Heiko Mell

Das Fachgebiet wechseln oder „Schuster bleib bei deinem Leisten“?

Ich bin 30; nach dem Universitätsabschluss bin ich seit fünf Jahren in einem Unternehmen tätig, das ein ganz bestimmtes Produkt produziert und vermarktet. Ich bin Sachbearbeiter in der Technischen Planung, mit meinem Arbeitsumfeld gut vertraut, mein Interesse gilt auch weiterhin einer Fachlaufbahn.

Unser Produkt kann die konzerninternen Renditevorgaben in keiner Weise erfüllen. Daher soll der Bereich verkauft bzw. aufgelöst werden. Anderen Unternehmen mit vergleichbarem Produkt ist es bereits ähnlich ergangen.Ich bin jetzt von dem Konkurrenzunternehmen A, das sich nach vorangegangenen Schwierigkeiten wieder auf dem Markt positioniert hat, umworben worden. Meine eingehenden, produktspezifischen Fachkenntnisse würden dort sehr geschätzt und ich sehe Aufstiegsmöglichkeiten. Ich befürchte allerdings, dass es diesem Unternehmen in wenigen Jahren genau so schlecht geht wie meinem jetzigen Arbeitgeber (warum sollte es dort anders sein!).

Ein anders ausgerichtetes Unternehmen B hat mir ebenfalls ein attraktives Angebot unterbreitet. Zwar wäre ich dort nicht der heiß umworbene Fachmann für ein bestimmtes Produkt, aber ich wäre in eine fachlich starke Abteilung eingebunden, allerdings müsste ich auf meine noch größtenteils vorhandenen Studium- und Praktika-Kenntnisse zurückgreifen.Ich zweifle nun, welchem Unternehmen ich den Vorzug geben soll:

1. Im Unternehmen A wäre ich der Fachmann, hätte mich dann aber endgültig auf ein sehr spezielles Produkt fixiert. In späteren (von mir für wahrscheinlich gehaltenen) Krisenzeiten wäre ein Wechsel zu einem Unternehmen wie B dann vielleicht aus fachlichen Gründen ausgeschlossen.

2. Im Unternehmen B wäre ich ein Neuling in diesem anderen Fachgebiet. Ich könnte mich auf meine Kenntnisse aus Studienzeiten besinnen und würde mir Methoden erarbeiten, die es mir ermöglichen, später auch in anderen Unternehmen unterzukommen (von denen es einfach mehrere gibt). Unter Umständen benötige ich für einen Aufstieg längere Zeit, schon wegen der Einarbeitung in den ersten Jahren. Gelingt mir der Einsteig hier nicht, hätte ich immer noch spätere Perspektiven bei einem Unternehmen wie A.

Antwort:

Nach fünf Jahren in einem Metier gilt man als Fachmann, der dann nur noch relativ wenig an Erfahrung hinzuerwirbt. Sagen wir es so: Bis dahin steht der Erfahrungszuwachs in einem vernünftigen Verhältnis zur dafür „verbrauchten“ Zeit, danach nicht mehr.

Aber alle diese Top-Fachleute verstanden vor fünf Jahren gar nichts von ihrem Metier. Man kann also alles lernen. Das mag beim Anfänger länger dauern, geht aber bei berufserfahrenen Leuten auch mit „falscher“ Praxis deutlich schneller. Dies als Hintergrund meines Rates:Ich meine, Sie sollten Ihre Bedenken gegen die Zukunftschancen des heute von Ihnen sowie von A betreuten Produkts sehr ernst nehmen. Ein Angestellter lebt von der Sicherheit, nicht nur jetzt einen Arbeitsplatz zu haben, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit jederzeit anderswo einen ähnlichen zu finden. Da Sie nie wissen können, wie viele Angestellte Ihres Zuschnitts (Branche, Tätigkeit) jeweils in Deutschland tätig sind, sollten Sie wenigstens danach streben, einen Job zu tun, von dem es viele im Lande gibt.

Nehmen wir an, es gäbe jeweils zehn Suchende pro Jahr pro zu besetzender Stelle:Gibt es auf Ihrem Gebiet jetzt tatsächlich nur zehn Mitarbeiter und nur eine offene Stelle pro Jahr, dann haben Sie extrem schwache Chancen. Wenn es bei diesem einen Fall(!) nicht klappt, ist Schluss für die nächsten zwölf Monate.

Sind Sie aber einer von 1.000 suchenden Mitarbeitern auf einem Gebiet, auf dem es 100 offene Stellen pro Jahr gibt, ist Ihre Chance rein statistisch ebenso schlecht – in Wirk­lichkeit aber sehr viel besser. 100 offene Stellen pro Jahr bedeuten 100 Anzeigen mit 100 Chancen, sich durchzusetzen. Sie können Bewerbungsvarianten ausprobieren, andere Argumentationen durchspielen, andere Gehaltswünsche angeben etc. Wer an 100 Bewerbungsfällen innerhalb eines Jahres teilnimmt und nie einen Job bekommt, macht etwas falsch! Vielleicht hat er den falschen Beruf, strebt nach dem falschen Ziel oder setzt auf die falschen Argumente.

Sie dürfen dem Beispiel übrigens nicht nur rein rechnerisch zu Leibe rücken, dann verzweifeln Sie: Es würden sich 1.000 Kandidaten um die 1. offene Stelle bemühen – 999 davon bekämen eine Absage. Das Risiko, dabei zu sein, wäre enorm groß. Und auch um die letzte zu besetzende Position würden sich immer noch 901 Kandidaten bewerben. In der Praxis läuft das so nicht: Bei der ersten Ausschreibung wissen 400 Kandidaten noch nicht, dass sie in diesem Jahr wechseln wollen. 200 sind noch im Winterurlaub, 200 gefällt der Ort nicht, 100 sagt die Tätigkeit mit genau diesen Details nicht zu, 50 kommen an diesem Wochenende nicht zum Lesen der Stellenangebote – die restlichen 50 bewerben sich. Und so ist es bei den anderen 99 Ausschreibungen auch. Weil es Menschen sind, ist hier mehr im Spiel als rein statistische Größen.

Auf dieser Basis konkret zu Ihren Fragen:

Zu 1: Ich kann Ihre Vorbehalte voll bestätigen. Auch, soweit es um spätere Wechselchancen in Richtung B geht! Wenn Sie jetzt zu einem Unternehmen (A) gehen, bei dem alles Ihrem heutigen Arbeitgeber gleicht (Branche, Produkt, Tätigkeit), dann festigen Sie diese Ausrichtung in den Augen künftiger Bewerbungsleser, ein Wechsel in einen anderen Bereich wird dann kaum noch möglich sein (Sie hätten dann etwa zehn statt heute fünf Jahre in der aus Sicht des Bewerbungslesers „falschen“ Richtung verbracht).

Zu 2: Sie sind der Typ des Fachmannes, der sich dort sicher fühlt, wo er das Metier auf der Basis umfassender Erfahrungen beherrscht. Dementsprechend machen Sie sich Sorgen, dass Sie scheitern könnten, wenn Sie in einem Gebiet fremd sind. Die Analyse von Lebensläufen zeigt jedoch, dass diverse Angestellte z. T. recht abrupte sachliche Wechsel des Aufgabengebietes, der Branche, des Firmentyps durchgeführt haben – und damit offensichtlich gut zurechtgekommen sind. Das Problem dabei ist, dass der rote Faden verloren geht, dass ein plötzlich erforderlich werdender weiterer Wechsel nach nur kurzer Beschäftigungszeit im neuen Job zusätzliche Fragen aufwirft und dass als Bewerber grundsätzlich begehrt ist, wer genau das schon gemacht hat, was in der neuen Position ansteht. Viele Unternehmen geben solchen Bewerbern, die in eine neue Dimension oder berufliche Umwelt eintauchen wollten, erst gar keine Chance. Wenn Ihnen aber ein Unternehmen einen solchen fachlichen Sprung anbietet und Sie zugreifen, ist übergroße Sorge um ein mögliches Scheitern unangebracht. Also auf zu B.

Kurzantwort:

Ein Angestellter muss jederzeit bemüht sein, möglichst viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Es ist für ihn grundsätzlich empfehlenswert, eine Qualifikation zu haben, die oft nachgefragt wird. Das gilt auch dann, wenn es viele Angestellte mit vergleichbarer Qualifikati­on geben sollte: Viele passende Anzeigen bedeuten stets auch viele Chancen.

Frage-Nr.: 1958
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-09-23

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