Heiko Mell

Entweder fachlich oder „führend“ weiterkommen

Momentan denke ich, knapp 30, über einen Arbeitsplatzwechsel nach, bin mir jedoch nicht sicher, ob das ein Rückschritt wäre oder ich mich vorwärts bewegen würde.

Ich bin seit mehr als vier Jahren bei einem mittelständischen Unternehmen, das zu 80 % für den Export arbeitet. Wir sind in drei Sparten aufgeteilt, zusätzlich gibt es jetzt noch Kompetenzzentren, die sich mit Weiterentwicklungen in den verschiedenen Prozessbereichen beschäftigen sollen. Ich war zunächst Prozessingenieur in zwei Sparten und konnte mich jetzt als Teamleiter in einem Kompetenzzentrum platzieren. Hier kann ich meine Erfahrungen optimal einsetzen. Zudem habe ich mir ein gutes Netzwerk in der Firma aufgebaut, das es mir ermöglicht, effektiv die vorhandenen Projekte abzuarbeiten.

Die Arbeit macht mir fachlich sehr viel Spaß, ich komme sehr gut mit meinen Kollegen aus, mit den Lieferanten habe ich durchgehend guten Kontakt, und ich möchte sogar behaupten, unsere Kunden lieben mich.

Auf der anderen Seite ist der Markt für unsere Produkte für einen Ingenieur viel zu „politisch“. Oft werden Entscheidungen getroffen, die technisch absolut schwachsinnig sind und Entwicklungskapazitäten binden, obwohl vorher schon klar ist, dass das Ergebnis in keinem angemessenen Verhältnis zum Aufwand steht. Dadurch werden zwar operativ viele Aufgaben gemeistert, strategisch befinden wir uns jedoch schon im freien Fall.

Trotz des Spaßes an der Arbeit habe ich den Glauben an die Firma verloren und erfolgreich angefangen, mich nach einem neuen Arbeitgeber umzuschauen. Meine persönliche Entwicklung im Hinblick auf die Karriereleiter ist gut, fachlich jedoch kann ich wesentliche Schritte, um meine Arbeit effektiver zu gestalten, nicht tun (z. B. statistische Versuchsplanung). Weiterentwicklung in diesem Bereich würde ich von meinem Arbeitgeber schon erwarten, vor allem dann, wenn die Entwicklungsarbeiten durch angeforderte Unterstützung von Kunden unterbrochen werden und dennoch die Effektivität gesteigert werden muss.

Auf einer kürzlichen Auslandsreise habe ich zwei Lieferanten besucht, die mir erzählt haben, wie wichtig unsere Firma für sie wäre und wie gut wir uns im Markt behaupten würde. Ich war verwundert, wie positiv man meinen Arbeitgeber sehen kann, wenn man die internen Dinge nicht kennt. Ich frage mich seitdem, ob ich einfach zu sehr Techniker bin, um manche „politischen“ Entscheidungen zu verstehen. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass das mit der Ausbildungsart nicht viel zu tun hat, dennoch ist meine Sichtweise eventuell einseitig.

Bei dem möglichen neuen Arbeitgeber wird zum Beispiel die statistische Versuchsplanung täglich gelebt. Fachlich ist die Stelle dort ein Traum.

Die Organisation ist jedoch von Grund auf anders. Für jeden stets individuell auf einen Kunden zugeschnittenen Auftrag wird eine Lösung in einem speziell dafür zusammengewürfelten Team gefunden. Dadurch gibt es keine Abteilungen im klassischen Sinn, sondern lediglich Projektgruppen.

Zudem gibt es ein Bewertungssystem, in dem jeder jeden bewertet. Das bedeutet, dass man ständig Feedback bekommt, wie man im Team von anderen gesehen wird. Dadurch lassen sich Schwächen erkennen und jeder kann an seiner Persönlichkeit und an seiner fachlichen Qualifikation gezielt arbeiten. Ich finde das faszinierend. Sicherlich kann ein solches System auch schockierend sein und unerwartete Ergebnisse liefern. Andererseits ist das eine sehr gute Möglichkeit, um zu wachsen und sich auf den verschiedenen Ebenen zu verbessern.

Das beschriebene (neue) Arbeitsumfeld finde ich hervorragend. Andererseits müsste ich in einer fiktiven Tabelle in die zweite Spalte schreiben, was ich dafür aufgäbe. Ich würde vom Teamleiter (ich denke sogar, es wird bald eine eigene Abteilung geben, die mir unterstellt wird) wieder zum Kollegen unter vielen werden. Das gesamte heutige Netzwerk und die Beziehungen, die ich mir aufgebaut habe, wären nahezu wertlos, da sich der neue Arbeitgeber in einem ganz anderen Lieferanten-/Kunden-Umfeld bewegt. Der „rote Faden“ wäre fachlich weiterhin vorhanden, jedoch zerschnitten, was die Führungsseite betrifft. Sicherlich gibt es in der neuen Organisation genug Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen. Zu führen, ohne eine Führungsposition zu besetzen, ist auch eine Herausforderung. Fraglich ist jedoch, wie ich bei späteren Vorstellungsgesprächen argumentieren sollte, wenn ich nach einigen Jahren wiederum wechsele.

Einerseits will ich Führungsverantwortung übernehmen, andererseits auch fachlich weiterkommen. Letzteres wäre absolut gegeben, dafür gäbe es kaum Hierarchieebenen, in denen ich mich nach einiger Zeit positionieren kann. Es würde sicher beim (späteren) nächsten Wechsel schwierig werden, eine Führungsposition zu erringen (oder wäre dann das alte Zeugnis meines jetzigen Arbeitgebers diesbezüglich noch etwas wert?).

Antwort:

Ich beglückwünsche Sie! Noch sind Sie jung, Sie sind etwas lässig – schnodderig im Ton, sehr selbstbewusst – aber Sie stellen nicht nur Fragen, sondern zeigen sehr anerkennenswerte Ansätze. Ihre Grobanalyse der Situation ist tadellos, alle relevanten Aspekte werden zumindest berührt. Ich finde, das ist eine tolle Leistung! Sie beschäftigen sich sogar mit der Aufgabe, gezielt an Ihrer Persönlichkeit zu arbeiten und finden die Möglichkeit dazu faszinierend. Aber Sie sehen auch Schatten, wo zunächst helles Licht zu sein scheint.

Ich wiederum bin fasziniert von der Themenfülle, die Ihre Zuschrift einschließt. Es juckt mich schon, die einzelnen Aspekte durchzunummerieren und abzuarbeiten. Allein ein Anruf bei dieser Zeitung ergab, sie geben mir die anderen Seiten dieser Ausgabe nicht auch noch, ich muss mich auf „meinen“ Raum beschränken.

Also lasse ich schweren Herzens diverse bemerkenswerte Punkte unter den Tisch fallen und konzentriere mich auf den Kern der Frage.

Womit haben Sie es hier zu tun? Antwort: Mit dem klassischen Scheideweg, der Sie zu einer Festlegung zwingt. Sie können nicht beides haben – den fachlichen Traum und den soliden, aussichtsreichen Platz in der Hierarchie mit weiteren Chancen zum Aufstieg.Solche Entscheidungen fallen im Leben laufend an: Ihr Auto ist entweder ein „Gedicht“ oder sehr billig, von Ihrem Angestelltengehalt sparen Sie entweder viel an oder Sie geben viel aus – nie geht beides. Wo also stehen wir beide jetzt? Dort, wo Heiko Mell so oft feststellt: „Sie tun entweder etwas Interessantes oder Sie sind etwas Interessantes, aber nicht beides gleichzeitig.“ Das, genau das, meint meine Regel!

Und Sie müssen nun wissen, was Sie mehr wollen. „Mehr“ ist der Schlüssel – „beides“ als Antwort fällt schon einmal aus. Sie müssen schlicht Prioritäten setzen. Das gelingt im fortgeschrittenen Alter immer besser – aber noch sind Sie jung. Und hieß es nicht in einem Schlager: „Ich will alles und ich will es sofort?“ War die Interpretin (soweit ich mich erinnere) nicht auch noch sehr jung?

Sie haben sogar herausgearbeitet, warum beides, was Sie da beruflich vor Augen haben, gemeinsam wohl nicht zu haben ist: Bei denen mit den tollen Herausforderungen, mit den modernen „Tools“, den ständig neu zusammengestellten Gruppen, in denen man morgen den – ohnehin informellen – Status wieder verliert, den man sich gestern mühsam erarbeitet hatte, gibt es keine Hierarchie, weil es bei jenem System auf Dauer keine geben kann. Keine Hierarchie = kein Aufstieg.

Diese ständig „freischwebende“ organisatorische Aufhängung ist faszinierend für alle, die noch nichts sind (Anfänger) oder die eigentlich auch nichts (im Sinne einer Karriere) werden wollen. Später kann sich das ändern – und gelegentlich verlieren Firmen mit betont „flacher Hierarchie“ junge Hoffnungsträger, weil die bevorzugt irgendwo hingehen, wo es Sterne und Streifen für die Schulterklappen gibt. Was ist eigentlich aus der betont schmuck- und „ranglosen“ Uniform in Chinas Armee zur Zeit des großen Mao geworden?

Und beachten Sie bitte stets auch die Unternehmensspitze! Sind die Leute dort auch alle gleich im Team, werden sie auch alle von jedem beurteilt, auch alle mit der Chance, ständig an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten? Oder stehen „oben“ ganz normale Manager mit allen üblichen Insignien der Macht? Wie wird man dort eigentlich durch internen Aufstieg GF, wenn darunter hierarchisches Niemandsland ist? Vermutlich gilt: Besetzung von außen.Was Ihre Zweifel bezüglich möglicher späterer Bewerbungen nach einigen Jahren beim „neuen“ Arbeitgeber angeht: Damit liegen Sie absolut richtig! Aber Sie sollten das Problem nicht nur im Hinblick auf die mögliche spätere Bewerbung sehen, sondern sogar absolut: Einen einmal errungenen Führungsanspruch gibt man nicht ungestraft wieder auf, aus einer einmal erkämpften Führungslaufbahn steigt man nicht ungestraft wieder aus.

Die „Strafe“ liegt nicht nur im Kopfschütteln späterer Bewerbungsempfänger, sie liegt schon in sehr wahrscheinlich auftretenden Problemen bei der Arbeit in einer nichtführenden Position! Es ist für Sie als selbstbewussten Fast-Abteilungsleiter (Ihre Worte) extrem schwer, wieder „zurück ins Glied“ zu treten und gleichberechtigtes Teammitglied zu sein. Wenn man einmal „Blut geleckt“ hat, ist der Verzicht viel schwieriger als es die reine Teamarbeit ohne jede zwischenzeitliche Beförderung gewesen wäre.

Mein Rat: Entscheiden Sie sich. Entweder für die Weiterführung der Führungslaufbahn oder den fachlichen „Traum“. Und bedenken Sie: Bei weitergehendem Interesse am Management hören die fachlichen Sahnehäubchen ohnehin so langsam auf, denn Sie tun entweder etwas Interessantes … (das hatten wir schon).

Und vermutlich sehen Sie als typischer Ingenieur die „politischen“ Notwendigkeiten wirklich unter einem arg eingeschränkten Blickwinkel – Ihr Verdacht ist berechtigt, arbeiten Sie an dieser Thematik.

Nicht unkommentiert hinnehmen kann ich Ihren schlichten Satz „Die Kunden lieben mich“. Das ist schön. Vielleicht ist das für Ihre Firma sogar unbezahlbar (Ihnen wäre es recht, sie würde es wenigstens versuchen). Aber: Es wäre noch wichtiger, Ihre – Sie bezahlenden – Vorgesetzten würden Sie lieben. Vielleicht tun sie es ja, aber Sie schreiben nichts darüber. Daher erlaube ich mir diesen Hinweis. Schließlich sind das dieselben Leute, die aus „politischen“ Gründen so oft diese für die Technik so fatalen Fehlentscheidungen treffen, nicht wahr? Wenn Ihre Chefs Sie lieben, die Kunden Sie schätzen, Ihre Mitarbeiter Sie akzeptieren und Ihre Kollegen Sie tolerieren, dann – erst dann – ist Ihre Welt in Ordnung.

PS. Niemand bei Ihnen ist oder handelt „schwachsinnig“, einverstanden? Das sind doch dieselben Leute, die Sie zum Abteilungsleiter machen werden. Also sind die klug, haben Durchblick und so etwas in der Art.

Kurzantwort:

Auch wenn es hart klingt, gilt grundsätzlich: Sie tun entweder etwas Interessantes oder Sie sind etwas Interessantes – wobei im System das „Sein“ über dem „Tun“ rangiert.

Frage-Nr.: 1868
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-07-29

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