Heiko Mell

Woher soll ich wissen, dass ich etwas nicht will …

Ich bin in der zweiten Hälfte meines dritten Lebensjahrzehnts (die komplizierte Umschreibung ist durch meine Anonymisierung entstanden, d. Autor) und seit mehreren Jahren als Projektleiter im Bereich Maschinen- und Anlagenbau tätig. Dabei ist man mit den verschiedensten Aufgaben befasst, die mal mehr in den einen Bereich, z. B. Entwicklung oder Produktion, mal mehr in den Bereich Vertrieb fallen. In allen diesen Bereichen ergeben sich interessante Aufgaben.

Nun sind Stellenausschreibungen ja konkret auf eine ganz bestimmte Aufgabe hin zugeschnitten – aber teilweise findet man ja auch gleich zwei oder drei Stellenausschreibungen eines interessanten Unternehmens. Für mich wäre es dabei im Grunde genommen zweitrangig, ob ich z. B. als Projektleiter, Vertriebsingenieur oder auch in der Entwicklung oder der Produktion arbeiten würde. Aber man hat ja selber ein ungutes Gefühl, sich derart unspezifisch zu bewerben.Dabei bin ich, vielleicht naiv, eigentlich der Meinung, dass zwar jede Position ihre spezifischen Anforderungen hat, aber es doch vor allem darauf ankommt, mit welcher Methodik und Einstellung und Denkweise man die täglichen Aufgaben im Sinne des Unternehmens bzw. der Kunden erfüllt.

Ist es sinnvoll, eine Bewerbung so unspezifisch (pauschal auf mehrere Positionen gerichtet) zu halten, weil das den Eindruck erweckt, dass man nicht weiß, was man will? Woher soll ich wissen, dass ich etwas nicht will, wenn ich es noch nicht getan habe, aber die Aufgabe an sich reizvoll finde?

Ich kann mir jedenfalls genauso interessante Tätigkeiten in der Produktion oder Entwicklung wie auch in der Projektleitung oder im Vertrieb vorstellen. Und der Leser einer Bewerbung weiß doch besser, welche Funktionen im Unternehmen vielleicht noch zu besetzen sind außer dieser gerade heute ausgeschriebenen Position.

Ich finde es irgendwie albern, sich und dem potenziellen Arbeitgeber einzureden, dass genau diese eine und keine andere Aufgabe einzig seligmachend ist. Man hat als Mensch und Ingenieur doch vielseitige Fähigkeiten und Interessen oder ist das kategorisch unerwünscht? Um nicht missverstanden zu werden: Dahinter steckt nicht der Wunsch, egal wie einfach nur seine Brötchen irgendwie zu erwerben. Im Gegenteil, wenn die Arbeit Spaß machen und erfolgreich sein soll, dann ist sie auch nicht egal.

Antwort:

Sie werden bestimmt nicht der einzige Leser sein, der solchen Gedanken nachhängt, dies als Trost. Es klingt ja auch vieles ganz überzeugend, was Sie schreiben. Ich glaube aber, dass es so nicht geht. Nun muss ich das nur noch begründen:

1. Ich bin irgendwann auf die verrückte Idee gekommen, die Kontaktanbahnung einschließlich des ganzen Bewerbungsprozesses zu vergleichen mit der Kontaktanbahnung zu Partnern des anderen Geschlechts. Da gibt es tatsächlich viele Gemeinsamkeiten, insbesondere was fehlende Logik, unübersehbare Unzulänglichkeiten des Verfahrens oder nur auf der emotionalen Schiene verständliche Merkwürdigkeiten angeht.

Da läuft also ein junger Mann durch – sagen wir – Köln und trifft irgendwann eine große blonde Traumfrau, lernt sie näher kennen, bleibt bei ihr. Wenn er eines Tages wieder klar denkt, sagt er sich: Zwar wären keinesfalls alternativ alle anderen auch in Frage gekommen. Aber, realistisch gesehen, wenn er zum richtigen Zeitpunkt die richtige kleine Schwarzhaarige mit den gewünschten persönlichen und anderen Attributen getroffen hätte, wäre auch diese Verbindung möglich gewesen. Und selbst wenn es denn unbedingt „groß + blond“ sein muss: Wer garantiert denn, dass von den Vertreterinnen dieses Typs aus Regensburg oder Leipzig eine nicht noch viel besser gepasst hätte und dass mit jener nicht eine noch viel glücklichere Verbindung entstanden wäre? Aber damit muss man leben.

Dieses Prinzip, sich entscheiden zu müssen, ohne „alles“ kennen gelernt zu haben, gilt auch, wenn Sie eine Wohnung oder ein Haus auswählen und bei vielen anderen Entscheidungen im täglichen Leben ebenso. Es ist unvollkommen, aber praktikabel.

Als Test könnte unser junger Beispielmann ja auf eine Gruppe von drei jungen Damen zugehen, die alle aus seiner Sicht passabel aussehen und das Ansinnen stellen, er möchte sich gleich parallel bei allen bewerben, sie sollten ihn doch gemeinsam testen und anschließend wisse man, zu welcher er am besten passe. Und wenn eine etwas skeptisch schauen sollte, dann könnte er ja argumentieren: „Wie soll ich wissen, dass ich etwas nicht will, wenn ich es noch nicht getan habe, aber die Aufgabe an sich reizvoll finde?“ Das ginge alles nur, wenn er die Kandidatinnen nacheinander beglückte und dabei kennen lernte – aber am besten in drei verschiedenen Aktionen bei Damen, die einander nicht kennen. Und wenn er während des Prozesses jeweils verdeutlichte, genau diese Kandidatin sei sein Traum (und eher nicht laut verkündete, neben ihr kämen auch noch ganz andere in Frage).

Ich habe nicht gesagt, alle diese Spielregeln seien jeweils rational erklärbar, aber so sind sie nun einmal.

2. Die zentrale innerbetriebliche Institution, die alle denkbaren Positionen im Unternehmen kennt, die bei solchen Bewerbungen pauschaler Art zentral entscheidet, wo der Kandidat besser hinpasst und den Vorgang in diesem Sinne steuert, gibt es meist gar nicht.

Die eigentliche Entscheidung über eine Bewerbung, über die Einladung zur Vorstellung oder gar über die spätere Einstellung trifft der jeweilige Fachvorgesetzte, also der Vertriebsleiter für den Vertrieb, der Entwicklungsleiter für die Entwicklung usw. Die Personalabteilung koordiniert und begleitet den Prozess, sie erbringt Serviceleistungen für die Fachabteilungen.

Problemarm ist die Bewerbung eines Projektleiters, der erklärt, er wolle jetzt in den Vertrieb. Den legt die Personalabteilung, nachdem sie u. a. eine Eingangsbestätigung geschrieben hat, dem Vertriebsleiter vor. Der trifft eine Entscheidung, die führt das Personalwesen dann aus. Später nimmt ggf. einer ihrer Mitarbeiter am Vorstellungsgespräch teil und hat dort beratende Funktion.

Problemreicher ist die Bewerbung eines Kandidaten, der da schreibt, er wolle dies oder das oder jenes. Welchem Abteilungsleiter legt die Personalabteilung nun die Bewerbung vor – oder welchem zuerst?

Die Unterlagen zu vervielfältigen, ist aufwändig und nicht empfehlenswert. Dann bekommen zwar alle drei Abteilungsleiter die Bewerbung gleichzeitig, aber: A braucht vier Wochen für die Auswahl. Bis er sich entschieden hat, ist dieser Bewerber durch B schon eingeladen worden. A ärgert sich, gibt diese Kritik an die Personalabteilung weiter, dann ärgert die sich – und beschließt: Nie wieder beschäftigen wir uns mit Bewerbern, die nicht wissen, was sie wollen.

Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, der Personalleiter müsste sich in solch einem Fall mit allen drei Abteilungen an einen Tisch setzen, gemeinsam eine Auswahl treffen und am besten ein gemeinsames Vorstellungsgespräch mit allen drei möglichen Chefs arrangieren. Das klappt aus verschiedenen Gründen nie, schon weil der Aufwand unvertretbar hoch wäre.

3. Auch psychologisch hat die „Schrotschuss-Bewerbung“ ihre Tücken. Jeder betroffene Abteilungsleiter sieht etwas missmutig, dass der Kandidat nicht vorrangig zu ihm, sondern nur „unter Umständen eventuell auch“ zu ihm möchte. Das bremst seine Begeisterung und reduziert in seinen Augen die Erfolgschancen seiner möglichen Bemühungen um diesen Bewerber. Also zuckt er die Schultern.

4. Jeder Fachvorgesetzte ist ganz wild auf Bewerber, die genau auf das Gebiet spezialisiert sind, dort „hauptamtlich“ gearbeitet haben und möglichst noch heute arbeiten, um das es bei ihm geht. Ein „Schrotschuss-Be­werber“ erfüllt das nicht! Er hat vertriebsnah gearbeitet – aber nicht verkauft. Er war entwicklungsnah tätig – hat aber nicht konstruiert. Und so weiter. So furchtbar interessant ist er also für keinen der drei Abteilungsleiter!

5. Entwicklung, Produktion und Vertrieb als „hauptamtliche“ Tätigkeiten unterscheiden sind in den Details der Tätigkeit erheblich, im Anforderungsprofil an den idealen Stelleninhaber sehr erheblich! Als pauschales, natürlich nicht immer und überall passendes Bild:

Der Entwickler geht tief in die sachlich-tech­nischen Details hinein. Er hat – und braucht – sehr fundierte technische Fachkenntnisse; oft hat er eine gewisse „tüftlerische“ Ader, er geht den Dingen auf den Grund, ist sorgfältig auch in Kleinigkeiten -schließlich kann ein Auto für 100.000 EUR stehen bleiben, weil ein Kabel für 5 Cent bricht o. ä. Oft ist er eher intro- als extravertiert. Meist hat er gute bis sehr gute Studiennoten.

Der Vertriebsmann muss nach außen gerichtet sein – kontaktstark, extravertiert. Meist steht er etwas souverän über den Details. Er liebt den Kontakt mit seinen Kunden – und geht noch freundlich auf sie ein, wenn sie Unsinn reden oder bösartige Forderungen stellen. Er neigt gegenüber Kunden zu Versprechungen, die Entwicklung und Produktion seines Hauses nur zähneknirschend halten können. Sehr oft hat er durchschnittliche Studiennoten.

Schenken wir uns die „handfeste“, auf Stückzahlen, Qualität und Fertigungskosten ausgerichtete Produktion im Detail, die dann auch noch mit der Führung gewerblichen Personals verbunden ist: Sie ist wiederum „anders“.

In der Praxis nimmt die Entwicklungsabteilung sehr ungern Kandidaten aus dem Vertrieb, dafür gehen Entwickler ebenso ungern in den Sales-Bereich.

Fazit: Schnittstellenfunktionen sind gefährlich. Man schnuppert überall hinein – und denkt, man könne das alles eigentlich auch. Es gibt aber nur wenige „Universalgenies“, die auch im Detail mit Spezialisten ihres jeweiligen Fachs mithalten können. Auch Beförderungen sind in den einzelnen „Linien“ leichter zu erreichen. Sie, geehrter Einsender, werden noch etwas „tiefer graben“ und sich dann vorher entscheiden müssen.

Kurzantwort:

1. Projektleiter u. ä. kommen leicht auf den Gedanken, sie könnten eigentlich jene Funktionen, die von den ihnen zugeordneten unterschiedlichen Fachspezialisten wahrgenommen werden, auch übernehmen. Dabei unterscheiden sich die Anforderungsprofile der Tätigkeiten oft erheblich und Universalgenies sind selten.

2. „Schrotschuss-Bewerbungen“ („Ich interessiere mich für … oder … oder …“) sind nicht optimal. Die Einstellung, man müsse alles ausprobiert haben, bevor man sich entscheide, ist lebensfremd.

Frage-Nr.: 1964
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-10-14

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