Heiko Mell

Abseits der Zielplanung tätig

Ich habe vor kurzem mein Maschinenbaustudium (Produktionstechnik) mit gutem Notendurchschnitt abgeschlossen.

In meinem Praktikumssemester war ich bei einem bekannten Automobilzulieferer beschäftigt (Montage, AV, QS). Bei anschließender Ferientätigkeit in diesem Unternehmen habe ich ein eigenes Montageprojekt erfolgreich bearbeitet. Meine Diplomarbeit habe ich bei einem Automobilhersteller geschrieben (Bereich Qualität; Note sehr gut), außerdem habe ich neben dem Studium eine Q-Zusatzqualifikation erworben.

Diese Arbeiten und die Aufgaben in der Produktion, insbesondere der Bereich Qualität, haben mich immer interessiert und mir viel Spaß gemacht. Schon während der Diplomarbeit habe ich mich bei dem Hersteller beworben und versucht, dort eine Anstellung zu bekommen. Leider war ich nicht erfolgreich (genannte Gründe: keine Berufserfahrung, Erfahrungen und Kenntnisse passten nicht zu den Anforderungen).

Um nach dem Studium nicht gleich in die Arbeitslosigkeit zu rutschen, habe ich versucht, eine Alternative zu finden und mich erfolgreich bei einem bekannten Maschinenhersteller (außerhalb der Kfz-Branche) beworben (Bereich Konstruktion/Normung). Gründe für diese Bewerbung waren u.a.: Praktische Erfahrungen im Bereich Konstruktion/Normung gewinnen, da ich diese durch meine Studienrichtung und durch bisher ausgeübte praktische Tätigkeiten kaum abdecke, Erfahrungen in einem anderen Bereich des Maschinenbaus sammeln, günstige Lage in meinem Wohnort.

Noch bevor ich diesen Arbeitsplatz angetreten habe (man tritt Plätze nicht, weder mit Füßen, noch an; d. Autor), hatte ich plötzlich Bedenken: Verbaue ich mir meinen eigentlichen beruflichen Weg (Ziel: Qualitäts- oder Fertigungsingenieur in der Automobilbranche)? Komme ich durch den gewählten Bereich Konstruktion/Normung weiter weg von meinem Studium und von dem Ziel ab, in der Produktion tätig zu sein? Ich werde zunächst über ein Zeitarbeitsunternehmen beschäftigt, die Übernahme soll später erfolgen.Seit kurzem bin ich nun in der neuen Position tätig und es macht mir wenig Spaß.

Sollte ich so schnell wie möglich wechseln? Vielleicht zu einer anderen Leiharbeitsfirma, bei der ich in der Automobilbranche tätig sein kann, auch wenn die Bezahlung nicht so gut wäre?

Antwort:

Lassen wir einmal alle zahlreich vorhandenen Kleinigkeiten beiseite und konzentrieren wir uns auf die zwei Zentralthemen:

1. Was war los bei dem „bekannten Automobilhersteller“ – warum hat er Sie nicht gewollt? Sie waren Anfänger, was die dort ja wussten. Die zitierten Ablehnungsgründe überzeugen nicht! „Keine Berufserfahrung“ – Anfänger sind Anfänger, weil sie keine Erfahrung haben. „Erfahrungen und Kenntnisse passen nicht zu den Anforderungen“ – welche Anforderungen? Die von Anfängerpositionen? Das überzeugt nicht! Aber: Dort hatte man Sie bei der Erstellung Ihrer Diplomarbeit persönlich und über Monate kennen gelernt – warum wollte man Sie anschließend nicht übernehmen? Gab es Details in Ihrer „Führung und Leistung“, die Ihre Chefs nicht überzeugten, waren Sie im Hinblick auf Ihre Einstiegsforderungen (Aufgaben, Geld) zu anspruchsvoll? Die Antwort darauf haben Ihre damaligen Vorgesetzten, sie sind für Sie lebenswichtig! (Ich will sie nicht haben, mir nützen sie nichts.)

2. Lassen wir also schweren Herzens (meines Herzens) auch jene eine Bewerbung beiseite, die Sie großzügigerweise geschrieben haben, um „nicht gleich in die Arbeitslosigkeit zu rutschen“ (100 davon hätten Sie drei Monate vor möglichem Dienstantritt bundesweit verschicken müssen). Aber:

Wenn ein Schütze ein Ziel treffen will, dann visiert er es an. Und zwar im Normalfall auf den Punkt dort, wo er mit seinem Schuss hinkommen will, von einigen wenigen Zentimetern Abweichung wegen Seitenwind oder Bewegung des Ziels abgesehen. Aber er zielt nicht schräg hinter sich in der Hoffnung, dass sein Geschoss nach mehreren Abprallern und als Querschläger dann doch noch irgendwann wunderbarerweise vor ihm an der richtigen Stelle einschlägt.

Sie wollen in die Produktionstechnik der Kfz-Branche. Schön. Dann also rein in die Produktionstechnik der Kfz-Branche. Nur dort. Nicht unbedingt nur beim Hersteller, auch beim Zulieferer. Aber bei diesem Ihrem Ziel ist der Start über ein Zeitarbeitsunternehmen in der Normung eines allgemeinen Maschinenbauers – mir fehlen die Worte. Was soll denn der Unfug bringen? Nun, ich kenne meine Pappenheimer (frei nach Schiller, „Wallensteins Tod“): Da steht denn so verschämt am Schluss Ihrer Begründung „günstige Lage an meinem Wohnort“. Soll ich deutlich werden? Ich muss wohl: Für Qualifikationen oberhalb des Hilfsarbeiters ist eine solche Argumentation – ach, denken Sie sich irgendetwas aus, warum soll immer ich daran arbeiten, unterhalb der Beleidigungsgrenze zu formulieren. Natürlich dürfen Sie das alles tun – aber wundern dürfen Sie sich nicht. Das war alles vorhersehbar, geschah fast folgerichtig. Wenn Sie so ab Hauptstudium diese Serie gelesen hätten, wäre Ihnen viel erspart geblieben.

Und da irgendjemand jetzt ganz unschuldig fragen wird, was das denn heißen soll, hier im Klartext: Niemand kann alles, auch nicht in seinem Beruf. Man konzentriert sich auf das, was man kann und will – und hält sich fern von Tätigkeiten, die es auch noch gibt, aber von denen man nichts weiß, die man nicht kann und die meilenweit weg vom Ziel liegen.

Noch klarer: Wer produzieren will, produziert. Wer normen will, normt. Aber man normt nicht, wenn man produzieren will. Wer gut ist in Deutsch, soll reden und schreiben. Wer gut ist in Mathematik, soll rechnen oder mathematisch modellieren. Aber man wird nicht für ein paar Jahre Redakteur, wenn man eigentlich ein Berechnungsgenie ist (um besser Deutsch zu lernen) und man wird nicht Berechnungsingenieur, wenn man eigentlich schreiben könnte, aber schlecht rechnen kann.

So, das also war Ihr klarer Fehler, sehenden Auges angesteuert und vorhersagbar erreicht. Was Sie jetzt tun können? Ihn korrigieren, so schnell wie möglich. Z. B. indem Sie eine solide Festanstellung bei einem Kfz-Zulieferer im Produktions-/Qualitätsbereich anstreben. Oder bei einem Hersteller – sofern Sie einer nimmt.

Kurzantwort:

Der gestaltbare Teil des Berufslebens ist kurz (etwa 17 Jahre). Da bleibt keine Zeit für Umwege, um über bestimmte Tätigkeiten etwa Kenntnislücken oder Begabungsschwächen auszugleichen. Auf gerader Linie ins anvisierte Ziel, heißt die Devise.

Frage-Nr.: 1918
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-03-17

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