Heiko Mell

Beschäftigungsgesellschaft

Als Beschäftigter bei einem Automobilkonzern, dessen umfassende Abbaumaßnahmen breit in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, stehe ich augenblicklich vor der Entscheidung, ob ich freiwillig in eine Beschäftigungs-/Qualifizierungsgesellschaft gehen soll oder nicht. Dieser Schritt wäre in Kürze zu vollziehen und mit einer relativ hohen Abfindung verbunden.

Persönlich und von meinem Lebenslauf her scheint mir ein Wechsel generell günstig. Ich bin unter 40, knapp zehn Jahre beim jetzigen Arbeitgeber und habe dort aus meiner Sicht Fuß gefasst.

Allerdings habe ich derzeit eine Stelle inne, die es typischerweise nur in Großunternehmen gibt. Aus meinem Lebenslauf heraus lässt sich aber ein Schritt in eine konkretere fachliche Richtung zu diesem Zeitpunkt begründen. Als Gegenargument schlägt meine Betriebsrente zu Buche, die ich bei einem Arbeitgeberwechsel verliere.

Daher ziehe ich den Schritt, in die Qualifizierungsgesellschaft zu gehen, in Betracht. Ich würde bei diesem Wechsel eine Abfindung erhalten und hätte ein Jahr Zeit, einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Dabei würde ich ggf. Unterstützung erhalten und eventuell wären auch Weiterbildungsmöglichkeiten gegeben. Mit dem Schreiben von Bewerbungen hatte ich bereits vor Bekanntwerden der aktuellen Pläne begonnen, Reaktionen habe ich aber noch nicht erhalten.Meine Fragen lauten:

1. Wie beurteilt ein Leser eine Bewerbung, wenn der Bewerber – ein qualifizierter Ingenieur – in einer Beschäftigungsgesellschaft abgestellt ist? Ist damit nicht automatisch das Prädikat „AUSSORTIERT“ verbunden?

2. Ist es ggf. in meiner jetzigen Situation besser stillzuhalten, da ich auf dem Arbeitsmarkt mit meiner sehr speziellen beruflichen Erfahrung ein Exot bin und keine Stelle finden werde?

3. Ist der Wechsel in ein Großunternehmen einer anderen Branche eine Alternative, bei der eventuell die Spezialisierung eine geringere Rolle spielt oder sogar von Nutzen ist?

4. Die Situation wird überlagert von der Personalentscheidung um die Stelle meines Vorgesetzten, bei dem ich nach meiner heutigen Meinung aus bestimmten Gründen nur geringe bzw. keine Chancen habe, so dass ich voraussichtlich auf meiner heutigen Stelle bleiben würde. Ein Wechsel im Haus wird durch die Gesamtsituation nicht begünstigt. Sehen Sie bei meinem Lebenslauf die Möglichkeit, vorerst auf der derzeitigen Stelle zu bleiben und mit Abstand von ein bis zwei Jahren noch einmal in- oder extern auf Stellensuche zu gehen?

Antwort:

Beginnen wir mit dem Grundsätzlichen, der Beschäftigungsgesellschaft. Jedem von uns – auch mir natürlich – ist klar, dass dies in der besonderen Situation ein ganz heißes Eisen ist und dass ein unbedachtes Wort mir eine große Zahl hochkarätiger, vor allem mächtiger Gegner bescheren kann. Selbstverständlich greife ich das Thema dennoch auf, werde aber besonders bedachtsam formulieren:

a) Ich halte Beschäftigungsgesellschaften für eine gute Sache. Falls jemand sonst keine Beschäftigung hätte, die Alternative also Arbeitslosigkeit wäre.

b) Ich halte auch Qualifizierungsgesellschaften (ich glaube, diese Gesellschaften führen beide Begriffe in der Firmenbezeichnung) für eine gute Sache. Falls jemand ungenügend, nicht marktgerecht oder falsch qualifiziert ist oder falls er durch eine abgegrenzte Maßnahme (Kurs, Seminar, Ausbildung) seine Qualifikation signifikant verbessern kann.

c) Soweit ich informiert bin, helfen diese Gesellschaften auch aktiv bei der Suche nach einer neuen Position. Entweder betreiben sie aktiv die Vermittlung oder sie helfen bei Bewerbungen. Das finde ich ebenfalls eine gute Sache. Sofern ein Betroffener sich schlecht selbst helfen kann (warum auch immer) und er sich von der Teilnahme an (zu vermutenden) Massenaktionen etwas verspricht.

d) Ich glaube, dass die Bewerbung eines Menschen, der unter „heutiger Arbeitgeber“ eine Beschäftigungsgesellschaft angibt, positiver gesehen wird als wenn dort „arbeitslos“ stünde. Denn dieses Arbeitsverhältnis ist besser als keines – und zeigt, dass der Bewerber nicht unter so furchtbar großem Druck steht und etwas Spielraum für seine Entscheidung hinsichtlich des nächsten Stellenangebotes hat. Denn potenzielle Arbeitgeber schätzen es weniger, wenn der Bewerber nur bei ihnen unterschreibt, weil ihm das „Wasser bis zum Hals“ steht. Aber es ist in meinen Augen ungleich besser, wenn in der Bewerbung ein „richtiger“ Arbeitgeber auftaucht.

Nun zu Ihnen im Abgleich zu meinen gerade getroffenen Feststellungen:

Zu a): Müsste ich Ihre spätere Bewerbung aus einer Beschäftigungsgesellschaft lesen und wüsste ich, dass Sie dort freiwillig, aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis und nur um eine Abfindung mitzunehmen hineingewechselt hätten, wäre mein Toleranzrahmen überschritten. Ich würde den Kopf schütteln und hätte starke Bedenken gegen Ihre Einstellung. Das ist noch höflich ausgedrückt.

Zu b): Sie haben ein Ingenieurstudium an einer Top-TH in Deutschland absolviert. Sie haben zusätzlich ein wirtschaftswissenschaftliches Aufbaustudium. Fazit: Sie sind Teil der Ausbildungs-Elite dieses Landes! Bei Ihnen gibt es grundsätzlich nichts zu qualifizieren! Jedenfalls nichts durch eine auf Massenabwicklung ausgerichtete Qualifizierungsgesellschaft, die sich die Aufgabe stellt, solchen Menschen zu Jobs zu verhelfen, die sonst arbeitslos wären. Da Sie das derzeit gar nicht sind, würde die Qualifizierungsgesellschaft ein Problem lösen müssen, dass Sie selbst gerade erst geschaffen haben. Ohne Not! Also wirklich.

Zu c): Wenn in diesem Lande jemand sich selbst helfen kann, dann Sie. Sie können lesen, können sich bewerben, sich darstellen, im Internet recherchieren. Viele Mitarbeiter Ihres Konzerns aus ganz anderen Qualifizierungsebenen können das nicht. Denen sei die Unterstützung gegönnt.

Zu d): Das trifft doch derzeit auf Sie nicht zu, Sie sind nicht arbeitslos und noch droht Ihnen auch niemand damit. Was will ein Mann mit Ihrer Ausbildungsqualifikation als Grund dafür angeben, dass er sein ungekündigtes Arbeitsverhältnis aus eigenem Entschluss eingetauscht hat gegen das Dasein bei einer Beschäftigungsgesellschaft? Wollen Sie ausbildungsadäquat anspruchsvoll arbeiten oder reicht es Ihnen, irgendwo mit irgendwas um der Beschäftigung willen beschäftigt zu sein?

Soviel dazu. Nun bin ich ja nicht weltfremd und verstehe durchaus, in welcher Form die Versuchung an Sie herantritt: „Ich bin jetzt so und so lange hier, ein Wechsel wäre doch durchaus angebracht, ich habe schon mit dem Gedanken gespielt. Nun kommen die mir mit einem Abfindungsangebot. Da könnte ich doch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, die Abfindung mitnehmen und den ohnehin geplanten Wechsel vollziehen.“ Das überzeugt jeden Stammtisch, aber das ist auch schon alles.

Bedenken Sie doch den Preis, den Sie dafür zahlen. Die Phase bleibt wie in Stein gemeißelt lebenslang in Ihrem Lebenslauf nachlesbar. Und klingt natürlich wie: Sein Konzern wollte ihn damals nicht mehr; man hat die Belegschaft überprüft, einen Teil als interessant eingestuft und behalten. Die anderen hat man abgeschoben. Damit es besser klingt, in eine Beschäftigungsgesellschaft. Lassen Sie doch das Wort einmal auf der Zunge zergehen! Schon in drei, gewiss in fünf, ganz bestimmt in zehn Jahren weiß niemand mehr, wie das damals in Ihrem Konzern war, wie man Leute wie Sie mit Abfindungen gelockt, aber eigentlich gar nicht entlassen hat. In drei Jahren sind Leute als Personalreferenten tätig, die studieren heute noch. Und wissen nichts, aber auch gar nichts von den Verhältnissen in Ihrem Konzern im Jahre 2004.

Mein Rat an Sie: Ich kann Ihren Wunsch nach einem Arbeitgeberwechsel gut verstehen. Aber planen Sie den so, dass er optimal zu Ihrem Werdegang passt. Dazu gehört: ohne Druck, bei voller Entscheidungssouveränität und erst, wenn Sie eine gut in Ihre Laufbahn passende Position gefunden haben.

Welche das sein könnte, weiß ich allerdings auch nicht. Ich bin keineswegs der Maßstab aller Dinge, aber nach dem Studium Ihres Lebenslaufes verstehe ich noch nicht einmal ansatzweise, was Sie heute tun. Anderen Lesern wird es ähnlich gehen – Sie müssten die Geschichte in eine verständliche Form (für Außenstehende verständlich) übertragen. Das gilt zum Glück nicht für die drei Aufgaben davor in Ihrer Darstellung.

Zu Ihren Fragen:

Zu 1.: Ist beantwortet.

Zu 2.: Das ist richtig gesehen, wobei Stillhalten allein nicht genügt, Sie müssten sich bemühen, wieder allgemein übliche/verständliche Aufgaben in Ihrem Lebenslauf ausweisen zu können.

Zu 3.: Andere Großunternehmen anderer Branchen müssten erst verstehen, was Sie heute tun – und dann genau so einen Spezialisten suchen.

Zu 4.: Im letzten Teil der Frage sehe ich die Lösung. Wobei Sie den Versuch, zu einer mehr dem Standard entsprechenden Position zu kommen (oder Ihren Job mehr mit Standardbegriffen umschreiben zu können), nicht aufgeben sollten.

Kurzantwort:

1. Eine Beschäftigungsgesellschaft heißt Beschäftigungsgesellschaft, weil sie Menschen beschäftigt, die sonst keine Beschäftigung hätten. Für einen Akademiker mit Elite-Ausbildung im besten Alter, der in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis steht und hoffen darf, das auch beibehalten zu können, liegt kein erkennbarer Sinn darin, diese Anstellung mit der in einer Beschäftigungsgesellschaft zu vertauschen.

2. Wer dabei ist, für Geld etwas zu tun, was er für sich gesehen noch nicht einmal in Erwägung ziehen dürfte, überprüfe mit Sorgfalt seine Maßstäbe. Oder: Jedes Angebot, das man bekommt, ist nützlich. Für den, der es macht. Sonst täte der es nicht.

Frage-Nr.: 1905
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-01-20

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