Heiko Mell

Berater: Und wenn ich scheitere?

Ich habe an der TH Elektrotechnik studiert und bin jetzt an der Universität … mit meiner nichttechnischen Promotion beschäftigt, strebe nun nach einem ingenieurwissenschaftlichen Studium eine Dissertation im betriebswirtschaftlichen Umfeld an. Es stellt sich die Frage nach einem geeigneten Berufseinstieg.

Mit meinem Profil stellen die Unternehmensberatungen eine interessante Option dar. Ich muss auch sagen, dass mich eine Tätigkeit in diesem Umfeld sehr reizen würde (u. a. Karrieresprungbrett). Meine ersten Kontakte mit entsprechenden Firmen waren sehr positiv und man hat mir klar Interesse signalisiert (z. B. auch ein sehr namhaftes Unternehmen).

Nun ist mir sehr wohl bewusst, dass dieses Umfeld ein sehr anspruchsvolles ist. Gestandene Berater sagten mir, dass man in regelmäßigen Abständen die Entscheidung neu treffen muss, ob man das Tempo und den Druck in dieser Branche weiter mitgehen könne oder wolle. Ich halte mich für ehrgeizig und für einen durchaus auch fähigen Kandidaten. Allerdings weiß ich auch, dass mein bisheriger Werdegang immer sehr ordentlich, aber eher nicht in der Region der besten 1 bis 2 % verlaufen ist. Kurz gesagt frage ich mich, ob ich den Herausforderungen einer so anspruchsvollen Umgebung auf Dauer gewachsen sein werde.

Sollte ein solches Engagement möglicherweise nach einem Jahr vorbei sein (weil ich „gewogen und zu leicht befunden“ wurde oder mir mein Leben doch anders vorstelle als im Berateralltag), dann ist meine Frage: Wäre dies ein Makel im Lebenslauf oder würde es heißen, er hat es geschafft, dort überhaupt einen Job zu bekommen und ist in diesem Umfeld ein Jahr geschliffen worden?

Darf sich ein karriereinteressierter Ingenieur überhaupt die Frage nach den Eventualitäten des Scheiterns stellen?

Antwort:

Daran, wie beeindruckt Sie von jenem Metier sind, erkennen Sie, was den guten Berater ausmacht: Auftreten, positive Darstellung nach außen und die Überzeugung: Wo er ist, ist vorn oder oben oder die Elite. Das hat man Ihnen bisher vermittelt. Da ist sogar etwas dran, aber nicht so viel, wie Sie es im Augenblick sehen. Mir stellt es sich in etwa so dar:

1. Insbesondere die großen internationalen Unternehmensberatungen haben Top-Leute: intelligent, eloquent, kundenorientiert, beweglich und belastbar. Es ist eine Freude, einen solchen Berater später im Vorstellungsgespräch zu haben, er verkauft sich zumeist hervorragend.

2. Lassen Sie sich bloß nicht einreden, die 1 bis 2 % Elite der Nation sei bei den Beratungsgesellschaften tätig und die „stationären“ Unternehmen müssten mit dem Rest zufrieden sein. Man kocht auch bei den Beratungen nur mit Wasser, was die rein fachlichen Aspekte angeht. Oft, so berichten deren Mitarbeiter, sei gesunder Menschenverstand in Verbindung mit überzeugendem, gewandten Auftreten die entscheidende „Waffe“. Ich will niemandem zu nahe treten, aber oft wissen Berater gar nicht mehr als die Mitarbeiter in den betreuten Unternehmen, sie bereiten die Dinge nur überzeugender auf, haben den Vorteil des unbefangenen Außenstehenden, der auf keine internen „Fallen“ Rücksicht nehmen muss – und sie zehren vom Nimbus des großen „Gurus“, der es ja wissen muss. Häufig bewegen Berater etwas, was das hauseigene Management dem Vorstand seit Jahren vergeblich gepredigt hat oder sich bloß nicht zu predigen traut.

3. Unbestritten und unbestreitbar ist die Belastung für den jungen Einsteiger: Die ganze Woche irgendwo unterwegs, lange, sehr lange Arbeitstage, sehr hoher Leistungsdruck. Davon zeigen sich schon einmal Berater überfordert. Dass sie sich vom fachlichen Anspruch überfordert fühlen, hört man hingegen selten.

Also: Wenn Sie Studium und Promotion mit guten und sehr guten Noten abschließen, auch sonst ein „aufgeweckter Mensch“ sind und die Aufnahmeformalitäten durchlaufen haben, dann scheitern Sie auch nicht an fachlicher Überforderung.

Dann schon eher an der physischen Belastung. Das aber ist eine Frage des Wollens (oder auch des Drucks von Freundin oder Ehefrau etc.). Aber ein ehrgeiziger, gesunder Mensch, der das durchhalten will, kann das auch zwei Jahre durchstehen, mehr ist nicht nötig.

4. Nach einem Jahr zu gehen, ist hingegen schlecht. Gekündigt zu werden, ist nie gut, da bleibt immer etwas hängen. Und wegen der Belastung zu gehen, erweckt den Eindruck schlechter Planung, mangelnder Stressstabilität etc. Nein, das wird nicht dadurch aufgewogen, dass Sie ein so „großer Name“ überhaupt genommen hat. Es wäre eine Niederlage. In Harvard durch das Examen zu fallen, wird auch nicht dadurch ausgeglichen, dass man Sie dort überhaupt genommen hat.

5. In der Marktwirtschaft gilt: Ohne Risiko kein Geschäft. Sie wollen den Einstieg über die in Ihren Augen strahlende Beraterwelt – dann dürfen Sie auch vor dem Risiko keine Angst haben. Es kann Ihnen auch auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch bei einer Bundesbehörde ein tödlicher Verkehrsunfall widerfahren.“Nur nicht ängstlich“, sprach der Hahn zum Regenwurm – und fraß ihn (Volksweisheit).

Aber: Wenn Ihre Bedenken bleiben oder stärker werden, lassen Sie die Finger davon. Erstens soll man auf seinen „Bauch“ hören und zweitens fürchtet der Prototyp des Top-Beraters weder „Tod noch Teufel“.

Als Vorschlag: Seien Sie in einem Vorstellungsgespräch bei einem solchen Beratungsunternehmen einmal weitgehend ehrlich, deuten Sie ruhig Ihre Bedenken an und lassen Sie die Leute für Sie mit entscheiden; die wissen schon, wer vom Typ her zu ihnen passt.

6. Dass relativ viele Berater später einmal bis in höchste Managementebenen „stationärer“ Unternehmen aufsteigen, liegt vor allem an den weitgehend identischen Grundanforderungen in beiden „Welten“:

– gutes Studienresultat, internationaler Touch,

– fachliche Qualifikation als selbstverständliche Basis (mehr aber auch nicht, sie ist selten „kriegsentscheidend“),

– Aussehen, Auftreten, Umgangsformen, Darstellungstechnik, Überzeugungskraft und die Fähigkeit, sich optimal zu „verkaufen“,

– Blick für das Wesentliche, für Zusammenhänge, für die Ansprüche höherer Entscheidungsebenen,

– hohe Belastbarkeit, Flexibilität, Mobilität – verbunden mit der Bereitschaft, den erforderlichen Preis für die Karriere zu zahlen,

– die klare Abneigung, jemals der „intime“ Detailspezialist in einer Fachabteilung zu werden oder gar zu bleiben,

– „Mut vor Fürstenthronen“, also im Ton angemessen, in der verfochtenen Sache aber engagiert-entschlossenes Auftreten vor höchsten Entscheidungsebenen, „Kampfgeist“ und die Fähigkeit, andere für eigene Ideen zu begeistern.

Kurzantwort:

Die großen internationalen Beratungsgesellschaften sind ein möglicher Weg für den Berufseinstieg des karriereinteressierten Anfängers. Eventuelle Befürchtungen von Bewerbern gegenüber diesem Weg (es werden dort ohnehin nur Top-Kandidaten akzeptiert) müssen weniger den fachlichen als den physischen Belastungen gelten, die dort gestellt werden.

Frage-Nr.: 1784
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-08-31

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