Heiko Mell

Der alte Arbeitgeber lockt

Seit Abschluss meines Studiums der …technik bin ich in der …branche tätig. Mein erster Arbeitgeber (A) reduzierte seine Belegschaft kurz nach meinem Eintritt um 25 Prozent, so dass ich betriebsbedingt nach einer Dienstzeit von nur vier Monaten in der Probezeit entlassen wurde.

Ich hatte Glück und fand im direkten Anschluss eine neue Stelle mit gleichem Aufgabengebiet und höherem Gehalt bei einem Wettbewerber (B), bei dem ich jetzt seit ca. acht Monaten tätig bin.

Nun hat mich mein Ex-Chef von A angerufen und mir mitgeteilt, dass er mich gerne wieder einstellen würde. Ich ziehe einen Wechsel durchaus in Betracht, da mir die Firmenkultur bei meinem ersten Arbeitgeber wesentlich besser gefallen hat und ich in einem äußerst kompetenten Team tätig war, in dem mich die Arbeit durchweg gefordert hat. Allerdings habe ich auch Bedenken, da diese Rückkehr gegen einige „Systemregeln“ verstoßen würde (kurze Dienstzeiten, allgemeine Rückkehrproblematik).

Alternativ habe ich überlegt, meine zwei Dienstjahre beim zweiten Arbeitgeber zu absolvieren und dann erst den Wechsel zu vollziehen.

Antwort:

1. Pastoren und Leute wie ich haben sehr große Mühe, die ihnen anvertrauten Menschen davon abzuhalten, irgendwelchen Versuchungen nachzugeben. Dabei ist bitte sehr zu berücksichtigen, dass Versuchungen ausnahmslos sehr(!) reizvoll zu sein scheinen und man ihnen nur zu gern nachgeben würde. Es gehört zum Charakter einer Versuchung, dass man immer wieder scheinbar gute Argumente findet, warum man es doch tun sollte oder möchte. Einer „Versuchung“ zu widerstehen, im nächsten Bauerndorf kostenlos das Ausmisten von Kuhställen anzubieten, ist hingegen recht einfach.

Konkret: Seien Sie gar nicht erst überrascht oder gar überwältigt von dem Reiz des Vorhabens – der ist bei jeder Art von Versuchung systemimmanent.

Die meisten Menschen reagieren übrigens so auf eine Versuchung: Sie drehen und wenden das Problem, um eine Möglichkeit zu finden, den zu erwartenden Lustgewinn mitzunehmen, gleichzeitig aber den Nachteilen irgendwie aus dem Weg zu gehen. Das jedoch geht nicht, dazu sind Versuchungen generell zu raffiniert aufgebaut.

Als Trost: Je älter man wird, desto leichter geht man damit um. Und lernt auch schon einmal, ganz schlicht schulterzuckend „Nein“ zu sagen und auf den offensichtlichen Reiz wegen des zu großen Pferdefußes zu verzichten (wobei manche Menschen auch im höheren Alter anfällig bleiben …).

2. Reden wir über die so überaus reizvolle Unternehmenskultur von A:

a) Die haben Sie ohne Würdigung von Führung und Leistung gefeuert; einfach so, Sie standen so günstig (Probezeit). Was aus Ihnen wurde, war denen egal. Mit denen würde ich vermutlich vor Ablauf von fünfzig Jahren nicht einmal mehr reden – aber das müssen Sie selbst wissen (das geht nicht gegen Ihren Ex-Chef als Person, der konnte „nichts dafür“).

b) Die haben Sie eingestellt und damit ja auch eine gewisse Verantwortung für Sie übernommen („Fürsorgepflicht des Arbeitgebers“). Nur drei Monate später hat man Sie und 25 % der Belegschaft wieder entlassen. Was ist das für ein tolles Unternehmen, das drei Monate vor einer Super-Massenentlassung noch fröhlich Leute einstellt? Und jetzt, nur wenige weitere Monate danach, wieder fröhlich Einstellungen tätigt? Was machen die im nächsten Jahr?

3. Ihr heutiger Arbeitgeber, in derselben Branche tätig, hat ganz offensichtlich gar keine Massenentlassung durchführen müssen, hat Sie aufgenommen, als Sie faktisch arbeitslos auf der Straße standen und Sie sogar noch sehr anständig honoriert. Hätte der nicht, wenn schon nicht Dankbarkeit, so doch etwas Loyalität verdient?

4. Ihr Ex-Chef von A hat Sie angerufen. Das schmeichelt Ihnen – das darf es auch. Aber: Jedes an Sie herangetragene Angebot ist gut und im Zeitpunkt passend – für den, der es macht. Ob es zufällig(!) auch für den Angesprochenen gut ist, muss individuell und misstrauisch geprüft werden (die Wahrscheinlichkeit dafür ist eher gering).

4. Dazu addieren sich die – Ihnen grundsätzlich bekannten – Vorbehalte gegen eine Rückkehr zum alten Arbeitgeber. Da ist die Dienstzeitproblematik, da ist aber auch das „Band des Urvertrauens“, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer verbinden sollte und das bei Ihnen zerschnitten wurde und jetzt nur geflickt, aber nicht neu geknüpft würde. Besonders kritisch aber wäre, dass Sie nach einer Rückkehr auf viele Jahre hinaus an A gefesselt wären: Sie könnten dort nicht wieder weggehen, ohne sich lächerlich zu machen. Man soll aber als Angestellter nicht so operieren, dass man „das unsichtbare Schwert, auf dem ‚Kündigung“ steht“, im Notfall gar nicht ziehen könnte, man muss sich hingegen stets möglichst viele Handlungsalternativen erschließen oder bewahren.

Und sollte man Ihnen nach Rückkehr zu A arbeitgeberseitig aus irgendwelchen Gründen nochmals kündigen, würden Sie in den Augen von Bewerbungsempfängern zu einer Mischung aus trauriger Gestalt und Witzfigur. Könnten Sie eine erneute Kündigung durch A mit Sicherheit ausschließen? Das kann niemand.

5. Die Idee, bei B zwei Jahre voll zu machen und dann zu wechseln, macht die Sache auch nicht viel besser. Vor allem: Ist A dann überhaupt noch an Ihnen interessiert? Zum heutigen Zeitpunkt kann doch niemand etwas dazu sagen.

Mein Rat: Schreiben Sie A „fürs Leben“ ab. Bleiben Sie bei B eine vernünftig lange Zeit – und denken Sie dann darüber nach, welches Unternehmen sich als C in Ihrem Lebenslauf gut machen würde.

Kurzantwort:

So reizvoll mitunter die Versuchung einer Rückkehr zum alten Arbeitgeber auch sein mag – denken Sie daran, dass Sie damit Ihre späteren Handlungsalternativen reduzieren würden. Ein Angestellter sollte damit sehr zurückhaltend umgehen.

Frage-Nr.: 1801
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-11-06

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