Heiko Mell

Das insolvenzbedrohte Unternehmen verlassen?

Ich hatte mein FH-Studium mit guten Noten in relativ „jungen“ Jahren abgeschlossen, bin jetzt in der zweiten Hälfte der Zwanziger und seit einigen Jahren in der Entwicklung eines bedeutenden Unternehmens mit mehreren tausend Beschäftigten tätig. (Anmerkung des Autors: Die etwas kompliziert klingenden Angaben resultieren aus meinem Bemühen, den Einsender nicht erkennbar werden zu lassen und dennoch den Lesern die für ein Verständnis der Zusammenhänge wichtigen Informationen zu geben. Im Original sind hier – wie fast immer – konkrete, leichter verständliche Daten aufgeführt.)

Meine Hauptaufgaben liegen im Projektbereich, ich habe auch schon Projekte geleitet, derzeit bin ich Teilprojektleiter für mein Fachgebiet in einem größeren Kundenprojekt. Mittelfristig habe ich gute Aussichten, eine Projektleitung zu übernehmen.

Nun zu meinen Problemen:

1. Bei meinem Arbeitgeber gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Umstrukturierungen und Einsparungen, dadurch wurde immer mehr Arbeit auf weniger Mitarbeiter verteilt. Deshalb kommen üblicherweise immer wieder neue Aufgaben hinzu, während die alten unverändert bleiben.

2. Es besteht ein fast dauerhafter Einstellungsstopp, der nur sporadisch aufgehoben wird, wenn akut Kundenprojekte zu scheitern drohen. Bisher war es dann immer so, dass eine schnelle und kostengünstige Stellenbesetzung im Vordergrund stand: Der Einstellstopp könnte ja jeden Tag wieder in Kraft gesetzt werden. Resultat ist, dass sich die Bewerber bei den Aufgaben die Rosinen aus dem Kuchen picken können, egal ob sie qualifiziert sind oder nicht. Für den angestammten Mitarbeiter bleibt dann nur der Rest – auch wenn der z. B. bereits Projektleiterpositionen innehatte und die deutlich bessere Qualifikation vorweisen kann. Man wird dann auf die „nächste Gelegenheit“ verwiesen und auf die personelle Engpasssituation aufmerksam gemacht.

3. Ich habe versucht, innerhalb des Unternehmens an einer zu meinem Aufgabengebiet passenden Fortbildung teilzunehmen. Mein Interesse wurde wohlwollend begrüßt, aber ich wurde vertröstet. Dann habe ich mich privat zu einem sehr anspruchsvollen Fernstudium angemeldet und dies meinem Vorgesetzten mitgeteilt. Das wurde ebenfalls nur wohlwollend zu Kenntnis genommen. Meine Nachfrage, ob sich das Unternehmen in Form von Bildungsfreistellung zu den erforderlichen Präsenzterminen dieses Studiums beteiligt, wurde an die Personalabteilung weitergeleitet und von dort verneint.

4. Nach etwa zweieinhalbjähriger Unternehmenszugehörigkeit hatte ich meinen Vorgesetzten auf eine Gehaltserhöhung angesprochen. Ich bekam schließlich tatsächlich 20 EUR brutto monatlich!

5. Aufgrund verschiedener unternehmenspolitischer Maßnahmen ist unser Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Nach der Ankündigung von Produktionsverlagerungen ins Ausland werden jetzt Einschnitte bei Lohn und Gehalt sowie Urlaubskürzungen und Arbeitszeitverlängerungen diskutiert.

6. Aufgrund der personellen Engpässe und auch der finanziellen Einschränkungen muss in allen Bereichen improvisiert werden, auch dadurch sind Projektziele nicht oder nur mit unangemessenem Aufwand erreichbar.

7. Mein Zweispalt sieht folgendermaßen aus: Theoretisch habe ich Aufstiegsmöglichkeiten bei meinem jetzigen Arbeitgeber. Ich arbeite in einem internationalen Projekt, habe eine verantwortungsvolle Position und eine Perspektive.Allerdings stehen dem eine schlechte wirtschaftliche Situation, eine schlechte Erfahrung aus der Vergangenheit (ich hatte bereits eine Projektleiterposition, bis kurzfristig der Einstellstopp aufgehoben wurde und sich ein externer Bewerber erfolgreich um diese Position bemühte), düstere Aussichten für meine finanzielle Entwicklung und ein Horrorszenario zwischen Gehaltseinbußen bis hin zur Insolvenz entgegen.

Zusätzlich habe ich (verh., 2 K.) ein Eigenheim erworben. Zusammen mit dem Fernstudium bedeutet dies eine gewisse finanzielle Abhängigkeit. Außerdem bin ich deshalb stark ortsgebunden und für einen neuen Arbeitgeber vielleicht wegen der zeitlichen Verpflichtungen für mein Studium weniger interessant.

Eigentlich hatte ich geplant, mich nach meinem Fernstudium umzuorientieren, da ich dann meine Chancen auf eine Projektleiterstelle o.ä. besser einschätzen würde. Die Entwicklungen der letzten Monate sagen mir allerdings, dass ich mich nach einer neuen Stelle umsehen sollte.

Antwort:

Ich will versuchen, die einzelnen Punkte der Reihe nach „aufzudröseln“. Fest steht, dass sich bei Ihnen ein erhebliches Frustrationspaket angesammelt hat. Aber Ihr Fall steht in vielen Details auch für die Situation anderer Leser.

Drei Aspekte vorab:

a) Eine gewisse Grundenttäuschung nach zwei, drei Jahren Berufstätigkeit ist normal. Der durch sein Studium mit Erwartungen vollgestopfte, altersbedingt noch zu idealistischen Erwartungen neigende junge Mensch wird mit der harten Realität „da draußen“ ebenso konfrontiert wie mit der Erkenntnis, dass er Teil eines von Menschen für Menschen gemachten Systems ist. Ein Standardfehler in dieser Situation: Er denkt, „das alles“ könne nur an diesem „Laden“ liegen, in dem er arbeitet, die angestrebte Glückseligkeit warte vermutlich in einem anderen Unternehmen. Zwei, drei Arbeitgeberwechsel später sieht er dann, dass er nicht ein besonders schlimmes Unternehmen kennen gelernt hatte, sondern „die Praxis schlechthin“. Oft stellt er fest, dass es anderswo noch schlimmer ist – und dass er damals hätte länger durchhalten sollen.

Übrigens besteht ein Ziel dieser Serie darin, diesen Praxisschock durch umfassende Information zu mildern. Eine amüsante Information am Rande: Diese „Karriereberatung“ begann, als Sie lesen lernten, die Vorgängerreihe von mir in dieser Zeitung („Der Personalberater rät“) hat etwa zu Ihrer Kindergartenzeit Aufklärungsarbeit geleistet. Was das beweist? Dass ich älter werde, sonst wenig. Immerhin kündigen Sie nicht einfach, sondern listen alles sorgfältig auf – und fragen vorher. Vielleicht habe ich ja doch etwas erreicht in den vielen Jahren – lassen Sie mir die Illusion.

b) Aus den Details Ihres von mir in diesem Bereich etwas verfremdeten Briefes geht hervor, dass Sie mit hoher Sicherheit aus einem nichtakademischen Elternhaus kommen. Es zeigt sich, dass gerade intelligente, ehrgeizige Kinder mit dieser Herkunft dazu neigen, Ausbildungsfragen überzubewerten (einschließlich Zweitstudien oder sonstiger Fortbildung) und sehr(!) hohe Ansprüche an das Leben eines Dipl.-XX im beruflichen Bereich zu stellen. Wenn der Vater Landgerichtsdirektor, die Mutter Klinikärztin, ein Onkel Dipl.-Kfm. und Manager in der Wirtschaft sind, bekommt man schon als Kind weniger Illusionen über das berufliche Tun im akademischen Umfeld vermittelt und geht mit weniger hohen Erwartungen an die Dinge heran.

c) Sehr, sehr vielen Unternehmen geht es derzeit wirtschaftlich nicht gut. Da Gewinne sein müssen(!), sonst würden Unternehmer oder Gesellschafter ihr Geld besser anderweitig anlegen, führt diese Situation nahezu überall zu Begleiterscheinungen, die für die Angestellten äußerst unschön bis belastend sind. Viele ehemalige Mitarbeiter sind bereits „draußen“, also arbeitslos, ein großer Teil davon wäre froh, Ihren Job und Ihre Probleme zu haben. Das mindert nicht Ihr gutes Recht, Ihrerseits Anstoß an vielem zu nehmen, soll Ihnen aber helfen, die Dinge im Gesamtzusammenhang gelassener zu betrachten.

So, geehrter Einsender, nun ziehen Sie wegen der Argumente a – c erst einmal einen erheblichen zweistelligen Prozentsatz von Ihrer generell durchaus verständlichen Frustration ab. Und wir widmen uns den übrigen Details:

Zu 1: Sie sagen nicht, Sie hätten unzumutbar viel zu tun! Sie sagen nur, es sei mehr als vorher. Es wäre also demnach möglich, dass Sie das heutige Arbeitspensum als ziemlich normal eingestuft hätten, wäre es von Anfang an so groß gewesen. Der Mensch hat eine fatale Eigenschaft: Er beurteilt alles relativ – und lehnt sich gegen jede Verschlechterung auf, selbst wenn danach immer noch eine absolut gesehen tragbare Lage besteht. Gibt man Mitarbeitern eine Gehaltserhöhung von 7 % und zieht im nächsten Jahr 2 % wieder ab: Widerstand, Aufregung, Streikdrohung etc. Gibt man ihnen jedoch im ersten Jahr nur 3 % + und im zweiten Jahr noch einmal 2 %, sind sie glücklich – bei (fast) identischen Endsummen. Versuchen Sie, sich von diesen Denkstrukturen etwas zu lösen. Jeder Selbstständige ist „automatisch“ dazu gezwungen!

Zu 2: Hier scheint ein Kern Ihres Problems zu liegen! Ihre Chefs stehen unter ungeheurem Druck. Eigentlich müsste man personell aufstocken, ist aber an den Einstellstopp gebunden. Wird dieser plötzlich gelockert, wird überhastet eingestellt, bevor das Tor sich wieder schließt. Um in dieser schwierigen Lage überhaupt neue Leute gewinnen zu können, dürfen diese nun Wünsche äußern, was sie gern machen würden – die Hauptsache ist, sie unterschreiben schnell ihren Arbeitsvertrag. Denn für die Erfüllung der extrem wichtigen Ziele bei den Kundenprojekten werden die Neuen dringend gebraucht. Also achten Ihre Chefs erst einmal auf deren Bedürfnisse, während die „alten“ Mitarbeiter sich zurückgesetzt fühlen.

Im Detail betrachtet, haben Sie Recht. Aber sehen Sie es einmal mit den Augen Ihrer Chefs: Diese müssen das Gesamtprojekt sehen. Und sie sind fest davon überzeugt, dass dazu die Neuen unbedingt gebraucht werden – und dass sie unter den „obwaltenden Umständen“ nicht zu gewinnen sind, wenn sie sich nicht die Rosinen rauspicken dürfen. Daher beißen Ihre Chefs in den sauren Apfel (sicher nicht gern!).

Also: Kämen die Neuen nicht, wären die Kundenprojekte, damit die Existenz der Firma und Ihr Arbeitsplatz gefährdet. Folglich zahlt man diesen „Preis“ – und hat vielleicht zu wenig versucht, Ihnen die Hintergründe zu erläutern. Nun scheint Ihnen das ungerecht zu sein. Das ist es formal – aber den Begriff „Gerechtigkeit“ kennt das System gar nicht. Ihre Chefs denken vielleicht, Sie würden von allein die Zusammenhänge und den Zwang erkennen, dass sie so handeln müssen – sie hätten vielleicht mehr Zeit darauf verwenden sollen, Ihre und Ihrer Kollegen „getretene Seelen“ zu streicheln.

Zwei Dinge Ihnen zum Trost:

a) Das Problem ist uralt und „menschlich“: „Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande“ (Goethe im Götz von Berlichingen, geht zurück auf Matth. 13, 57).

b) Sie sind noch so jung – da ist es weniger eine Schande, im Augenblick nicht mehr Projektleiter zu sein als eine tolle Leistung, den Job immerhin schon einmal gehabt zu haben. Und vielleicht waren Sie ja – altersbedingt verständlich – auch noch nicht der „beste Projektleiter aller Zeiten“ gewesen.

Zu 3: Da ist sie wieder, die fast schon karriereschädliche Weiterbildungsambition. Entweder nützt sie allein Ihnen – dann dürfen Sie sich über Zurückhaltung Ihres Arbeitgebers nicht wundern. Oder Ihr Chef will sie, weil sie „hier und jetzt“ der Firma nützt. Dann fördert er sie auch. Lesen Sie einmal mit Genuss den ersten Halbsatz Ihres letzten abgedruckten Absatzes. So etwas weiß jeder Chef – warum sollte er das auch noch fördern?

Zu 4: Eigentlich ist gar kein Geld da für Erhöhungen. Bei Ihnen hat man immerhin symbolisch etwas getan. Nehmen Sie den guten Willen für die Tat. Mehr ist einfach nicht drin!

Zu 5: Das ist schlimm, ich weiß auch nicht, wie das endet. Aber: Urlaubskürzungen und Arbeitszeitverlängerungen sind nur „psychologisch“ negativ, Einschnitte bei Lohn und Gehalt sind langfristig auch eher banal (niemand kürzt um 20 %). Der Ist-Zustand ist nicht das Maß aller Dinge, sondern nur ein zufälliger Status.

Zu 6: Das kann ein Problem werden, aber ideale Bedingungen gibt es selten. Sie sammeln dabei unbezahlbare Erfahrungen. Dies durchzustehen und dennoch erfolgreich zu sein, das wäre doch etwas, worauf Sie stolz sein könnten.

Fazit: Sie sollten erst einmal dabeibleiben und die Sache durchstehen. Das sähe für einen Mann von 48 anders aus, es gilt daher ganz speziell für einen Mitarbeiter Ihrer Altersgruppe. Kommen Sie zu einer gelasseneren Haltung im Hinblick auf den Projektleiterstatus (Sie bekommen eine solche Funktion ja wieder, wenn Sie tüchtig sind) und zu einer ganz anderen Einstellung zu Ihrem Weiterbildungsproblem – dort sind Sie im Unrecht, die Geschichte ist vom Arbeitgeber nicht gewollt, also Ihr Privatvergnügen.

Jetzt machen Sie erst einmal weiter (vorausgesetzt, das Unternehmen wird nicht tatsächlich insolvent), führen Sie Ihr Fernstudium fort, hoffen Sie auf den Projektleiter und geben Sie Ihr Bestes. Nach Abschluss dieser Zusatzausbildung werden Sie ohnehin gehen – das ist ein unausrottbares Übel, wie ich hier schon oft dargestellt habe. Eigentlich aber geht es Ihnen doch ganz gut, sogar Perspektiven haben Sie. Und lassen Sie sich vom Kollegengeschwätz nicht in eine negative Grundhaltung hineinziehen.

Ich hätte meine Antwort auch zweiteilen können: Falls Ihr Arbeitgeber tatsächlich insolvent wird, hätten Sie vorher gehen sollen – unabhängig von allen anderen Argumenten. Der Rest an Überlegungen interessiert nur, wenn die Firma überlebt. Das Problem: Niemand kann dieses Risiko abschließend beurteilen – es hat Fälle von plötzlicher Rettung ebenso gegeben wie ein „Herausziehen aus dem Sumpf an den eigenen Haaren“ und natürlich auch tatsächliche Pleiten. Also: Falls Sie allein aus diesem Grund gehen wollen, widerspreche ich nicht. Die anderen Gründe reichen aus meiner Sicht nicht für einen Rat zum Firmenwechsel.

Kurzantwort:

Die durch Erziehung und Interessengruppen geförderte Eigenschaft des Menschen, einmal Erreichtes mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, statt „elastisch“ auf gelegentliche Rückschritte zu reagieren, kann ihn zu fatalen Fehlern verleiten.

Frage-Nr.: 1941
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-07-07

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