Heiko Mell 01.01.2016, 17:45 Uhr

„Die Schnauze voll“

Mein schwieriger Berufseinstieg vor zehn Jahren nach 300 Bewerbungen beim Arbeitgeber A schlug fehl.

Beim darauffolgenden Arbeitgeber B stand ich noch unter dem Schock des vorangegangenen gescheiterten Versuchs. So musste ich auch dort zu schnell wieder gehen. Entsprechend miserabel fiel die Beurteilung aus.

Beim dritten Versuch schien zunächst alles zu funktionieren und ich konnte mich endlich in meinem Wunschgebiet „austoben“ – bis mit der Standortschließung der endgültige K.-o.-Schlag erfolgte.

Nach diesen drei gescheiterten Versuchen hatte ich „die Schnauze voll“, weiter als Industrieangestellter zu arbeiten. Dieser Hass ist bis heute nicht vollständig verschwunden und lodert gelegentlich hoch.

Antwort:

Sie sind ein „Einser-Kandidat“ von einer TU. Dass diese speziell qualifizierten Akademiker besonders leicht zu Problemen in der so wenig intellektuell ausgerichteten Welt der Industrie neigen, hat hier schon sehr oft gestanden.

Zunächst zwei – sehr große, bekannte – Arbeitgeber in jeweils zwölf (was für ein merkwürdiger Zufall!) Monaten zu „verschleißen“, um beim dritten nach neunzehn Monaten wegen Standortschließung entlassen zu werden, ist einem Mann mit Ihren zu vermutenden Fähigkeiten schlicht „nicht erlaubt“! Das hätten Sie auch mit einem ausreichenden Abschluss haben können.Auffälligkeiten bis dahin: Vater ist promovierter Akademiker, aber Sie haben – als späterer TU-Einser-Kandidat – zunächst einmal „nur“ die Realschule besucht. Was immer der Grund war, hier geraten Sie erstmalig mit dem System aneinander. Und zwar erwiesenermaßen nicht wegen Mangels an Begabung! Sie haben sich damals irgendwie verweigert – erkennen Sie das schon einmal als Basis späterer Probleme an. Und sagen Sie bloß nicht, die Lehrer hätten Sie verfolgt, gedrückt oder was auch immer. So etwas gibt es allenfalls als Reaktion auf aggressives oder provozierendes Schülerverhalten, so gut wie nie aufgrund reiner Bosheit des „Vorgesetzten“ der Schüler.

Schön, es gibt Spätentwickler. Aber wer mit 25 eine TU mit sehr gutem Examen abschließt, ist dafür kein Prototyp, die „Ausrede“ zieht nicht.

Also bohre ich in den Arbeitszeugnissen: Beim ersten – sehr namhaften – Arbeitgeber alles „Freud und Sonnenschein“: „Einsatzfreude, Selbstständigkeit und Fleiß, rasche Auffassungsgabe (den Begriff gibt es nicht, aber man sieht, was gemeint war), schnelle Einarbeitung, jederzeit sehr zufrieden, sehr gute Fachkenntnisse, stets einwandfreies Verhalten, Ausscheiden auf eigenen Wunsch, bedanken uns für Einsatz und Leistung.“ Mehr ist bei zwölf Monaten nicht drin. Allerdings steht da: „… bedanken uns für Einsatz und Leistung in der Vergangenheit.“

Was will uns der Weltkonzern damit sagen? Also „in der Zukunft“ wäre ziemlich unmöglich. „Gegenwart“ wäre absolut unüblich und wegen der kaum zu klärenden Dauer dieses Begriffs (wie viele Sekunden dauert „Gegenwart“?) auch merkwürdig.

Zeugnisse beziehen sich immer(!) auf die Vergangenheit, das wird niemals(!) betont. Was also heißt das hier? Heißt es „am Anfang hat er noch Leistung gebracht, dann ließ er stark nach“? Kann sein, kann auch nicht sein – aber bei zwölf Monaten Dienstzeit sucht man „mit der großen Lupe“!

Bis zum Start bei Nr. 2 fehlen vierzehn Tage. Das wäre harmlos bei zweimal sieben Jahren, ist es hier eher nicht. Das Zeugnis Arbeitgeber Nr. 2 (ein Top-Name) ist extrem knapp, sehr nichtssagend, höchstens „befriedigend“ (also blamabel für einen „Einser-Kandidaten“). Ausscheiden auf eigenen Wunsch wird immerhin bestätigt.

Nahtloser Übergang zu Nr. 3, Leitung einer Gruppe dortselbst. Gutes Zeugnis („in jeder Hinsicht unsere volle Anerkennung“), weiterhin „kompetent, kooperativ, einsatzfreudig, stets zu unserer vollen Zufriedenheit, Ausscheiden auf eigenen Wunsch, Dank für Einsatz und Leistung“. Abgesehen von der zu kurzen Dienstzeit: unauffällig. Aber: keine Rede von tatsächlicher oder drohender Standortschließung!

Fazit: Ein Mann mit Ihren intellektuellen Fähigkeiten und diesen Resultaten aus der Praxis passt nicht in die Welt, in der er diese Niederlagen erlitt, so einfach ist das.

Zu irgendeiner Art von aufloderndem Hass auf diese Industrie besteht überhaupt kein Anlass. Sie haben trotz Ihrer fachlichen Fähigkeiten in dieser Welt nicht erwartungsgemäß „funktioniert“. Die Industrie ist wie sie ist – und Sie konnten dort nicht überzeugen, nicht glücklich werden, was auch immer. Begreifen Sie das als Ihre Schwäche – ein Einser-Kandidat hätte das auf dieser (noch) niedrigen Ebene „mit links“ bringen müssen. Zum Glück haben Sie dieser beruflichen Welt erfolgreich den Rücken gewandt, sind heute anderswo tätig, ich wünsche Ihnen Glück auf diesem Weg. Aber wenn Sie jemanden hassen wollen, dann höchstens sich – wegen der Fehler, die Sie gemacht haben (müssen). Die meisten Absolventen mit „befriedigendem“ Examen machen diese Fehler nicht.

Kurzantwort:

Wenn drei Anläufe bei einem Arbeitgebertyp nicht zum Erfolg führen (hier: Industrie), suche man die Ursachen bei sich. Wenn man Einser-Kandidat ist, suche man besonders gründlich.

Frage-Nr.: 1923
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-04-07

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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