Heiko Mell

Mit dem Examen ist noch nichts „geschafft“

Im Rückblick habe ich womöglich den Fehler gemacht, beim Studienabschluss zu glauben, „es geschafft zu haben“ und der Rest käme von selbst. Dabei habe ich sehr schmerzhaft erfahren, dass es dann erst beginnt. Möglicherweise sind mir die für eine erfolgreiche Karriere notwendigen Verhaltensmuster nicht in ausreichendem Maße vom Elternhaus mitgegeben worden.

Antwort:

Sie sprechen zwei „goldene Regeln“ an. Sagen wir es einmal so: Meine Arbeit hier dient dem Ziel, solche Briefe überflüssig zu machen. Wobei es nicht um die Briefe geht, sondern um die schmerzhaften Erfahrungen, die ihnen zugrunde liegen.

1. Wenn die Eltern nichts vom industriellen oder auch nur kommerziellen Umfeld verstehen und/oder keine Management-Erfahrung haben, dann besteht tatsächlich die Gefahr, dass der junge Mensch Weg und Ziel verwechselt. Er glaubt dann leicht, das Examen („der Titel“) sei das Ziel aller berufsrelevanten Bemühungen, der Rest ergäbe sich irgendwie „von selbst“. Es mag ja irgendwo Laufbahnen geben, in denen das so „läuft“ – im Bereich der freien Wirtschaft und insbesondere der Industrie gilt das absolut nicht!

Die Ansicht, mit dem Examen sei „es erreicht“, ist also völlig falsch, das Gegenteil ist richtig! Ich will das durch einige Kernaussagen untermauern:

– Die Anforderungen im Studium verhalten sich zu den Anforderungen des Berufslebens (es geht wie so oft dabei nicht um Fachliches, sondern um Anpassungen, Belastungen, Druck + Stress, Anforderungen an taktisches und „verkäuferisches“ Talent, an Sozialkompetenz, Mut und Tapferkeit, Risikobereitschaft und „Augen-zu-und-durch“-Mentalität) wie ein lauer Frühlingsabend zu einem Schneesturm im Februar.

– Das Examen ist eine Art Eintrittskarte ins Berufsleben. Wenn man „drin“ ist in dieser „Veranstaltung“, geht es erst richtig los. Die Eintrittskarte garantiert weder Spaß noch Erfolg bei dem, was sich dann abspielt – wie im „richtigen Leben“ auch. Sie berechtigt nur zur Teilnahme am „Event“.

– Studium und Examen sind erste kleine Schritte auf dem Weg zu einem weit entfernten, anspruchsvollen Ziel. Das gilt auch dann, wenn Sie sagen sollten: „Ich will gar nichts ‚werden“, ich will nur arbeiten, Geld verdienen und bis zum 65. Geburtstag im Beruf bleiben dürfen“ – auch das ist schon ein weit entferntes, anspruchsvolles Ziel!

– Misstrauen Sie jedem, der Ihnen in unserem Kulturkreis kommt mit „der Weg ist das Ziel“. Das gilt zwar durchaus für Abendspaziergänge im Urlaub oder so, kann aber nie generelle Maxime sein. Dann könnten Sie auch sagen, die Füße seien der Kopf oder in der Armut liege der Reichtum. Dieses Feld überlassen wir der Philosophie. Wir bleiben schön „auf dem Teppich“: Der Weg ist der Weg und das Ziel ist das Ziel. Und der Studienabschluss ist demnach nur Teil des Weges, nicht Ziel (wie es ja schon beim Schulabschluss gewesen war).

2. Ach ja, nun kommt dann noch das „dicke Ende“ nach: Alles was hier steht, weiß man als heranwachsender junger Mensch so ab der 10. Klasse. Nichts als die reine Logik führt zu der Erkenntnis: „Was will ich eines fernen Tages studieren, wohin führt dieser Weg – verstehen meine Eltern etwas davon oder nicht? Falls nicht, muss ich mich selbst darum kümmern, nicht vorrangig in der 10. Klasse, aber doch in den etwa zehn Jahren danach.“ Dann recherchiert man, von mir aus auch im Internet, stößt auf diese Serie und bekommt alles mundgerecht serviert (man wird ja wohl noch Träume haben dürfen als Autor).

Das Prinzip, das insbesondere für Sie, geehrter Einsender, gilt: Das Versäumnis liegt nicht bei Ihren Eltern, sondern – wie so oft – allein beim Betroffenen, also bei Ihnen. Demnach wäre Ihr letzter abgedruckter Satz in der „Frage“ wie folgt umzuformulieren:“Obwohl ich natürlich wusste, dass meine Eltern aus einer völlig anderen beruflichen Welt kamen und mir daher kaum die zu meinen speziellen Zielen passenden Verhaltensmuster vermitteln konnten, habe ich es versäumt, die offensichtlichen Wissenslücken bei mir rechtzeitig und in eigener Initiative zu stopfen.“ Da ich einige jüngere Leser förmlich ungläubig um sich schauend vor mir sehe: Das ist mein voller Ernst.

Fragen Sie sich bei allem, was nicht erwartungsgemäß läuft, zuallererst: „Was habe ICH falsch gemacht?“ Glauben Sie mir (und Klügeren, die es vor mir wussten): Wer suchet, findet auch (frei nach Matthäus 7,7).

Kurzantwort:

1. Das Studium ist nur eine kleine Etappe auf einem langen Weg, nicht etwa das Ziel aller berufsrelevanten Bemühungen.

2. Der kluge Student weiß rechtzeitig vor dem Examen, ob die eigenen Eltern ihm genügend Rüstzeug aus der beruflichen Welt mitgeben konnten, in die er hineinstrebt (und falls nicht, muss er sich kümmern).

Frage-Nr.: 1922
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-04-07

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