Heiko Mell

Wechseln oder auf die Katastrophe warten?

Ich bin nach 18 Berufsjahren jetzt in meiner vierten Anstellung tätig: Fünf Jahre im ersten, zwei Jahre im zweiten, acht Jahre im dritten und seit drei Jahren im heutigen Unternehmen.

Es gab jeweils Gründe für meine Wechsel: Beim ersten Arbeitgeber war mir als damaligem jungen Ingenieur die Aufgabe letztlich nicht anspruchsvoll genug („Es muss noch mehr geben im Leben“). Beim zweiten ging das Geschäft bergab, beim dritten (als Projektleiter) lief zunächst alles toll, dann geriet der Konzern in Schieflage, am Schluss wechselte das Management fast pausenlos, das Personal ging in immer rascherer Folge freiwillig. Zum Schluss gingen mein Chef, drei Projektleiter-Kollegen und ich.

Beim heutigen Arbeitgeber durfte ich gleich zu Beginn einen Kleinstauftrag als Projektleiter abwickeln, dann einige Angebote als Angebotsleiter führen. Seit etwa einem Jahr ist die totale Ruhe eingekehrt. Zuerst gab es Kurzarbeit, seit einigen Monaten komme ich morgens ins Büro, um abends gut ausgeruht, aber unzufrieden wieder nach Hause zu fahren.

Die Aussichten auf neue Aufträge sind gering. Das amerikanische Headquarter steht zum Verkauf. Ob unsere deutsche Filiale nach einigen Personalreduzierungen überhaupt weiter existieren wird, bezweifle ich sehr stark.Ein gesundes Unternehmen unserer Branche braucht für die Aufträge in der Größenordnung von 20 M EUR bis mehr als 200 M EUR etwa das Drei- bis Fünffache unserer verbliebenen Mitarbeiterzahl, um den anspruchsvollen Großkunden ein angemessener Partner zu sein.

Wie verhalte ich mich nun am geschicktesten?

1. Abwarten, bis die Firma tatsächlich aufgelöst wird? Ich bin 49 Jahre alt.

2. Wechseln, bevor ich 50 Jahre alt bin und den potenziellen neuen Arbeitgebern versuchen klar zu machen, weshalb ich zum Teufel schon wieder wechsele?

Antwort:

Zu wechseln, bevor Sie 50 sind und den potenziellen neuen Arbeitgebern klarzumachen, warum zum Teufel Sie schon wieder wechseln, ist empfehlenswert.

Weil: In aussichtsarmer Situation auf die unabänderlich herankommende Katastrophe zu warten, ist niemals die Lösung für den dynamischen, aktiven Menschen (und andere sind nicht mehr gefragt)!

„Von allein“, so beurteile ich die Situation, passiert bei Ihnen im Umfeld Ihres Arbeitsplatzes gar nichts Positives mehr. Entweder droht der Verkauf oder die Insolvenz. Letztere müssen wir nicht weiter ausmalen. Beim Verkauf wird jeder Investor Ihren „Laden“ (deutsche Filiale) schließen. Auch ein etwa kaufender Wettbewerber wird froh sein, die offensichtliche Überkapazität durch Schließung vom Markt nehmen zu können. Wenn Sie schon keine Aufträge haben, wird der Wettbewerb ja auch nicht an solchen geradezu ersticken.

Also versuchen Sie zu wechseln. Und versuchen Sie es gleich – durch Warten werden Sie bloß älter, sonst geschieht nichts, was die Sache besser machen würde.

Ich würde im Anschreiben wie folgt argumentieren:“Ich bin Dipl.-Ingenieur und bringe fundierte Erfahrungen als Angebots- und Projektleiter im Anlagenbau-Engineering mit. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Laufbahn war die achtjährige Tätigkeit für die … GmbH bis 2001. Hier war ich Projektingenieur für Anlagen in … und …, stv. Projektleiter für eine …-Anlage in …, Projektleiter für Anlagen zur … in … und …

Diese Funktion hätte ich gern weitergeführt, sah mich im Zusammenhang mit akuten, inzwischen in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Zerfallserscheinungen des damaligen Arbeitgebers vorbeugend zum Wechsel (auf eigenen Wunsch) gezwungen. Heute bin ich in ungekündigter, unbelasteter Position als Projekt- und Angebotsleiter bei der … tätig. Das Unternehmen steht zum Verkauf, der weitere Bestand der für mich relevanten Positionen und Strukturen ist absolut ungewiss.

Gern würde ich meine umfassenden Kenntnisse und Erfahrungen in eine fordernde Aufgabenstellung in Ihrem Hause einbringen. Ich bin sicher, Sie auch mit meiner Bereitschaft zum Engagement und meiner ausgeprägten Einsatzfreude im In- und Ausland überzeugen zu können. In einer Position, wie ich sie in den letzten Jahren ausgeübt habe, würde ich meine Fähigkeiten besonders effizient einsetzen können, aber der fachliche Anspruch der Tätigkeit ist für mich wichtiger als Details der Stellenbezeichnung oder der hierarchischen Einstufung.

Mein Gehalt beträgt derzeit …, entscheidend ist jedoch die Aufgabenstellung. Meine Kündigungsfrist beträgt … zum …, ich gehe aber wegen der angedeuteten Situation davon aus, ein Eintrittsdatum im Rahmen Ihrer Vorstellungen realisieren zu können.“

Das müsste, zum Teufel, eine Art Optimum sein. So klingt das nicht nach „schon wieder“. Und „verfahren“, wie Sie an anderer Stelle Ihres Briefes schreiben, finde ich Ihre Situation nicht. Sie sind „bloß gezwungen“, mit 49 noch einmal auf den Markt zu gehen (alle, die das tun, haben handfeste, im heutigen Job liegende Gründe; aus reinem „Überschwang“ geht man vielleicht mit 36, wie Sie damals).

PS: Dass im Anschreiben nur auf die beruflichen Höhepunkte eingegangen wurde, ist Absicht. „Faul“ wäre das nur, wenn z. B. das die Jahre 1987 – 1992 gewesen wären und Sie das aktuellere „Danach“ totschweigen würden. Wenn der „Höhepunkt“ des Werdegangs schon dreizehn Jahre zurückläge, könnte man ja direkt an Ihrem „Niedergang“ riechen. Bei Ihnen jedoch bleibt das alles in akzeptablem Rahmen. Sie haben 4,5 Dienstjahre pro Arbeitgeber im Durchschnitt, davon acht in jüngerer Zeit bei einem. Ich empfehle fünf, wo ist das Problem?

Kurzantwort:

Eine gute Bewerbung sagt aus, warum der Wechsel beabsichtigt ist – beim Alter von fast 50 Jahren glaubt der Empfänger ohnehin nicht an ein „Lustprinzip“.

Frage-Nr.: 1882
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-23

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