurzfristig aufzusteigen und Personalverantwortung zu übernehmen. Das Angebot löst also ein Problem – das Sie gar nicht hatten!

Vielleicht sind Sie überhaupt noch nicht reif dazu, vielleicht fehlen noch fachliche Erfahrung und persönliche Stärke. Indiz dafür: Wären die da, hätten Sie schon längst etwas „werden“ wollen und mir die Frage gestellt: „Ich will befördert werden, wie stelle ich das an?“

Sie sollten wissen: Auch oder gerade in einem so kleinen Unternehmen ist Entwicklungsleiter ein durch und durch fordernder Job. Sie sind jetzt noch nicht einmal Mitte 30. Das wäre ein sehr großer Sprung in ein sehr kaltes, ungewohntes Wasser.

Dass in so kleinen Unternehmen ganz anders gedacht und gearbeitet wird als im Großkonzern, ist auch ein Thema – aber diese Umstellung würden Sie nach nur fünf Konzernjahren noch schaffen. Nur ein Zurück in die großen Konzerne gäbe es später nicht mehr!

Ihre künftigen 115 km Entfernung zur Arbeit sind unmöglich! Das frisst viel zu viel Zeit! Und seien Sie versichert: In einem so kleinen Unternehmen wird der alles bezahlen müssende Inhaber sehr schnell merken, dass er Ihnen jährlich ca. 50.000 km für tägliches Pendeln über den Dienstwagen finanzieren muss – das bedeutet allein aus diesem Grund alle zwei Jahre ein neues Auto. Mit den Dienstreisen zu den Kunden bedeutet das für Sie schnell 100.000 km/Jahr – unmöglich für Sie und unmöglich für die kleine Firma zu tragen.

Wochenendehe oder Umzug wären die allein realistischen Lösungen. Letzterer, mein ständiges Reden, gehört nahezu zwingend zur Karriere eines Akademikers.

Mit der Sicherheit ist das heute auch im Konzern so eine Sache. Aber: Wenn heute Ihr Vorstandsvorsitzender stirbt, geschieht gar nichts „da unten“ bei Ihnen. Wenn Ihr neuer Chef und Inhaber stirbt, erbt bitte wer das Unternehmen und was macht er/sie damit? Das wäre zwar ein angemessenes Risiko, wenn man Aufstieg, Gehalt + Auto dagegenstellt. Aber ein Job für Sicherheitsfanatiker ist das nicht!

Womit wir beim Kern der Geschichte, dem neuen Chef wären:

1. Man soll, so eine alte Regel, nicht als Angestellter zu Bekannten oder gar Freunden gehen. Man erwartet zu viel und wird schnell enttäuscht. Es ist besser, der Chef ist ein Fremder. Aber wenn ein Bekannter plötzlich Vorgesetzter ist, stehen Überraschungen ins Haus. Besonders dann, wenn der neue Chef auch noch Eigentümer ist.

2. Eigentümer als Chef sind ein Thema für sich (ich bin auch so einer). Sie kennen heute nur Vorgesetzte, die angestellt sind wie Sie, nur älter, erfahrener und ranghöher. Der neue Chef aber gehört einer anderen „Klasse“ an, er ist kein Angestellter. Das prägt! In welche Richtung, ist offen. Er trägt ein hohes unternehmerisches Risiko. Und er ist tüchtig, sonst wäre er pleite. Aber er kann nicht gefeuert werden, intern gibt es weder über noch unter ihm jemanden, der ihm gefährlich werden kann. Das prägt auch! So ist er an kein Organigramm, an keine Zuständigkeitsfestlegung gebunden – notfalls entscheidet er jeweils wieder neu und anders.

Man kann als Angestellter mit aktiven Inhabern sehr glücklich werden, das ist keine Frage. Aber während der „typische deutsche Konzernmanager“ als Standard durchaus in gewissen Grenzen existiert, ist jeder Eigentümer ein Individuum – mit breiten Streuungen auf der Skala möglicher Eigenschaften.

Daraus folgt: Ihre Konzernerfahrung hat Sie grundsätzlich nicht(!) auf den Umgang mit Eigentümern vorbereitet. Wer aus dem Mittelstand kommt, hat es da leichter. Besonders gilt das, wenn der neue Chef ein Bekannter ist, den Sie bisher nett und umgänglich fanden. Er kann auch als Vorgesetzter nett und umgänglich sein, aber in seiner Rolle als Inhaber vielleicht auch „schwierig“.

Dies ist, da möchte ich nicht missverstanden werden, in keiner Weise eine Warnung vor Inhabern als Chef. Aber mir wäre wohler, Sie würden dort zunächst nur Gruppenleiter in der Entwicklung und kämen heute aus dem Mittelstand. Oder Sie würden wenigstens seit drei Jahren schon Personal- bzw. Sachverantwortung tragen und der neue Chef wäre Ihnen fremd. So aber hätten Sie mehrere Ihnen völlig unbekannte „Kriegsschauplätze“ gleichzeitig vor sich, auf denen Sie sich bewähren müssten. Und Sie wollen den Preis (Umzug) nicht zahlen. Und Sie wollten jetzt gar nicht aufsteigen, das Angebot kam so nur zufällig als große Versuchung „über Sie“.

Nein, die Sache ist reizvoll, aber gefährlich und passt nicht in Ihre bisherige Planung (die wiederum wohl ganz gut zu Ihrer Persönlichkeit gepasst hatte, vermute ich).

Kurzantwort:

1. Ein hoher Prozentsatz aller beruflichen Probleme beginnt mit der Aussage des Betroffenen: „Und dann bekam ich ein Angebot von draußen.“

2. Man soll nicht zu einem Bekannten gehen, der dann Vorgesetzter wird.

3. Der Wechsel von einem großen Konzern in ein kleines Privatunternehmen ist ein sehr großer Schritt.

4. Alle Versuchungen sind reizvoll – sonst wären sie keine – in jedem Widerstehen liegt auch ein Hauch von Bedauern.

Frage-Nr.: 1967
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-10-28

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