Heiko Mell

Schwerbehindert / krank

Mein Sohn studiert derzeit an der TH …. Er ist seit seinem 12. Lebensjahr Diabetiker und besitzt daher einen Schwerbehindertenausweis mit einem Behinderungsgrad von 50 %. Er hat seine Diabetes gut im Griff, d. h. er hat niemals irgendwelche Ausfallerscheinungen gehabt.

Der Behindertenausweis läuft im nächsten Jahr ab und müsste gegebenenfalls neu beantragt werden. Ist das überhaupt ratsam oder kann das für die Karriereplanung ein entscheidender Nachteil sein? Zu denken gibt mir auch die Tatsache, dass – auch in den VDI nachrichten – immer wieder Stellen angeboten werden, bei denen es heißt, dass Schwerbehinderte bei gleicher Eignung bevorzugt werden, so z. B. für Professorenstellen.

Antwort:

Ich bin ganz sicher kein Fachmann für dieses Thema, will mich aber auch der Frage nicht entziehen, schon im Interesse der vielen Betroffenen. Einigen wir uns darauf: Ich antworte nach bestem Wissen, räume aber Korrekturbedarf ein. Sollte ich dann irgendwo falsch liegen, teilen mir besser informierte Leser das mit, ich veröffentliche wesentliche neue Aspekte umgehend. Also auf dieser Basis:

1. Unstrittig ist, dass schon das Leben allgemein nicht in einer für uns nachvollziehbaren Form irgendwie gerecht ist. Schicksalsschläge treffen Begabte und Unbegabte, wertvolle Menschen und andere gleichermaßen. Darauf aufbauend versucht das System unserer Wirtschaft noch nicht einmal, irgendeinen Gerechtigkeitsanspruch zu erheben. Das Wort kommt gar nicht vor. Die Konsequenz: Ein Ausspruch wie „Das ist aber doch ungerecht“ wäre völlig sinnlos.

2. Die Unternehmen der freien Wirtschaft sind vom System her gnadenlos auf die Erzielung maximalen Profits getrimmt. Diesem Prinzip muss sich jeder einzelne Betrieb unterwerfen, sonst geht er im Wettbewerb unter. Dies hat zur Folge, dass jedes Unternehmen auf äußerste Effizienz und Leistungskraft hin ausgerichtet sein muss. Jegliche erkannte Schwachstelle ist auszumerzen, jede denkbare(!) Schwachstelle ist im Ansatz zu verhindern.

3. Viele Firmen sind dennoch in Teilbereichen sehr sozial eingestellt und leisten sich erhebliche Aufwendungen für soziale Zwecke. Darunter auch solche, die nicht nur ihrem Image und letztlich der Erhöhung der Leistungskraft ihrer Mitarbeiter dienen. Aber pauschal lässt sich sagen: Soweit in Wirtschaftsunternehmen eine solche soziale Einstellung vorhanden ist, gilt sie vorrangig den eigenen, schon vorhandenen Mitarbeitern. Konkret: Viele Unternehmen unterstützen in der einen oder anderen Form ihre Mitarbeiter, sofern diese Probleme haben oder bekommen. Aber mir fällt auf Anhieb kein Beispiel dafür ein, dass ein solches Unternehmen etwa geworben hätte: „Bewerber, die ihr Schwierigkeiten habt, weniger leistungsfähig seid, euch mit Belastungen aller Art herumschlagt, kommt zu uns – wir machen das schon irgendwie.“

4. Daher ist damit zu rechnen, dass Unternehmen der freien Wirtschaft sehr deutlich zurückzucken, wenn sie erfahren, dass ein externer Bewerber z. B. durch eine Krankheit belastet oder behindert ist. Sie werden, vorsichtig gesagt, einer Einstellung sehr(!) skeptisch gegenüberstehen. Mit dem Schwerbehindertenstatus hat das zunächst gar nichts zu tun. Konkret: Man stellt für „dasselbe Geld“ dann lieber einen Mitbewerber ein, bei dem keine Belastungen bekannt sind.

Dabei muss man bedenken, dass die Einstellbevollmächtigten durchweg medizinische Laien sind – und mit ihren Festlegungen gern auf der „sicheren Seite“ bleiben. Die wollen keine Gutachten lesen oder hören, dass man die Krankheit im Griff habe, dass es in den letzten Jahren keine Ausfälle gegeben habe – die denken laienhaft pragmatisch: „Und wenn die Krankheit schlimmer wird? Und wenn dieser Bewerber eine andere Krankheit hinzubekommt? Und wie wird das bei steigendem Alter? Darf ich einen solchen Mann überhaupt voll belasten, was ist mit Dienstreisen oder einer Versetzung nach Polen?“

Und dann haben sie mindestens Zweifel – und entscheiden sich traditionell im Zweifelsfall gegen den Bewerber. Mit Argumenten wird man kaum dagegen ankommen.

5. Liegt eine Schwerbehinderung (mit Ausweis) vor, kommt in den Augen der Entscheidungsträger in Unternehmen der freien Wirtschaft ein weiteres Argument hinzu: Schwerbehinderte genießen einen deutlich erhöhten Kündigungsschutz, man wird sie also im Ernstfalle kaum wieder los. Soweit ich informiert bin (Verwaltungsdetails sind nicht mein Metier) braucht man zu einer Entlassung zusätzlich die Zustimmung der „Hauptfürsorgestelle“ und ist dann eben auch noch auf die „Gnade“ einer Behörde angewiesen. Nein, dann lässt man von einer Einstellung lieber ganz die Finger. Ich weiß, dass viele Hauptfürsorgestellen ganz sachlich entscheiden und gar nicht „so schlimm“ sind – aber das Vorurteil gegen jede Art von Behörde steckt tief in den Knochen.

6. Die Aussage, dass Schwerbehinderte bei gleicher Eignung bevorzugt würden, steht m. W. ausschließlich in Stellenangeboten des öffentlichen Dienstes – wie Ihr Professorenbeispiel zeigt. Ich weiß nicht, ob alle diese Institutionen tatsächlich danach verfahren – das Problem ist die „gleiche Eignung“. Es gibt niemals eine wirklich gleiche Qualifikation zweier Menschen, es kommt da also auf die innere Einstellung der jeweiligen Entscheidungsträger an.

Aber auch ich rate Schwerbehinderten, sich im Falle von Bewerbungen sehr um Arbeitgeber im öffentlichen Dienst zu bemühen. Auch im späteren Verlauf der Beschäftigungen erfährt nach allgemeiner Auffassung der Angestellte im öffentlichen Dienst eine weit bessere Absicherung im Krankheitsfalle als in der freien Wirtschaft.

7. Rufen Sie doch die Personalabteilung einer Institution des öffentlichen Dienstes, die später als Arbeitgeber in Frage käme, einfach einmal an und fragen Sie nach Details. Vielleicht empfängt Sie jemand zu einem persönlichen Gespräch – bei dem fast immer offener geredet wird als am Telefon.

8. Zumindest erwogen werden sollte auch ein späterer Weg in die Freiberuflichkeit/Selbstständigkeit. Mich hat in 35 Beraterjahren noch kein Kunde gefragt, ob ich irgendwie krank oder schwerbehindert bin.

Kurzantwort:

Ein Unternehmen der freien Wirtschaft wird – aus seiner auf Profitmaximierung ausgerichteten Zielsetzung heraus verständlich – jedem externen Bewerber sehr(!) skeptisch gegenüberstehen, der durch eine Langzeiterkrankung in seiner Leistungsfähigkeit und/oder -erwartung gehandikapt ist. Demgegenüber wirbt der öffentliche Dienst geradezu um Schwerbehinderte („bei gleicher Eignung bevorzugt“).

Frage-Nr.: 1902
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-01-06

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