Heiko Mell

Wenn das Studium nicht zur Branche passt

Ich bin promovierter Dipl.-Bauingenieur und seit kurzem als Projektleiter im Bereich Bauwerkserhaltung und Instandsetzung in einem größeren Ingenieurbüro tätig.

Mit meiner jetzigen Situation bin ich nicht besonders glücklich, da es kaum Entwicklungsmöglichkeiten gibt, ein Aufstieg ist nahezu nicht möglich. Nun habe ich Bedenken, dass ich meine Zeit vergeude und ich nichts für meine persönliche Weiterentwicklung tun kann.

Ist ein Branchenwechsel mit meinen Qualifikationen möglich oder empfiehlt es sich, in der z. Z. doch sehr gebeutelten Baubranche zu bleiben? Ich könnte mir durchaus auch eine Tätigkeit in einer anderen Branche vorstellen.

Antwort:

Zunächst die Fakten: Ihre Promotion liegt noch kein Jahr zurück, danach waren Sie erst einmal einige Monate arbeitslos und sind jetzt seit einigen Monaten in Ihrer ersten „richtigen“ Position nach der Ausbildungsphase.

Natürlich verstehe ich Ihre Enttäuschung darüber, dass Ihre tägliche Arbeit ganz sicher nicht auf dem wissenschaftlich-theoretischen Anforderungsniveau liegt, das Sie aus dem Studium und/oder der Promotion gewohnt waren. Als Trost: Ein großer Teil dieser Enttäuschung ist normal, quasi systemimmanent. Anders wäre es gewesen, hätten Sie z. B. eine Position in einer technischen Stabsabteilung eines großen Bau- oder Baustoffkonzerns bekommen. Aber das haben Sie nicht.

Ihre Branche ist „gebeutelt“, Sie wollten unbedingt Bauingenieur werden – es war Ihr Risiko. Marktwirtschaft ist so. Natürlich konnten Sie das alles bei Studienbeginn kaum wissen – aber auch dafür gewährt das System keinen „Rabatt“. Seien Sie zunächst einmal froh, diesen Job zu haben und tun Sie vor allem nicht Unüberlegtes. Die von Ihnen jetzt bei diesem Arbeitgeber erzielte Dienstzeit steht lebenslang „wie in Stein gemeißelt“ in Ihrem Lebenslauf; zwei Jahre sollten es schon werden. Und Aufstiegsmöglichkeiten, „Perspektiven“ o. ä. erschließt man sich generell frü­hestens nach zwei bis fünf Jahren erfolgreicher Tätigkeit in der Startposition.

Zum Branchenwechsel: Was Sie vorhaben, ist mehr als das, der Begriff greift zu kurz. Ein klassischer Branchenwechsel im Sinne einer Berufsweggestaltung liegt vor, wenn ein Maschinenbau-Ingenieur vom Sondermaschinenbau (in den er gut hineinpasst) zur Kfz-Zulieferindustrie wechselt (in die er grundsätzlich ebenso gut hineinpasst).

Schon ein solcher klassischer Branchenwechsel ist schwierig! Sie nun sind Bauingenieur und heute in der Baubranche tätig. Wenn Sie in einen anderen Industriezweig wechseln möchten, stoßen Sie zusätzlich auf das Problem, dass Ihre Ausbildung nicht passt – und Ihre heutige Tätigkeit auch nicht. Das wird also sehr schwierig!

Ich sehe folgende Möglichkeiten für Sie (wobei diese Aufzählung keineswegs vollständig sein muss):

1. Sie wechseln in Branchenbereiche, in denen zumindest das Wort „Bau“ noch vorkommt. Beispiele: Bauzulieferer, Baustoffindustrie, Baumaschinen, ggf. Stahlbau etc. Dort haben Sie wenigstens noch etwas „Stallgeruch“.

2. Größere Industriebetriebe haben eigene Bauabteilungen, die auch Bauingenieure beschäftigen.

3. Es gibt Verbände, Vereine, Forschungsinstitute etc., die auch oder überwiegend Bauingenieure beschäftigen.

4. Ganz speziell auf Ihre Situation zugeschnitten: Ihr Lebenslauf weist in der Zeit zwischen Studium und Promotion die Tätigkeit in einem Ingenieurbüro aus, das im Bereich der Automobilindustrie(!) tätig ist. Sie waren dort Projektingenieur. Können Sie da nicht wieder anknüpfen? Es muss ja nicht derselbe Arbeitgeber sein.

Generell gilt: Stellen Sie sich vor, ein Maschinenbau- oder Elektroingenieur wollte in den Baubetrieb oder die Tragwerksplanung in der Bauwirtschaft hineinwechseln. So schwer wie der es hätte, haben Sie es umgekehrt in vielen Fällen auch. Keinesfalls dürfen Sie damit rechnen, dass eine fremde Branche Ihnen in dem neuen Metier sofort eine Ihrer wissenschaftlichen Qualifikation angemessene Tätigkeit überträgt und damit Ihr heutiges Problem löst! Sie müssten ziemlich weit unten anfangen und sich immer wieder neu bewähren. Und bei der nächsten Bewerbung in einigen Jahren würden Sie diese Probleme immer noch begleiten, sie schwächen sich dann aber mehr und mehr ab.

Frage-Nr.: 1962
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-10-07

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