Heiko Mell 01.01.2016, 15:51 Uhr

Eine Neuorientierung, die nicht meinem Diplom entspricht …

Seit sechs Jahren in der Entwicklung von …speichern tätig, habe ich nun erkannt, mein berufliches Tätigkeitsfeld deutlich ändern zu wollen. Im aktuellen Umfeld kann ich einige herausragende, doch brachliegende Potenziale nicht effizient nutzen.

In der Leitung eines Projektes mit französischen Kollegen, beispielsweise, herrschte ein äußerst unzureichendes Verständnis für interkulturelle Zusammenarbeit – sowohl bei Mitarbeitern als auch bei meinem Management.

Mehr als mir die gewöhnlichen Leitungsaufgaben Befriedigung geben konnten, war es mir ein Anliegen, auf die bestehenden Schwierigkeiten aufmerksam zu machen und sie – mit Unterstützung von auf jenem Gebiet erfahrenen Psychologen – zu beheben. Ziel war es, eine Basis für die zukünftige Zusammenarbeit zu schaffen.

Als Beispiele von Themengebieten für mich wären neben effizienter Ausnutzung überdurchschnittlicher Sprachkenntnisse, Interesse an Kommunikationsverhalten, interkulturelle Sensitivität etc. noch einige weitere aufzulisten.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, ein Tätigkeitsfeld überhaupt erst klar bestimmen zu können, das solchen, eher nicht dem Universitätsdiplom …elektronik entnehmbaren Fähigkeiten eine Einsatzmöglichkeit gibt?

Firmeninterne Stellenanzeigen haben bisher keinerlei Schlüsselbegriffe enthalten, die mich etwa zu einem internen Abteilungswechsel hätten bewegen können.

Können Sie eine Empfehlung zu Coaches im Raum A-Stadt aussprechen, die mir weiterhelfen können, meine Berufsziele deutlicher herauszuarbeiten? Welche Literatur gibt“s zu diesem Thema?

Antwort:

Sie haben eine anspruchsvolle Frage aus dem Komplex „Beruf“ angeschnitten, haben sicher einige hochspezielle Fähigkeiten, über die viele Menschen – darunter ganz eindeutig auch ich – nicht verfügen. Wenn ich also nun hier auch einige kritische Anmerkungen mache, so sind die bestimmt nicht als Angriff zu verstehen. Ich will Ihnen – wie eigentlich allen Einsendern – durch die Hinweise helfen, mehr ist ganz sicher nicht beabsichtigt:

1. In einem Absatz über „Themengebiete“ lassen Sie sich über die Begabungen aus, die Sie sich selbst zuschreiben. Darunter „überdurchschnittliche Sprachkenntnisse“. Das glaube ich in Teilbereichen uneingeschränkt. Aber: Ich habe große Schwierigkeiten mit Ihrem Deutsch – und versichere Ihnen, dass andere sie auch haben werden. Das wiederum müssen Sie wissen, um beispielsweise Ihr Vorgehen bei Bewerbungen oder bei der Erreichung anderer beruflichen Ziele darauf abstellen zu können.

Ihr hier abgedruckter Brief ist in vielen Bereichen gar nicht mehr das Original, ich habe zu glätten, zu ordnen versucht und musste manches regelrecht interpretieren (dabei bin ich noch nicht sicher, ob ich das immer in Ihrem Sinne getan habe). Aber hier gilt ein Prinzip: Was ich nicht beim schnellen Lesen verstehe, drucke ich im Interesse der Leser entweder gar nicht ab oder dann eben in dieser Form, die ich – mit all meinen Fehlern und Schwächen – für „verbessert“ halte (ich weiß, wie schlimm sich das anhört).

Ich gebe für die anderen Leser, die ja in dieser öffentlichen Darstellung wiederum meine Denkansätze verstehen müssen, nur einmal jenen vierten Absatz mit den „Themengebieten“ im Original wieder:“

Derer Beispiele in Themengebieten wie – effiziente Ausnutzung überdurchschnittlicher Sprachkenntnisse, Interesse an Kommunikationsverhalten, interkulturelle Sensitivität, etc. sind noch einige weitere aufzulisten.“ Das zieht sich so durch Ihren ganzen Brief.

Hier geht es nicht um simple Rechtschreibung. Die Frage ist: Wer spricht so – wo haben Sie das her? Sie tragen einen der „urdeutschesten“ Namen überhaupt. Sind Sie im Ausland in einer ursprünglich deutschen Familie aufgewachsen, beispielsweise?

Aber wann immer Sie Ihre Dienste anbieten, müssen Sie wissen, dass der – deutsche – Leser ein bisschen irritiert reagiert. Sprechen wir also hier lieber von „überdurchschnittlichen Fremdsprachenkenntnissen“.

2. Wir leben in einer Zeit zunehmender „Globalisierung“, internationaler Arbeits- und Geschäftsbeziehungen. Sie sprechen Fremdsprachen, interessieren sich für interkulturelle Fragen, haben bei sich Talent, bei anderen möglichen Bedarf dafür erkannt und haben vor, sich im Rahmen einer möglichen beruflichen Umorientierung auf dieses Gebiet zu werfen, zu spezialisieren, wie auch immer. Das verstehe ich gut, dafür muss es schon heute oder wird es in Zukunft sicher grundsätzlichen Bedarf geben. Ein anderes Thema ist, ob es auch schon einen Markt dafür gibt (mit Leuten, die dafür zu zahlen bereit sind).

3. Das fast zum Modebegriff gewordene Wort von der „beruflichen Neuorientierung“ gefällt mir nicht. Es klingt so positiv – überlegt, fast vornehm und in jedem Fall harmlos. Das aber ist es nicht!

Die kürzeste Verbindung zwischen den Punkten A (Start meiner beruflichen Reise) und B (Ziel) ist die Gerade. Dieses Ideal lässt das Leben kaum zu – ein bisschen Schlangenlinie ist immer. Aber jede „Neuorientierung“ heißt doch:

„Nach 300 gefahrenen Kilometern auf der Verbindungslinie von A nach B nehme ich eine totale Zieländerung vor. Jetzt will ich, gestartet in München, nicht mehr länger nach Hamburg, jetzt will ich nach Paris.“ Dabei steht Ihnen für die Reise nur begrenzte Zeit (zwischen den Altersgrenzen 28 und 45) zur Verfügung, jetzt haben Sie in jedem Fall einen Umweg gemacht und die damit verbundenen Einschränkungen zu tragen.

Ich habe nichts gegen Zielkorrekturen während der Fahrt, aber „Neuorientierung“ klingt mir zu „schön“ für dieses Problem – und es ist eines! „Radikaler Kurswechsel“ beispielsweise klänge ehrlicher, ebenso „totale Änderung meines beruflichen Lebensplanes“.

Wer so etwas will, soll sich zumindest bewusst machen, dass er einen gravierenden Fehler gemacht hat, den er jetzt mit erheblichem Aufwand korrigieren muss. Es kann das kleinere Übel sein – aber ein Übel bleibt es!

4. Sie kennen meinen Grundsatz: Sie tun in diesem System entweder etwas Interessantes oder Sie werden etwas Interessantes. Dieses hier ist, es steht darüber, eine Karriereberatung – für Menschen, die auch oder sogar vorrangig etwas Interessantes werden wollen.

Als „Spezialist für Interkulturelles“ in einem Wirtschaftsunternehmen hätten Sie keinerlei Entwicklungs- oder Aufstiegschancen. Sie wären so wichtig wie der Tropfen Öl, der das Knarren einer Tür abstellt – aber bezogen auf die Funktion einer Tür hat das Öl kaum Bedeutung. Um vorwärts zu kommen, müssen Sie Tür sein im Hause, nicht Öl.

5. Anders herum ausgedrückt: Am weitesten kommt man beruflich, wenn man den originären unternehmerischen Interessen des Arbeitgebers dient. Hilfsfunktionen aller Art sind von Fall zu Fall auch einmal wichtig, spielen aber in der strategischen Betrachtung der Unternehmensleitung keine Rolle. Wenn Sie Ihren neuen Traumjob zehn Jahre lang ausgeübt haben, werden auch Sie sich daran reiben. Es beklagen sich bei mir zehn frustrierte Angestellte, die sich früher haben verleiten lassen, nach interessantem Tun zu streben und jetzt keine Chance zum Fortkommen sehen, auf einen, der zielstrebig auszog, um etwas zu werden.

6. Sie brauchen also einen Arbeitgeber, bei dem Ihre interkulturelle Kompetenz dem unmittelbaren Unternehmenszweck dient (z. B. eine entsprechend spezialisierte Unternehmensberatung). Oder Sie gründen eine solchen, machen sich also auf dem Gebiet selbstständig.

7. Coaches auf dem Gebiet kenne ich nicht, nicht einmal in A-Stadt. Aber wenn sich hier einer meldet, leite ich seine Adresse an Sie weiter. Das gilt auch für Literaturhinweise.

8. Als Geständnis: Ich habe versucht, beispielsweise mit Personalberatern in einem europäischen Nachbarland bei länderübergreifenden Problemen zusammenzuarbeiten. Es hat nicht funktioniert. Vermutlich lag es an mir, an wem auch sonst: Ich bin Preuße. Meine Rede ist ja oder nein, ich will oder ich will nicht. Ich verstehe, dass ich einen Auftrag habe oder eben keinen. Aber ich bin überfordert, gestern die Hoffnung auf einen fast gehabt zu haben, bei dem sich morgen herausstellt, dass eigentlich seit heute damit gerechnet werden muss, dass entweder von Anfang an alles ganz anders war oder dass man ernsthaft nie daran gedacht hatte, wohingegen durchaus …

Sie sehen, es gibt Bedarf für eine Beratung von ungeübten Menschen, die sich an interkulturellem Tun versuchen. Übrigens ist nicht überliefert, was meine damaligen ausländischen Partner über mich gedacht haben. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Oder: Sollen die sich doch einen interkulturellen Berater nehmen. Aber es gilt auch: Exportleiter werde ich besser nicht.

Frage-Nr.: 1844
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-05-29

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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