Heiko Mell

Industrie oder öffentlicher Dienst?

Als künftiger FH-Absolvent bin ich auf eine interessante Stellenanzeige einer Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR) gestoßen.

1. Wie werden Kandidaten von der Industrie beurteilt, nachdem diese einige Jahre bei einer Stadt beschäftigt waren?

2. Wie gestalten sich die Aufstiegschancen in einer AöR für einen Mitarbeiter mit FH-Abschluss?

3. Wie entwickelt sich die Vergütung nach BAT?

Antwort:

Es gibt im Berufsleben höchst unterschiedliche „Welten“. Jede davon, so die Theorie, die durch Erfahrung gestützt wird, zieht einen bestimmten Menschentyp an, jede prägt ihre Angehörigen, drückt ihnen ihren Stempel auf. Frei nach Walter Flex soll man nicht zwischen ihnen wandern. Es gilt, sich für eine davon zu entscheiden und dann dabei zu bleiben, möglichst für immer.

Wechsel zwischen diesen „Welten“ sind ohnehin gar nicht oder erschwert oder nur in eine Richtung möglich. Es geht hier um die Bereiche „freie Wirtschaft“, „öffentlicher Dienst“ und „Selbstständigkeit“, letztere wird von Ihren Fragen nicht tangiert. Bei den zweien, die dann verbleiben, gilt: Legen Sie sich auf eine fest und sehen Sie das als endgültig an – so vermeiden Sie sehr viele Probleme.

Und bitte: Versuchen Sie, vor Aufnahme einer Beschäftigung so viel wie möglich über die Unterschiede z. B. zwischen freier Wirtschaft und öffentlichem Dienst herauszufinden. Sofern Sie dabei noch nicht auf fundamentale Unterschiede gestoßen sind: Suchen Sie weiter!

Es ist furchtbar schwer für mich, der ich mich einer der beiden Seiten stärker verpflichtet fühle und mit der anderen weniger vertraut bin, hier öffentlich eine faire, ausgewogene Darstellung der Unterschiede zwischen beiden herauszuarbeiten. Die entsprechende Meinungsbildung darüber ist so stark von Vorurteilen und Halbwissen geprägt, dass letztlich nur Ärger dabei herauskommen kann.

Ich will mich auf zwei Beispiele beschränken:

1. Alle Entscheidungen, wirklich alle, die für die profitorientierte Kochtopffabrik Max Müller & Sohn GmbH von Bedeutung sind, fallen innerhalb des Unternehmens. Ob man die Produktion von Kochtöpfen auf Stahlhelme oder Abgasanlagen umstellt, ob man expandiert oder schrumpft, ob man andere Firmen kauft oder sich selbst verkauft, ob Personal abgebaut oder eingestellt wird – alles wird hausintern festgelegt. Dazu gehört auch, ob man viel investiert oder wenig, ob man Preise erhöht oder senkt, ob man die Produktion nach Rumänien verlagert oder den Firmensitz nach Buxtehude.

Diese grundsätzlich unbestreitbare Tatsache führt zu einem Führungsstil (oder internen Klima) A.

Eine – nicht profitorientierte – Anstalt des öffentlichen Rechts jedoch ist in der Regel durch Gesetz und/oder Staatsvertrag begründet. Dass es sie gibt, was sie zu leisten hat (und was sie keineswegs tun darf), welche Größe sie hat, wieviele Mitarbeiter sie letztlich beschäftigt, welche Gebühren sie ggf. erheben darf, wie weit ihr regionaler Einflussbereich reicht, wie hoch ihre Spitzenmanager eingestuft werden – alles ist ihr von außen vorgegeben. Denken Sie einfach einmal an die Unterschiede im Verfahrensablauf, wenn Max Müller seine Preise um 10 % anheben will (das dauert fünf Minuten, dann hat Max Müller das entschieden) oder wenn eine Anstalt des öffentlichen Rechts ihre (z. B. Rundfunk-) Gebühren entsprechend erhöht sehen will (das kann Jahre dauern).

Diese völlig andere Grundstruktur führt zu einem Führungsstil oder internen Klima B.Niemand hat das Recht zu sagen, A sei besser als B, aber jeweils „anders“ sind sie zwangsläufig. Ziemlich „anders“ sogar.

2. Sie sprechen von der Beschäftigung „bei einer Stadt“: Das kann die Stadtverwaltung sein oder eine Tochtergesellschaft der Kommune. Die jeweiligen Entscheidungsträger sind entweder selbst gewählt oder von Stadträten ernannt worden. Wo Politik im Spiel ist, geht es um Parteien. Solche, die gerade an der Macht sind, sehen stets zu, dass „ihnen nahestehende“ Persönlichkeiten die Spitzenpositionen der Stadtverwaltung oder der städtischen Töchter einnehmen.

Das ist die eine Sache. Die zweite kommt ans Licht, wenn nach der nächsten Wahl eine andere Partei die Macht übernimmt. Die will nun gerne auch „ihr nahestehende“ Personen an die Spitze von Stadtverwaltung und städtischen Töchtern setzen. Wo aber schon die Leute sitzen, die von der vorher tonangebenden Partei dorthin gebracht wurden. Die müssen erst weg, dann kommen die Neuen. Jeder von denen zieht wieder „Menschen seines Vertrauens“ für die Positionen darunter nach sich.

Damit kann man, wenn man das will, durchaus leben. Aber es führt zu einem Führungsstil und Klima C.

Max Müller (als Chef seiner GmbH) hingegen ist unkündbar und meist parteipolitisch neutral. Er kann aber seinen Sohn oder Schwager zum Geschäftsführer ernennen. Mitunter ist die Verwandtschaft dabei maßgeblicher als die Qualifikation. Jedenfalls führt das zu Führungsstil und Klima D.

Die XY AG wiederum gehört lauter freien Aktionären. Die kaufen und verkaufen ihre Anteile, dass es eine Freude ist. Die vererben sie auch – aber grundsätzlich merkt der durchschnittliche Angestellte oder die Führungskraft davon kaum etwas. Aber die Gesellschaft muss auf maximale Gewinne achten – kurzfristiger Ertrag rangiert oft vor langfristiger Existenzsicherung. Und wenn die AG fünftausend Mitarbeiter entlässt, klopfen Aktionäre, die Arbeitgebervertreter im Aufsichtsrat, die Analysten und die Wirtschaftspresse dem Vorstand auf die Schulter.Das alles führt zu einem Führungsstil und Klima E.

Wieder gilt: Niemand kann sagen, C sei besser als D oder E, aber jeder muss akzeptieren: Sie können nicht gleich sein.

Bitte, liebe Leser, nehmen Sie meine Ausführungen hierzu mit größtmöglicher Gelassenheit auf. Ich weiß, wie empfindlich manche Menschen in dieser Frage sind. Ich habe nicht den Ehrgeiz, hier eine erschöpfende Definition der Unterschiede zu liefern. Was ich wollte ist die Aussage: Es ist jeweils anders – und dazu mag das als Denkanstoß dienen. Und vorsichtshalber setze ich hinzu: Viele Menschen arbeiten jeweils bei einem dieser Beispiel-Arbeitgeber und sind dort ziemlich glücklich. Aber viele von ihnen würden sehr unglücklich werden, müssten sie bei einem anderen Unternehmenstyp arbeiten.

Zu 1: Äußerst skeptisch!

Zu 2: Das weiß ich nicht so genau. Aber nach meinem Kenntnisstand gibt es im öffentlichen Dienst Laufbahnen, die dem FH-Absolventen verwehrt sind und nur TH/TU/Uni-Ingenieuren offen stehen. Für manchen FH-Ingenieur dürfte das weniger erfreulich sein, für die TH-Absolventen jedoch schon eher.

Zu 3: Darüber könnte durchaus einmal jemand eine Diplomarbeit schreiben. Fest steht: Die Vergütung entwickelt sich weitgehend nach vorgegebenen Regeln – vielfach rechnen sich Mitarbeiter schon aus, was sie in zwölf Jahren verdienen werden. Besorgen Sie sich ein Regelwerk des BAT und lesen Sie selbst. Jede Personalabteilung eines öffentlichen Arbeitgebers hat so etwas. Und die zuständige Gewerkschaft auch.

Kurzantwort:

Der öffentliche Dienst und die freie Wirtschaft sind jeweils ziemlich „anders“, wenn man dort arbeiten will. Einen Wechsel zwischen beiden Bereichen sollte man möglichst nicht planen.

Frage-Nr.: 1930
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-05-12

Top Stellenangebote

VDI Verlag GmbH-Firmenlogo
VDI Verlag GmbH Abteilungsleiter Herstellung (m/w/d) Düsseldorf
Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern Professur (W3) für "Nachrichtentechnik - Bildsignalverarbeitung" Kaiserslautern
Hochschule München University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule München University of Applied Sciences W2-Professur für Produktentwicklung und Flugzeugkonstruktion (m/w/d) München
Hochschule München University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule München University of Applied Sciences W2-Professur für Sachverständigenwesen und Fahrzeugaufbau (m/w/d) München
Hochschule Bremerhaven-Firmenlogo
Hochschule Bremerhaven Professur (W 2) (w/m/d) für das Fachgebiet Medizintechnik Bremen, Bremerhaven
Stadt Mönchengladbach-Firmenlogo
Stadt Mönchengladbach Projektleitung (m/w/d) Gebäudetechnik Mönchengladbach
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Werkstoffkunde, Fügetechnik" Ulm
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart W3-Professur "Systemverfahrenstechnik" Stuttgart
Hochschule Kaiserslautern-Firmenlogo
Hochschule Kaiserslautern Professur (W2) Apparatebau - Fertigungsverfahren in der Prozesstechnik Kaiserslautern
Hochschule Kaiserslautern-Firmenlogo
Hochschule Kaiserslautern Professur (W2) Embedded Systems und Digitaltechnik Kaiserslautern
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.