Heiko Mell

Ich bin nicht so wie ich sein sollte

Von Natur aus begegne ich – auch nach einigen negativen Erfahrungen in meiner Kindheit – mir unbekannten Personen, wenn auch nicht schüchtern, so doch zumindest zurückhaltend. Auch Bekanntschaften und Freundschaften schließe ich nicht so schnell wie manche meiner Mitmenschen. Auf meine Qualifikation und Arbeitsleistung hat dies jedoch keinerlei Einfluss, im Gegenteil: Als „Einzelgänger“ bin ich oftmals weniger abgelenkt und daher produktiver als viele Kollegen.
Obwohl ich mich erst im Grundstudium befinde, hat sich diese Eigenschaft bereits in mehreren Vorstellungsgesprächen (Zivildienst u. ä.) als nachteilig herausgestellt. Mein jeweiliges Gegenüber empfindet mich vermutlich als „unpersönlich“, „steif“ und womöglich als „teamunfähig“. Wenn ich jedoch versuche, meine Zurückhaltung zu überspielen und betont aufgeschlossen zu wirken, wird jeder halbwegs erfahrene Personalchef mein „Theater“ durchschauen und mich für einen Blender halten.
Wie soll ich mich also verhalten?

Antwort:

Zwei der Punkte, aus denen sich nach meiner Auffassung die Lösung ergibt, haben Sie schon recht gut im Griff, ich beginne mit denen:

1. Die absolut wichtigste erste Stufe im Umgang mit einer Schwäche ist deren Erkennen und Definieren sowie das Stehen zu diesem Handikap. Dabei ist es wichtig, nicht irgendwie herumzumaulen wie „Die sind alle gemein zu mir“, sondern klar zu erkennen: „Ich bin anders als die anderen, ich entspreche in diesem Bereich nicht dem Standard. Die anderen tun sich oft schwer mit mir, aber die Ursache dafür liegt nicht bei denen, sondern in meiner Persönlichkeit.“

2. Es hat absolut keinen Zweck, ein reines Überspielen dieser Schwäche zu versuchen, z. B. in Vorstellungsgesprächen. Dabei kommt ein in den Augen des Betrachters merkwürdig erscheinendes Persönlichkeitsbild heraus, bei dem die einzelnen „Puzzle“-Teile nicht zueinander passen. Schlimmstenfalls denkt der Gesprächspartner verzweifelt: „Dieser Mensch ist psychisch irgendwie gestört“ – und wendet sich mit Grausen.

3. Sie sollten so viel wie möglich gegen diese Schwäche tun, werden sie aber dennoch vermutlich nur abmildern, aber nie ganz loswerden können. Gegen kontaktstarke Naturtalente sind und bleiben Sie chancenlos, aber ein Mitschwimmen im großen Durchschnittsfeld scheint eines Tages denkbar zu sein.

Richten Sie Ihre beruflichen Zielsetzungen und Detailplanungen daran aus: So sind Jobs wie Bundeskanzler, Trainee in Großkonzernen, gehobener Manager oder Vertriebsingenieur tabu. Besser geeignet ist die Spezialistenlaufbahn – Sie müssen Fachmann sein und bleiben.Die anderen verkaufen sich besser, knüpfen schneller Kontakte, überspielen fachliche Schwächen durch starke persönliche Auftritte? Gut – aber Sie berechnen die Auswirkungen komplexer Lastsituationen auf die Radbolzen des linken Hinterrades eines Autos noch im Halbschlaf, beispielsweise.

Mit das Schlimmste, was jemandem in diesem Zusammenhang geschehen kann, ist ein Auseinanderklaffen von Können und Wollen (also das Talent liegt bei A, der Berufswunsch jedoch bei Z). So etwas kommt vor und hat ganz schreckliche Auswirkungen. Da der Mensch sein Können kaum ändern, sein Wollen aber sehr wohl beeinflussen kann, muss dabei von einem vermeidbaren Fehlverhalten als Ursache ausgegangen werden.

4. Noch sind Sie jung, in Grenzen formbar und lernfähig. Nutzen Sie diese Chance. Außerdem haben Sie nie wieder im Leben so viel Zeit übrig wie als Student. Also stürzen Sie sich in kontaktorientierte Umfelder, dass es nur so raucht. Niemand verlangt, dass Sie spontan dabei glücklich werden. Sehen Sie das so wie ich eine Diät einstufe, die mir der Arzt von Zeit zu Zeit verordnet. Oder stellen Sie sich vor, man riete Ihnen zum Aufgeben des Rauchens, zum Verzicht auf Alkohol der Leber wegen etc.Also werden Sie sofort Mitglied. Wovon ist gleichgültig. Von der Jungendorganisation einer Partei über den CVJM bis zum Brieftaubenzuchtverein (und natürlich Sport!) ist ein weites Feld. Gehen Sie da hin und machen Sie mit – nicht zum Vergnügen, sondern als Therapie! Zwingen Sie sich ruhig ein bisschen, das schadet nichts. Später, beim Eintritt in das Berufsleben, treten Sie dann wieder aus (oder auch nicht, vielleicht finden Sie Spaß daran). Aber das Mitmachen dort schult Sie.

5. Bei wichtigen Kontakten, z. B. in Vorstellungsgesprächen, habe ich sehr gute Erfahrungen mit dieser Empfehlung gemacht: Wenn es etwas Negatives herauszufinden gibt bei Ihnen, das Sie nicht verbergen können – dann lassen Sie es nicht den Gesprächspartner entdecken, sondern sprechen Sie es selbst offen an!

Das macht Sie zunächst einmal spontan freier – es ist heraus, Sie zittern nicht die ganze Zeit aus Angst, ob der Partner es nun schon weiß oder bisher nur vermutet, ob er etwas gemerkt hat oder noch nicht. Und Sie betrachten ihn nicht die ganze Zeit wie das Kaninchen die Schlange (woraufhin er sich wiederum fragt, was mit Ihnen los ist).

Also etwa so: „Bitte lassen Sie mich vorab noch eine Anmerkung machen: Ich weiß, dass ich in ungewohnten Situationen, bei neuen Kontakten – und damit natürlich besonders in Vorstellungsgesprächen – im ersten Eindruck oft sehr zurückhaltend bis verschlossen wirke. Später, im ständigen Arbeitskontakt, gibt sich das dann bald. Ich spreche das offen an, weil mir diese Zurückhaltung in der Vergangenheit schon einmal als mangelndes Interesse o. ä. ausgelegt worden ist. Das ist aber absolut nicht so, ganz im Gegenteil: Ich bin fachlich sehr breit und auch bis in die Tiefe eines Problems interessiert, scheine aber Schwächen zu haben, wenn es gilt, mich optimal zu verkaufen.“Damit ist Ihr Problem noch nicht vom Tisch, aber glauben Sie mir: Das hilft (die Empfehlung gilt auch für andere Schwächen).

6. Bleibt die professionelle Hilfe. Inwieweit ein Psychologe oder Therapeut etwas für Sie tun kann, weiß ich jedoch nicht.

Kurzantwort:

Für Vorstellungsgespräche und andere wichtige Kontakte gilt: Wenn es bei Ihnen etwas herauszufinden gibt, was der Partner negativ bis kritisch werten dürfte und was Sie ohnehin nicht verbergen können, dann sprechen Sie das Problem selbst offen an – bevor die Gegenseite es entdeckt.

Frage-Nr.: 1806
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-11-20

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