Heiko Mell

Aufstieg im Konzern

Seit eineinhalb Jahren arbeite ich im XY-Konzern in der …entwicklung. Ich hatte dort bereits meine Diplomarbeit angefertigt. Mein TH-Studium mit Vertiefungsrichtung, meine Tätigkeit als studentische Hilfskraft am Institut – alles passt thematisch zur heutigen Tätigkeit.

Meine Vorgesetzten sind mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Bei meiner letzten Leistungsbeurteilung hat mir mein Teamleiter mitgeteilt, dass ich das Potenzial habe, zukünftig Führungsaufgaben zu übernehmen. Die Arbeit ist sehr interessant und ich fühle mich in der Abteilung wohl.

Das Unternehmen bietet zahlreiche Traineeprogramme an, die sich an „Absolventen und Young Professionals mit bis zu zwei Jahren Berufserfahrung“ wenden.

In meinem Bereich sind alle Gruppenleiterstellen derzeit mit Kollegen besetzt, die in einem Alter sind, dass sie vermutlich nicht „wegbefördert“ werden und auch in den nächsten zwei bis drei Jahren noch nicht in Rente gehen werden. Ein Aufstieg innerhalb des Hauses käme für mich auf absehbare Zeit also nur in einer anderen Abteilung in Frage.

Derzeit arbeite ich an der Entwicklung eines Aggregats, das in etwa zwei Jahren in Serie geht. Ich möchte gern mithelfen, dieses Produkt erfolgreich in die Produktion zu bringen und nicht auf halber Strecke der Entwicklung aufhören.

Vor diesem Hintergrund stellt sich mir die Frage, ob es für mich sinnvoll ist, mich um eines der o. g. Traineeprogramme zu bewerben.

a) Würde dies den von Ihnen so oft angesprochenen „roten Faden“ meiner Karriere zerreißen?

b) Wären meine Aufstiegschancen besser, nachdem ich ein entsprechendes Programm absolviert hätte oder hätte ich dies sofort nach meinem Studium angehen müssen und ist es nun besser, in der Linie aufzusteigen, auch wenn das noch länger als die von Ihnen so oft genannten fünf Jahre nach Berufseinstieg dauern würde?

Antwort:

Das Thema ist so komplex, dass es „die“ eine Antwort darauf gar nicht geben kann. Sie werden letztlich eine Entscheidung treffen – und damit leben müssen. In zwanzig Jahren wissen wir, wie richtig Sie damit gelegen haben – aber wir erfahren nie, was bei der Alternative konkret herausgekommen wäre. Ich liste Ihnen auf, was mir einfällt. Sie stimmen fallweise zu, verwerfen, gewichten und handeln dann. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass sich einige meiner Argumente auch gegenseitig widersprechen. Das ist überall im Leben so. Also dann:

1. Ziemlich zweifelsarm gilt: In Top-Konzernen wie dem Ihren ist der Einstieg über ein Traineeprogramm der besonders erfolgversprechende Weg für Karriereinteressierte. Direkteinstieg geht auch, aber das Traineeprogramm führt den Führungsbegabten meist schneller und sicherer nach oben (in diesem Konzern, wohlgemerkt). Solch ein Programm hat auch Nachteile und spezielle Risiken (Zeitaufwand, befristeter Vertrag, Hürde der Übernahme am Schluss, Einschränkungen beim Unternehmenswechsel für mehrere Jahre), aber: Sie hätten damals diesen Einstieg nehmen sollen, Ihr Verdacht ist nicht falsch.

2. Für fachlich hochqualifizierte Naturwissenschaftler bei Studienabschluss schwer zu „schlucken“, aber dennoch richtig (wie Sie jetzt wissen): Man tut in unserem System etwas Interessantes oder man ist etwas Interessantes – Überschneidungen kommen vor, sind aber eher Zufall. Sie müssen eines von beiden auf Nr. 1 setzen und akzeptieren, dass der andere Aspekt dann weiter nach unten rutscht. Sie hatten sich beim Start für die tolle, hochinteressante, fachlich optimal zum Studium passende Aufgabe im optimalen Unternehmen mit der Arbeit am optimalen Produkt entschieden. Das war die eine Möglichkeit.

Dieses Prinzip gilt immer und überall, sogar bei Beratern: Mir macht das, was ich tue, ungeheuer viel Freude, auch diese Serie. Es passt alles zu meiner Begabung, ich kann mich austoben, auch meine fachlichen Ansprüche befriedigen. Ich finde viel Anerkennung für meine Arbeit und freue mich ganz besonders darüber.

Aber ein anderer Berater würde schlicht seinen Status so formulieren: „Ich leite die größte Gesellschaft unserer Branche in Deutschland.“ Dann ist er damit fertig, auf seine Weise ebenfalls zufrieden – und zuckt die Schultern, wenn er meinen Namen hört: „Wieviel Umsatz macht der?“ Es gibt da keine richtige und keine falsche Einstellung – es gibt nur jeweils unsere eigene.

3. Will Ihr Konzern mit jener Trainee-Ausschreibung überhaupt interne Bewerber suchen oder denken Sie das nur? Denn die vorrangig genannten „Absolventen“ kommen ja garantiert von draußen.

Was würde die Personalabteilung mit Ihrer Bewerbung machen? Nähme man Ihrer Abteilung diesen hoffnungsvollen, intensiv in ein wichtiges Projekt integrierten Mitarbeiter überhaupt gegen den Willen Ihrer Chefs weg, brauchten Sie deren Zustimmung für den internen Wechsel – und würden Sie die bekommen? Empfehlung dazu: Sprechen Sie vertraulich mit dem Personalwesen. Die Leute dort wissen genau, was in Ihrem Unternehmen geht und was nicht. Generelle Aussage von mir, nicht speziell auf Ihren Konzern bezogen: Interne Wechsel größerer Art, also über Bereichsgrenzen hinweg, sind gegen den Willen der „abgebenden“ Vorgesetzten meist äußerst schwierig. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn die Trainee-Ausbildungsabteilung muss Sie ja sowohl nehmen wollen als auch dürfen.

4. Falls Ihr Einstieg in das Traineeprogramm klappt, haben Sie Ihre 1,5 Jahre Dienstzeit erst einmal „verloren“, der „rote Faden“ ist zunächst zerrissen.

Richtig „verloren“ ist die Zeit nicht, nur eben formal ist sie weg. Sie hätten nämlich einen Vorsprung vor Anfängern: Sie hätten (Konzern-)Erfahrung; auf der Basis könnten Sie schneller, besser sein als andere. Irgendwann würden Sie die Zeit vermutlich wieder aufholen.

Aber: Wenn Sie jetzt Trainee und nach zwei Jahren nicht übernommen oder dann immer noch nicht auf eine etwas herausgehobene Position gesetzt werden – dann ist in dem Moment Ihre berufliche Basis erst einmal „ein Haufen Schrott“: Ein bisschen Entwicklung, ein bisschen Trainee, dafür wurden 3,5 Jahre „verbraten“. Ich will Ihnen keine Angst machen, Ihnen auch nicht abraten. Ich sage nur: Dieses Risiko müssen Sie tragen, eine Gewinn-Garantie gibt es nicht. Und was hätten Sie dann dafür alles aufgegeben!

5. Halten Sie bloß keine Abteilung, keinen Bereich in einem „wohlgeordneten“ Konzern für statisch. Die Erfahrung lehrt: Die nächste hochdynamische Veränderung kommt dort bestimmt. In fünf Jahren ist in Ihrer heutigen Abteilung kein Stein mehr auf dem anderen, in zehn Jahren weiß nicht einmal jemand, wo die Steine überhaupt gelegen haben. Daraus folgt: Alle Prognosen über sechs Monate hinweg sind gewagt, solche über zwei Jahre hinaus sinnlos. Das gilt für „Es ist alles blockiert“, das würde aber ebenso gelten für „Ich sehe da tolle Chancen für mich“.

6. Auch in statischen Bereichen gilt: Es ist erstaunlich, wer alles befördert wird, wenn er nur dabeibleibt. Führungskräfte verkrachen sich mit ihren Chefs, bewährte Mitarbeiter werden plötzlich in vorher nicht absehbare Projekte abgezogen, es entstehen Löcher, die gestopft werden müssen, vorrangig mit vorhandenen, eingearbeiteten Leuten.

7. Bei Ihnen läuft im Augenblick alles toll, ich gratuliere dazu. Derzeit müssen Sie ja noch nichts „werden“, erst so in 3,5 Jahren. Es gibt keinerlei Garantie, dass das klappt, wenn Sie bleiben – aber es gibt nicht die geringste Gewissheit, dass es nichts wird. Wenn Sie mit dann fünf Dienstjahren und Ihren hervorragenden Beurteilungen dort immer noch nichts „geworden“ sind und sich bei einem Zulieferer o. ä. bewerben, nimmt man Sie mit diesem geradlinigen Werdegang mit „Kusshand“ z. B. als Gruppenleiter.

8. Wenn Sie bleiben, haben Sie eine Chance, eines Tages einer der (folgt die Bezeichnung des Aggregats, an dem Sie arbeiten)-„Päpste“ zu werden. Wenn Sie aber Trainee werden, führt Ihre Laufbahn vielleicht in irgendeine technische Führungsposition im Konzern (das könnte ein Geschäftsbereichs-/Werkleiter werden), bei der Sie Ihren heutigen Spezialbereich „verlieren“. Vielleicht wären auch Ihre heutigen Chefs verärgert, weil Sie sich aus dem Projekt lange vor Schluss verabschieden, so dass Sie in dieses Umfeld gar nicht mehr zurückkehren könnten.

9. Es gibt eine Berufswegphilosophie, die sich durchaus bewährt hat: Wenn einmal eine Entscheidung getroffen wurde, dann bleibe ich auch dabei. Jede Kursänderung führt zu Umwegen, am kürzesten Weg zwischen Start und Ziel gemessen.

10. Alle Zeitangaben, mit denen ich in meinen Regeln und Empfehlungen arbeite, sind naturgemäß Durchschnitts- bzw. Richtwerte. Sie sind nicht als sklavisch zu befolgende Gebrauchsanweisungen, sondern als Groborientierung gedacht. Nicht gewollt ist, dass sich insbesondere junge Menschen schon nach deutlich weniger als der Hälfte des Zeitraums sehr eingehende Gedanken machen, dass sie vielleicht „hinter der Norm“ zurückbleiben könnten, weil heute(!) keine Lösung in Sicht zu sein scheint.

11. Arbeiten Sie darauf hin, innerhalb Ihrer Abteilung ein so qualifizierter, kompetenter, erfolgreicher Leistungsträger zu werden, dass Ihre Chefs keinesfalls riskieren können, Sie durch Kündigung zu verlieren. Melden Sie Ihre Ansprüche an. Fragen Sie in Beurteilungsgesprächen, wie man sich höheren Orts Ihre weitere Entwicklung vorstellt und sagen Sie ganz offen, dass Sie an einer weiteren Entwicklung und mehr Verantwortung interessiert sind – das reicht, alles andere „nervt“ nur. Aber wer immer nur still vor sich hinarbeitet, wird nur selten etwas – ein bisschen Management in eigener Sache gehört dazu.

Nun könnten Sie, geehrter Einsender, noch fragen, was Sie jetzt tun sollten. Da kann ich Ihnen helfen, es liegt klar auf der Hand: Entscheiden Sie sich, es ist Ihr Leben. Dabei gilt: Für einen unkonventionellen neuen Weg brauchen Sie eine klarere Mehrheit guter Argumente als für das konsequente Weitermachen. Und: Zweifel an vielem und vor allem an der eigenen Zukunft nach knapp zwei Dienstjahren sind allgemein üblich – kein Grund zur Sorge.

Frage-Nr.: 1915
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-03-03

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