Heiko Mell

Einstieg bei Freunden?

Ich bin Dipl.-Ing., arbeite als wissenschaftlicher Assistent an der Uni und schließe demnächst meine Promotion ab. Durch Heirat, Familiengründung (drei Kinder) und Hausbau ist eine gewisse Immobilität gegeben.

Zum Berufseinstieg tendiere ich zu Bewerbungen bei größeren Konzernen hier in der Großregion.

Jetzt habe ich ein Angebot von zwei guten, vertrauten Freunden(!) bekommen. Diese haben nach ihrer Promotion vor einem Jahr eine Firma gegründet (basierend auf Bank- und Privatinvestoren). Sie beschäftigt sich mit der Fertigung spezieller technischer Geräte und befindet sich noch in der Entwicklungsphase. Beide sind Gesellschafter und Geschäftsführer, einer wird jedoch eine akademische Laufbahn einschlagen. Er bleibt zwar in der Firma, wird aber seine Aktivitäten zurückschrauben müssen.

Beide sind auf mich zugekommen und haben mir angeboten, dass sie es sehr begrüßen würden, wenn ich gleichberechtigt in die Firma mit einstiege und den Part des einen Freundes je nach Verteilung mit übernehmen würde. Das Anfangsgehalt ist, auch als Geschäftsführer, in einer solchen Firma nicht sehr hoch, niedriger als mein jetziges. Wenn alles gut läuft, steigert sich das natürlich entsprechend. Ja, was scheint angebracht?

Antwort:

Sie stellen noch mehrere komplizierte Fragen. Ich erspare mir den Abdruck und verarbeite alles in meinen Antworten. Also ich denke so darüber:

1. Ihr heutiger Status als Uni-Angestellter ist keiner, sondern eine zweckgebundene Übergangslösung. Sie sind durch die Promotion noch nicht wirklich berufserfahren, sondern jetzt eine Art „gehobener Edelanfänger mit Zukunft“. In dieser Übergangsphase war eine Familiengründung durchaus sinnvoll, ein Hausbau hingegen eher nicht, er kettet Sie nur zur Unzeit an einen Platz. Ihr BAT-Gehalt taugt nicht als Maßstab für künftige Bezüge, weder so noch so gesehen.

2. Ich erkenne natürlich an, wie reizvoll einem jungen Mann das Angebot erscheinen muss.

3. Man kann durchaus Freunde bei der Arbeit gewinnen, aber man soll nicht bei (oder mit) Freunden arbeiten. Das bewährt sich in der Regel nicht.

4. Zu zweit gleichberechtigt zu sein (an der Spitze eines Unternehmens) wäre schon extrem problematisch – Dreiergruppierungen jedoch geraten fast mit Sicherheit in ewige „2:1“-Grabenkämpfe. Denn: „Beim Geld hört die Freundschaft auf.“

5. Wenn es auch ein kleines Unternehmen ist: Sie wären zum Start Ihres Berufslebens „geschäftsführender Gesellschafter“, nähmen also die absolute Spitzenfunktion im ganzen System ein. Dafür jedoch sind Sie viel zu unerfahren.

6. Sie müssen damit rechnen, dass die Geschichte schief geht. Dann aber nimmt Sie kein Konzern, kein größerer Mittelständler. Die „stört“ einmal Ihr „Geschäftsführer“, aber noch mehr der „Gesellschafter“. Spätere Veränderungen soll man in der Firmengröße nach unten planen, nicht nach oben! Selbstständigkeit ist keine Empfehlung bei Bewerbungen um Angestelltenpositionen.

7. Mein Rat: Träumen Sie ein wenig davon, wie es hätte sein können, dann sagen Sie ab und gehen zu einem großen Konzern. Nicht unbedingt, um lebenslang dort zu bleiben, sondern um zu lernen, wie das Berufsleben überhaupt „funktioniert“. Geschäftsführender Gesellschafter können Sie dann als erfahrener Mann von 45 immer noch werden.

Kurzantwort:

Ein Hausbau vor Eintritt ins Berufsleben ist nicht empfehlenswert. Bei Freunden soll man nicht arbeiten. Geschäftsführer ist keine Start-, sondern eine Endposition.

Frage-Nr.: 1900
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-12-10

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